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»Ökoleninismus«

Corona ist ein Kind der Dürre

Verbote, Verknappung, Vernunft: Andreas Malms »Ökoleninismus«

Von Philip Bergstermann

In Reaktion auf die Bedrohung durch die Covid-19-Pandemie haben sich neue Unterscheidungen etabliert. In den westlichen Industriestaaten zum Beispiel diejenige zwischen essenziellen, auf menschliche Grundbedürfnisse ausgerichtete Produktions- und Dienstleistungssektoren - und Bereichen der Wirtschaft, deren Profitinteressen dem allgemeinen Wohl zumindest auf Zeit geopfert werden konnten. Ein in den Jahrzehnten zuvor geradezu undenkbarer Vorgang. All die Verstaatlichungen und Anflüge von Kommandowirtschaft - man denke nur an die Verwendung des »Defense Production Act« durch US-Präsident Donald Trump, schienen dafür zu sprechen, dass diese Krise neue Perspektiven auf Wirtschaft und Eigentum nach sich ziehen könnte.

Diese Beobachtung, die in den vergangenen Monaten freilich des Öfteren geäußert wurde, bestimmt die Einleitung des neuen Buchs des schwedischen Humanökologen Andreas Malm. Er erklärt plausibel, warum die Klimakrise bislang keine ähnliche staatliche Reaktion hervorruft. Dabei ist das Ausmaß der Bedrohung durch die Klimakrise um ein Vielfaches höher als durch das Virus, und auch der Stand der Forschung zur menschengemachten Erderhitzung ist erheblich valider als alles, was wir bisher über das Sars-CoV-2-Virus wissen: Einschneidende Klimaschutzmaßnahmen kollidieren offensichtlich schärfer mit den Interessen des nationalen Wirtschaftsstandorts und vor allem des fossilen Kapitals.

Ein Vergleich zwischen Krieg und Patrone

Malms Stärke ist es, beide Krisen zusammenzudenken. So rekonstruiert er, wie die kapitalistische Weltwirtschaft Pandemien den Boden bereitet. Zwar hat es die Abholzung ganzer Wälder bereits vor dem Kapitalismus gegeben - ebenso wie weltweite Seuchen. Doch zum Zwecke des Profits werden heute Naturräume in immer größerem Ausmaß für Waren wie Fleisch, Soja und Palmöl vernichtet, die vorrangig für den Globalen Norden bestimmt sind. Dabei werden Wildtiere in die Nähe der genetisch homogenisierten und zusammengepferchten Nutztiere getrieben, wodurch sich die Chancen einer Übertragung von Krankheiten auf den Menschen multiplizieren. Wie schon das längst klassische und als Einfluss hervorscheinende Werk »Vogelgrippe« des amerikanischen Historikers Mike Davis aus dem Jahr 2005 liest sich »Klima|x« hier teils so spannend wie ein Krimi - indem deutlich wurde, wie viel Glück die Menschheit in jüngerer Zeit hatte, nicht von einer solchen Pandemie getroffen worden zu sein.

Bezüglich des Zusammenhangs zwischen Virus- und Klimakrise ergibt sich für die jüngsten drei Fälle, in denen in den vergangenen 20 Jahren Coronaviren auf Menschen übersprangen - Sars, Mers, Sars-CoV-2 - ein immer deutlicheres Bild: Diese Ausbrüche folgten jeweils auf extreme Dürreereignisse, die die jeweiligen Wirtstiere unter Stress setzten. So ist laut Malm eine Gegenüberstellung von Erderhitzung und der neuen Infektionskrankheit ein Kategorienfehler - wie der Vergleich zwischen einer Krieg und einer Patrone. Daher scheint es dringend geboten, den Blick auf die geteilten Ursachen dieser Krisen zu richten. Und der kapitalistische Staat kann dabei kaum bis zur Wurzel des Problems vorstoßen.

Bis zu diesem Punkt wäre »Klima|x« nur eine gelungene Zusammenfassung der Ursachen und Verläufe dieser beiden gravierenden Krisen. Anregend macht das Buch freilich Malms provokanter Ruf nach einem »Kriegskommunismus« des 21. Jahrhunderts. Nun wird die radikale, staatlich angeordnete Umstellung von Marktwirtschaften auf Kriegswirtschaften, etwa der US-Wirtschaft im Zweiten Weltkrieg, gerne als Vorbild für Maßnahmen herangezogen, die das 1,5-Grad-Ziel des Pariser Klimaschutzabkommens noch erreichbar machen könnten: Statt die Produktion von Pkw auf Bomber und Munition - oder in der Pandemie auf Masken und Beatmungsgeräte umzustellen, seien dann eben Windturbinen und Solarzellen, Züge und E-Busse zu produzieren.

Doch diese Analogie einer Kriegswirtschaft hat Grenzen: Im historischen »Kriegssozialismus« des Deutschen Reiches etwa wurden grundlegende Eigentumsverhältnisse nie in Frage gestellt, große Profite standen wegen der enormen Staatsnachfrage in Aussicht - und fossile Treibstoffe wurden in noch weit größerem Ausmaß benötigt. Die Klimakrise würde hingegen eine Mobilisierung erfordern, die Nachfrage und Produktion senken, Profite vernichten und sich so fundamental gegen die Interessen zumal des fossilen Kapitals stellen müsste.

Richtig bleibt dennoch die Einsicht, dass ein schnelles Handeln auf der gebotenen Skala ohne staatliche Akteure nicht vorstellbar ist. »Klima|x« enthält daher zwei kurze Nachrufe: sowohl auf die klassische Sozialdemokratie, für deren graduellen Reformismus keine Zeit mehr bleibe, als auch auf den Anarchismus. Zwar erwähnt Malm lobend die inspirierenden dezentralen Selbsthilfenetzwerke, die im Rahmen der aktuellen Pandemie entstanden. Doch haben solche Netzwerke schlicht nicht die »hard power«, den notwendigen Umbau in gebotener Geschwindigkeit durchzusetzen.

Wie ein Rettungstrupp bei einem Grubenunglück

Malm, der selbst aus einer anarchosyndikalistischen Strömung stammt, führt in einer provokanten Volte den Kriegskommunismus der Bolschewiki als die akkuratere Analogie an. Natürlich distanziert er sich dabei von Massenerschießungen ebenso wie von der Militarisierung der Arbeit, die mit demselben einherging. Er betont, dass auch negative Lehren aus dieser Geschichte zu ziehen sind: Meinungs- und Versammlungsfreiheit etwa dürften selbst im Klimanotstand nie aufgegeben werden. Allerdings hält er es den Bolschewiki zugute, in einer Katastrophenlage konsequent aus der Not eine Tugend gemacht zu haben. Als die westlichen Invasionstruppen im Bürgerkrieg die Kohleversorgung kappten, wurden Produktion und Armee in Windeseile auf Holz umgestellt.

Ein solcher »ökologischer Leninismus« ist vor allem als die strategische Perspektive zu verstehen, planwirtschaftliche Maßnahmen nicht nur gegen die Symptome, sondern die Ursachen der Krise einzusetzen. Die objektive Logik der Situation lasse damals wie heute keinen anderen Ausweg. Selbst durch den gewaltigen Konjunktureinbruch im Zuge des weltweiten Shutdowns dürften die globalen Emissionen im Jahr 2020 um höchstens fünf Prozent fallen - das Pariser Klimaschutzabkommen erfordere jedoch 7,6 Prozent - und zwar jährlich bis 2030. Es verwundert nicht, dass Malm vor allem Lenins Gebot der Eile betont.

Die Sofortmaßnahmen, die das Buch anführt, bezeichnet der Autor selbst als drakonisch: Verbot von Fleisch und anderen Gütern aus tropischen Regionen, stattdessen Finanzierung der Aufforstung; Verbot von Kontinentalflügen und Kreuzfahrten. Passagenweise liest sich das wie ein Lob des Verbots schlechthin - eine lohnende Übung, um eine ehrlichere Klimabewegung zu werden. Dabei würde man Malms Argumentation verkennen, wenn man sie für moralisch hielte. Zum Schutz der Nahrungssicherheit und vor weiteren Pandemien sei dies die einzig vernünftige Reaktion. Der Sozialismus, den Malm skizziert, ist dann auch weniger Utopie als vielmehr ein Rettungstrupp bei einem Grubenunglück, wie er Terry Eagleton zitiert. Aber zum einen schöpft Malm die Hoffnung aus der Coronakrise, dass die Menschen auch einschneidende Maßnahmen mittragen, wenn sie gut erklärt und diese demokratisch legitimiert sind. Und zum anderen könne eine Abkehr von Wachstumszwang und Profit die allgemeine Lebensqualität verbessern.

Natürlich landet Malm mit seinem Bild eines »ökologischen Leninismus« im Dilemma. Der kapitalistische Staat ist aufgrund der Logik der internationalen Konkurrenz auf Symptombekämpfung beschränkt - und ein anderer Staat, eine Räterepublik gar, steht absehbar nicht zur Verfügung. So bleibt dem Wissenschaftler und Aktivisten nicht viel mehr, als trotzig dafür zu plädieren, dem Staat jede nur mögliche ökologische Maßnahme gegen die Interessen des fossilen Kapitals abzuringen. Hauptaufgabe sei in den nächsten Jahren, für die Enteignung der großen Energiekonzerne zu kämpfen und sie in Instrumente der ökologischen Transformation zu verwandeln. So könnten sie auf Verfahren von »Direct Air Capture« umgestellt werden, um CO2 aus der Atmosphäre zu filtern und im Erdboden zu speichern.

Für schwache Nerven ist das nichts, lässt doch die Lenin-Analogie grundsätzliche Fragen offen: Wie soll erreicht werden, dass in diesem ökologischen Sofortmaßnahmenregime die staatlich verhängte Verknappung egalitär ausfällt statt Hierarchien zu vertiefen? Ein Punkt, der ganz zentral ist, wenn wirklich eine gesellschaftliche Tranformation durch eine stabile Mehrheit erfolgen soll, die das alles trägt und verteidigt - und nicht nur ein Putsch, der in eine neue Diktatur wissenschaftlicher Vernunft mündet. Dennoch: Andreas Malm hat ein dichtes, informatives und gedankenreiches Buch geschrieben, das sich trotz oder gerade wegen seiner spürbaren Dringlichkeit gut lesen lässt. Wenige Wochen nach »Klima|x« folgt ein weiteres Buch des Autors: »Wie man eine Pipeline in die Luft jagt«. Und der Titel dürfte nicht nur als provokantes Augenzwinkern gemeint sein.

Andreas Malm: Klima|x. Aus dem Englischen von David Frühauf. Verlag Matthes & Seitz, 263 S., brosch., 15 €.

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