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Ein Witz

Herbert Feuerstein brachte Glanz in die Tristesse deutscher Komik

  • Von Leo Fischer
  • Lesedauer: 4 Min.

Nachrufe wären ihm wohl unsäglich peinlich gewesen - natürlich auch dieser hier. Wer seine Autobiografie, »Die neun Leben des Herrn F.« liest, erhält einen Eindruck davon, wie viel ihm peinlich war: wie sehr er unter vermeintlichen und wirklichen Fehlern gelitten hat (denen der anderen wie den eigenen), wie streng er mit sich selbst und der Welt ins Gericht ging. Doch es hilft nichts, Nachrufe müssen trotzdem geschrieben werden, sogar der auf Herbert Feuerstein. Und bei vollem Peinlichkeitsrisiko sei es hier einmal hingeschrieben: Dieser Mann war eine literarische Offenbarung, nicht weniger. Er hat die deutsche Sprache auf eine Weise verändert, wie das sonst vielleicht nur Erika Fuchs mit ihrer Übersetzung der klassischen Donald-Duck-Comics gelang. Er - der schon vor fünf Jahren einen Nachruf auf sich selbst verfasste, den der WDR nun veröffentlichte - hat ein bisschen internationalen Glanz in die Tristesse deutschsprachiger Komik hineingetragen, die das doch gar nicht verdient hatte. Und das alles letztlich mit Klauen und Abschreiben, mit brachialer Appropriation!

Das deutschsprachige »MAD«-Magazin übersetzte er mal mit dem Stemmeisen, mal elegant. Dem damaligen Trend, in Synchronisationen und Übersetzungen auch sämtliche Anspielungen zu germanisieren, konnte er wenig abgewinnen: In den von ihm übersetzten Filmparodien Mort Druckers blieben oft seitenweise Amerikanismen stehen; in Dave-Berg-Comics fanden sich Hinweise auf US-Präsidenten und Bundesstaaten, von denen das deutsche Publikum wohl nie auch nur gehört hatte. Er hatte wenig Lust (und wahrscheinlich, als einziges Redaktionsmitglied, auch zu wenig Zeit), überall SPD-Politiker hineinzuerfinden - er mutete seinem Publikum einfach das Original zu. Wer weiß, was er dadurch für die deutsch-amerikanische Freundschaft geleistet hat? Seine internationale journalistische und künstlerische Ausbildung machte das Deutsch des ehemaligen Musikkritikers präzise, klar und gewitzt; die massenhafte Verbreitung der Klolektüre »MAD« dürfte dabei mehr zur Alphabetisierung der aktuellen Autor*innengeneration beigetragen haben als die überschätzte einheimische Popliteratur.

Bei aller Härte der Pointen war »MAD« doch eine sehr warme Angelegenheit: Wer als Zehnjähriger »MAD« eine Postkarte schrieb, bekam eine persönliche Antwort von ihm - mit einer individuellen Beleidigung, die von Alfred E. Neumann höchstselbst zu stammen schien. Man war als »MAD«-Leser Teil einer intimen Gemeinschaft peinlicher Gestalten, die von ihrer eigenen Peinlichkeit wussten - und sich daraus das Recht ableiteten, die Peinlichkeit der anderen bloßzustellen.

In vielen Nachrufen wird auf Feuersteins Bedeutung für das Fernsehen hingewiesen. Eine Folge »Schmidteinander« ist, heute gesehen, allerdings in dieser Hinsicht eher eine Enttäuschung: Da sieht man, wie der dezente, höfliche Feuerstein verzweifelt versucht, eine interessante und lebendige Konversation mit dem leidenschaftlich auf sich selbst verwiesenen Harald Schmidt herzustellen, der letztlich in jeder Folge auf Autopilot läuft. Hier bahnt sich bereits ein Verhängnis an: die Geburt von deutscher »Latenight« nicht als Übernahme der warmherzigen amerikanischen Frotzel- und Ironiekultur, sondern als blasse Imitation, als Variante der deutschen Talkshow, als Station zum Aufsagen von talking points. Und dies in einer behaupteten Coolness, die eigentlich doch nur wieder den deutsche Sozialcharakter spiegelt: ein weiterer Anzugmann, der uns sagt, wo’s langgeht, nach Abteilungsleiter und Tagesschausprecher.

Im privaten Gespräch hat er, mit seiner für die Branche völlig untypischen Bescheidenheit, seinen Einfluss auf Schmidt wie auch aufs Fernsehen selbst gern heruntergespielt. Der Ton wurde dann aber auch mal unsachlich. »MAD« hingegen scheint zeitlebens seine große Liebe gewesen zu sein. Rührend, die zahllosen winzigen Gastrollen, die er noch hochbetagt in kleinsten Comedy-Produktionen annahm, sichtbar einfach aus Sympathie zu den jungen Leuten und vielleicht auch mit vager Hoffnung auf die sanfte Entprovinzialisierung des deutschen Fernsehens wie auch der Komik.

Zweimal ließ er sich von der »Titanic«-Redaktion zu unserer kleinen Probebühne im Frankfurter »Club Voltaire« einladen, was er, der doch schon beim Vorgängerblatt »Pardon« gearbeitet und überhaupt die ganze neuere deutsche Witzelei praktisch mitbegründet hatte, ohne Zeichen von Ironie als »Ehre« bezeichnete. Sein Vertrauen in die Jugend, sein echtes Interesse an Neuem und seine verschmitzte Art verzauberten das Publikum: Mit Standing Ovations wurde er verabschiedet. Man hatte das Gefühl, an etwas Großem teilgenommen zu haben, ohne sagen zu können, warum.

Leo Fischer war von 2008 bis 2013 Chefredakteur der »Titanic«

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