Altenpflege

Osteuropäisch, weiblich, älter und aufopfernd

Arbeitskräfte in der Altenpflege stärken ihre Marke mit bestimmten Zuschreibungen, sagt die Soziologin Eva Palenga-Möllenbeck

Von Susanne Romanowski

In der sogenannten 24-Stunden-Altenpflege ist die Mehrheit der Beschäftigten weiblich. Welche Rolle spielen Geschlechterrollen für die Branche?
Diese Arbeit kann man ohne Geschlecht nicht denken. Sie wird gewissermaßen naturalisiert und wird so zu einem Instrument der Akquise. Indem Agenturen es so darstellen, als wären die notwendigen Qualifikationen angeborene, weibliche Eigenschaften, als wäre das etwas, das alle Frauen können, kann man Frauen mit ganz verschiedenen professionellen und persönlichen Hintergründen für die Arbeit als Pflegekraft gewinnen.

Die meisten Pflegekräfte kommen aus Osteuropa. Hat das neben rechtlichen und wirtschaftlichen Aspekten auch kulturelle Gründe?
Ja, bei der 24-Stunden-Pflege spielt neben Vergeschlechtlichung auch Ethnisierung eine große Rolle. Man geht davon aus, dass es Frauen aus bestimmten Herkunftsländern sind, die die Arbeit gut machen, weil sie »traditioneller« sind und ganz anders als die vermeintlich liberalen Frauen aus dem Westen.

Gelten osteuropäische Frauen dabei als einheitliche Gruppe oder gibt es Unterschiede in der Wahrnehmung?
Unterschiede gibt es im Framing von jüngeren und älteren osteuropäischen Frauen. Man geht davon aus, dass jüngere Frauen anspruchsvoller und moderner sind und diese Arbeit vermeintlich nicht so gut verrichten können wie Frauen, die älter sind und sich einfacher unterordnen. Man muss dabei aber anmerken, dass Frauen, die älter sind und die auf dem Arbeitsmarkt sonst keine Chance hätten, aufgrund dieser Zuschreibungen in gewisser Hinsicht privilegiert sind.

Sie schreiben in einem Artikel, dass polnischen Frauen von deutscher Seite Pragmatismus und Warmherzigkeit zugeschrieben werden. Viele polnische Pflegekräfte erzählten mir, dass das Qualitäten sind, die sie mit Stolz für sich beanspruchen. Tragen Pflegekräfte also zu dieser Ethnisierung bei?
Ja, das beruht auf Gegenseitigkeit. Als Arbeitskräfte müssen sie sich verkaufen und behaupten. Da ist es durchaus eine Möglichkeit zu sagen: Wir machen das anders als die Deutschen, auch in Abgrenzung zu einheimischen Arbeitskräften und Familienmitgliedern. In soziologischem Jargon könnte man sagen, das ist eine Art Stigma-Management. Die Frauen befinden sich ohnehin in einer prekären Lage und können so die eigene Arbeit aufwerten. Es geht aber nicht nur um wirtschaftliche Aspekte, die Pflegekräfte haben auch moralische Ansprüche.

Wie sehen die aus?
Selbst die Agenturen geben zu, dass keine deutsche Arbeitskraft so eine Aufgabe auf sich nehmen würde: in einen fremden Haushalt einziehen und 24 Stunden täglich, wochenlang, mit einer dementen Person zusammenleben, für 1200 Euro. Die Arbeit ist auch psychisch und emotional belastend. Deswegen machen sich viele Pflegekräfte zunutze, was in der Soziologie »moral economy of care« heißt: Sie sagen, diese Arbeit macht Sinn, deswegen lohnt es sich, alles für sie zu geben. Die Idee der Aufopferung wird dabei nicht nur als Strategie genutzt, um die Arbeit psychisch durchzustehen, sondern auch, um die eigene Marke als ausländische Arbeitskraft zu stärken.

Wenn es vor allem Frauen sind, die als Pflegekräfte für Wochen am Stück ins Ausland gehen: Wie wirkt sich das auf die Geschlechterverhältnisse innerhalb ihrer eigenen Familien aus?
Was wir aus anderen Kontexten der Geschlechterforschung kennen, bestätigt sich auch hier: In heterosexuellen Haushalten bleibt Care-Arbeit Frauenarbeit. Dabei ist es egal, wie viel Erwerbsarbeit die Frau leistet, die Care-Arbeit bleibt an ihr »hängen«. Das ist eine kulturelle Codierung, zum Beispiel in Polen und in der Ukraine. Es waren immer Frauen, die sich teilweise mit modernen Vätern die Arbeit geteilt haben, aber umgekehrt zeigt die Forschung zu männlicher Migration krasse Unterschiede.

Welche?
Frauen, die zuvor der Erwerbsarbeit nachgegangen sind, werden zu Hausfrauen, weil sie sagen, der Mann muss sich klassisch um die Familie kümmern, indem er Geld verdient. Frauen werden dazu oft gedrängt, viele haben zuvor gern gearbeitet. Männliche Migration führt oft zu einer Retraditionalisierung der Geschlechterrollen.

Wer übernimmt die Care-Arbeit, wenn Frauen ins Ausland gehen?
Oft sind es Nachbarinnen und Familienmitglieder, vor allem Großmütter. Wir kennen einige Familien, in denen sich polnische Frauen eine Pflegerinnenstelle teilen. Das heißt, während die Mutter eines Kindes alte Menschen in Deutschland pflegt, kümmert sich die Großmutter um das Kind. Kommt die Mutter wieder, tauschen sie die Rollen.

Nun sagen viele Frauen, dass sie grundsätzlich gern in der Altenpflege arbeiten. Wie müsste sich die Branche ändern, um ausbeuterische Dynamiken zu stoppen? Geht das?
Zunächst müssten grundsätzliche Arbeitnehmerrechte eingehalten werden, also regulierte Arbeitszeit, angemessene Bezahlung, Lohnfortzahlung bei Krankheit. Das müsste systemisch gelöst und nicht, wie es heute der Fall ist, als reine Verhandlungssache zwischen Pflegehaushalten und Arbeitskräften betrachtet werden. Es müsste garantiert werden, dass die Live-In-Pflegekräfte nicht pausenlos allein bereitstehen müssen, sondern dass auch andere Formen der Unterstützung einbezogen werden, etwa professionelle Pflegedienste oder teilstationäre Aufenthalte. Man läuft dabei allerdings Gefahr, dass in so einem »Pflegemix« die weniger formalisierte, vergeschlechtlichte, ethnisierte Arbeit der Migrantinnen durch die professionelle Ergänzung weiter abgewertet wird.

Sollten Live-In-Betreuungen aus Ihrer Sicht abgeschafft werden?
Es gibt Wissenschaftlerinnen, die sich dafür aussprechen, da die Einhaltung der Arbeitsbedingungen in den Familien quasi nicht zu kontrollieren ist. Diese Arbeit komplett abzuschaffen kommt mir gegenüber den betreuenden Pflegekräften aber bevormundend vor. Denn es ist eben nicht von der Hand zu weisen, dass die Möglichkeit, auf diese Weise die eigene Existenz zu sichern, bei allen Härten durchaus im Interesse der migrantischen Pflegekräfte liegt und sie sich vor dem Hintergrund ihrer Lebensrealität bewusst für diese Tätigkeit entscheiden.

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