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Ein Programm wird selbstständig

Ruf doch mal die Vergangenheit an: »Agency« von William Gibson

Zeitreisegeschichten und nichtlineares Erzählen haben in Film und Literatur gerade Hochkonjunktur. Mit Christopher Nolans »Tenet« ist dieses Sujet jetzt auch in einer massenkompatiblen Actionvariante im hoch budgetierten Blockbuster-Kino angekommen. Dass der Hype um Zeitreise-Narrative nicht so ganz neu ist, zeigt auch William Gibsons aktuelle Romantrilogie, die 2016 mit »Peripherie« startete und nun mit »Agency« fortgesetzt wird.

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William Gibson: Agency. A. d. amerik. Engl. v. Cornelia Holfelder-von der Tann u. Benjamin Mildner.
Tropen bei Klett-Cotta, 498 S., geb., 25 €.

Die titelgebende »Agency« (Handlungsmacht) verweist auf einen zentralen Aspekt dieser Narrative: Es geht um Determinismus versus Handlungsmacht. Ähnlich wird das auch in Alex Garlands Serie »Devs« und in dem Netflix-Aushängeschild »Dark« verhandelt. Im Roman »Agency« des mittlerweile 72-jährigen Science-Fiction-Urgesteins William Gibson, der vor gut 35 Jahren mit »Neuromancer« Maßstäbe für das Genre setzte und unter anderem den Begriff des Cyberspace prägte, geht es um ineinandergeschobene Zeitebenen, in denen munter zwischen Parallelwelten im späten 22. Jahrhundert, in der Mitte des 21. Jahrhunderts und unserer Zeit hin und her gereist wird.

In »Agency« gibt es aber keine geheimnisvollen Wurmlochdurchgänge, magische Tore oder sonstige Zeitmaschinen, sondern einen Server, der es quasi erlaubt, in der Vergangenheit »anzurufen«, sein eigenes Bewusstsein hochzuladen und sich mittels eines Avatars dorthin zu begeben. Wobei eine derartige Intervention in der Vergangenheit, ausgehend von einem postapokalyptischen London im späten 22. Jahrhundert, jedes Mal eine neue Zeitlinie entstehen lässt, einen sogenannten »Stub« (zu Deutsch Stummel). Vorausgesetzt dort existiert eine entsprechend weit entwickelte Technologie, um die dafür nötigen Avatare herzustellen.

Gibson schreibt eben auch, wie schon in vielen seiner früheren Romane, über das Thema Künstliche Intelligenz und Cyberspace. Denn es geht in »Agency« vor allem auch um die Frage, wie viel Handlungsmacht Eunice besitzt, ein autonomes Programm, das die junge, 2017 in San Francisco lebende Verity testen soll, eine Angestellte in der Tech-Industrie. Bis sich herausstellt, dass die KI Eunice, deren Bewusstsein unter anderem aus einer im Kampf ums Leben gekommenen schwarzen US-Soldatin und zahlreichen Daten des amerikanischen Verteidigungsministeriums besteht, erst von einer Privatfirma geklaut und dann von Personen aus der Zukunft gesteuert wird, um Einfluss auf die Gegenwart 2017 ausüben zu können.

Aber Eunice, die vielleicht sympathischste und eigenwilligste Künstliche Intelligenz der bisherigen Literaturgeschichte, koppelt sich von allen Fremdbestimmungen ab. Eunice wird eigenständig, verteilt sich virtuell über den ganzen Planeten, organisiert Gegenwehr und steht Verity bei, mit der sie Freundschaft schließt. Denn Verity gerät unter Beschuss einer Tech-Firma, und erst langsam wird ihr der komplexe Zusammenhang klar, bis sie schließlich per Avatar nach London ins späte 22. Jahrhundert reist und etwas über die bevorstehende Apokalypse erfährt.

Der Zeitlinie, dem Stub, in dem sich Verity und Eunice befinden, droht ein Atomkrieg, der vom Krieg in Syrien ausgehen soll, wobei in dieser Welt Donald Trump 2016 die Präsidentschaftswahl gegen Hillary Clinton verloren hat und auch gegen den Brexit gestimmt wurde. Gegen den drohenden Weltuntergang hilft das in diesem Fall leider nicht.

In der Londoner Zeitlinie im späten 22. Jahrhundert wiederum, von wo aus ständig, zum Teil als Hobby reicher Leute, Zeitlinien erschaffen und manipuliert werden, ereignete sich der sogenannte »Jackpot«, eine Reihe von Pandemien, Kriegen und Umweltzerstörungen, die 80 Prozent der Weltbevölkerung dahinrafften, während gleichzeitig bahnbrechende digitale Technologien entstanden. Gibsons Romantrilogie ist eine sehr bunt ausgemalte und dennoch ungemein finstere Dystopie.

Nicht der eine große Knall bringt die Welt an den Rand einer Existenzkrise, sondern eine ganze Reihe von Ereignissen, eine Entwicklung. »Wenn es den Jackpot geben wird«, sagte Gibson in einem Interview mit dem britischen Magazin »The new Statesman«, »dann passiert er bereits. Er findet seit mindestens 100 Jahren statt.«

Dass die Menschheit in seiner Fiktion parallel dazu einen enormen Technologieschub erlebt, der sie aber keineswegs vor dem drohenden Untergang rettet, sondern als eine Art Begleitmusik dazu fungiert, darf als essenzielle Kritik an der Technologiegläubigkeit unserer Zeit gelesen werden. Denn die alles verändernde, futuristische Stadtlandschaften erzeugende Nanotechnologie, die wie von Zauberhand in einer Irrsinnsgeschwindigkeit moderne Umwelttechnologien aus dem Boden stampft und ganze Städte in Wochenfrist grundsanieren kann, wird in der weiterhin kapitalistischen Zukunft in erster Linie als profitsteigernde Option eingesetzt.

Von dieser minutiös geschilderten Welt voller digital aufgepeppter Cosplay-Viertel in London, das wegen der massiv dezimierten Menschheit von humanoid aussehenden Bots bzw. Androiden bevölkert wird, während unsichtbar werdende Autos neben unzähligen Drohnen herumfliegen und Nanobots innerhalb kurzer Zeit ganze Stadtviertel bauen können, erzählt auch der erste Teil der Trilogie. Auch wenn viele der Figuren aus »Peripherie« in »Agency« erneut auftauchen, können die Teile durchaus unabhängig voneinander gelesen werden. Wobei die im zweiten Teil immer mehr in den Fokus rückende Frage, wer eigentlich die Zeitlinien erzeugt und zu welchem Zweck, nur Stück für Stück gelüftet wird und erst der dritte Teil abschließend darüber Auskunft geben dürfte.

Gibson erzählt das alles wie gewohnt als rasanten Thriller, in dem neben einem futuristischen London und einem heruntergekommenem Amerika Mitte des 21. Jahrhunderts in einer weiteren Zeitlinie auch noch von einem San Francisco der Gegenwart berichtet wird, in dem es wilde Verfolgungsjagden, Partys in abgefahrenen Tech-Millionärs-Apartments und jede Menge digitale Überwachung gibt.

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