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Sorge vor dem Kontrollverlust

Sprunghaft steigende Corona-Infektionszahlen alarmieren Experten, Gesundheitsminister und Kanzlerin

  • Von Markus Drescher
  • Lesedauer: 3 Min.

Knapp 3000 am Mittwoch, fast 4000 am Donnerstag und am Freitag? Die Anzahl der bestätigten Coronainfektionen eilt von Höchstwert zu Höchstwert, wie sie zuletzt im April gemeldet wurden - und Experten sowie Politik befürchten, dass das Infektionsgeschehen bald völlig aus dem Ruder laufen könnte. Es sei »möglich, dass wir mehr als 10 000 neue Fälle pro Tag sehen und dass sich das Virus unkontrolliert verbreitet«, so Lothar Wieler, Präsident des Robert-Koch-Instituts am Donnerstag in Berlin. Und der Bundesgesundheitsminister erklärte, es gelte zu verhindern, dass die Zahlen insgesamt wieder exponentiell steigen und es zu einem Moment komme, »wo wir die Kontrolle verlieren«, so Jens Spahn (CDU). Aber, so der Minister: »Da sind wir noch nicht.«

Wo sich Deutschland allerdings wahrscheinlich befindet, ist an dem Scheideweg, vor dem viele andere Staaten weltweit auch bereits standen: Stabile Zahlen und ein relativ »normales« Alltagsleben oder massiver Anstieg mit folgenden erneuten starken Einschränkungen. Erschwerend kommt im Augenblick die anstehende Saison von Erkältungskrankheiten und Grippe hinzu.

Noch setzt der Gesundheitsminister vor allem auf Appelle sowie das Mitwirken der Bevölkerung und bezeichnet die Pandemie als »Charaktertest für uns als Gesellschaft«, so Spahn. »Wir dürfen das Erreichte nicht verspielen.« Deutschland sei bisher gut durch die Krise gekommen. »Es liegt an uns allen«, appellierte Spahn, »wenn 80 Millionen mitmachen, sinken die Chancen des Virus gewaltig.« Abstand, Hygiene, Alltagsmasken, die Corona-Warn-App und im Winter regelmäßiges Lüften seien die wirksamsten Waffen gegen Neuinfektionen.

Einen erneuten Lockdown sieht Spahn für Deutschland aber nicht bevorstehen, man wisse nun deutlich mehr über die Verbreitung des Virus als im Frühjahr. Wo die Regeln eingehalten würden, wirkten sie auch: »Wir haben keine Ausbrüche beim Einkaufen. Wir haben keine Ausbrüche beim Friseur. Wir haben kaum Ausbrüche im öffentlichen Nahverkehr«, so Spahn. Auch in Kindergärten und Schule laufe es »vergleichsweise gut«. Das Problem seien Zusammenkünfte vieler Menschen auf engem Raum, wo die Regeln nicht eingehalten würden. Dort seien regionale Beschränkungen nötig.

Wieler erklärte, dass sich derzeit vor allem junge Leute ansteckten. Man sehe aber auch wieder mehr Ausbrüche in Altenheimen und Krankenhäusern. Wenn mehr ältere Menschen erkrankten, werde es wieder mehr schwere Verläufe und Todesfälle geben, so der RKI-Präsident. Und: Niemand könne voraussagen, wie sich die Lage weiter entwickeln werde. Die aktuelle Situation jedenfalls beunruhige ihn sehr.

Als Corona-Hotspots sind derzeit vor allem (große) Städte auszumachen. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) will sich deshalb am Freitag in einer Videokonferenz mit Oberbürgermeistern und Bürgermeistern von elf Städten in Deutschland austauschen, die derzeit hohe 7-Tage-Inzidenzen von Corona-Neuinfektionen meldeten, teilte ein Regierungssprecher am Donnerstag mit. Nach Informationen des »Spiegel« sollen die Oberhäupter von Berlin, Hamburg, Bremen, München, Frankfurt am Main, Köln, Düsseldorf, Dortmund, Essen, Leipzig und Stuttgart an der Schalte teilnehmen. Im ARD-»Morgenmagazin« hatte Hamburgs Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) am Mittwoch erklärt, er sehe die Eindämmung der Infektionen vor allem in den Städten als Schlüssel im Kampf gegen Corona. »Die Pandemie wird in den Metropolen entschieden«, so der studierte Mediziner Tschentscher.

Laut Deutscher Krankenhausgesellschaft stehen derzeit mehr als 30 000 für Covid-19-Patienten geeignete Intensivbetten zur Verfügung, 12 000 weitere Intensivbetten könnten »kurzfristig aktiviert« werden. Diese Zahlen lägen »weit über dem Niveau anderer europäischer Länder«. Nach Angaben von Wieler waren zuletzt 470 Intensivbetten mit Corona-Patienten belegt. Diese Zahl habe sich in den vergangenen Wochen verdoppelt. Mit Agenturen

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