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Die Unbekannte

Die Kreuzbergerin Bettina Jarasch soll für die Grünen das Rote Rathaus erobern

  • Von Rainer Rutz
  • Lesedauer: 4 Min.

»Brückenbauerin« – immer wieder fällt seit ein paar Tagen diese Umschreibung, wenn von Bettina Jarasch die Rede ist. Wobei dazu gesagt werden muss, dass in der Öffentlichkeit ohnehin erst seit ein paar Tagen vermehrt von Jarasch die Rede ist. Seit vergangenen Montag weiß man, dass die 51-Jährige aus Kreuzberg Spitzenkandidatin für die Berliner Grünen bei den Abgeordnetenhauswahlen im kommenden Jahr und – so die Pläne der Partei – nächste Regierende Bürgermeisterin werden soll.

Eine Nominierung, die viele überrascht hat. Zwar war die Reala bis vor vier Jahren Grünen-Landesvorsitzende an der Seite von Daniel Wesener vom linken Parteiflügel. Die meisten Wähler dürften sich daran aber kaum erinnern, zumal der Landesvorsitz bei den Grünen ein Amt ohne prominente Außenwirkung ist. Auch nach ihrem Einzug ins Abgeordnetenhaus 2016 machte Jarasch nicht allzu häufig öffentlich von sich reden. Außerhalb der Partei und des Berliner Parlaments ist die Abgeordnete mit den langen schwarzen Locken daher weitgehend unbekannt. Das zu ändern, ist jetzt Jaraschs Aufgabe. Und weil man in Wahlkämpfen besser nichts dem Zufall überlässt, setzt die Partei bei ihrer Kandidatin wohl bewusst auf die Marke »Brückenbauerin«. Das klingt nach tiefen Gräben und Schluchten in der Gesellschaft, die zu überwinden Jarasch in der Lage ist.

Jarasch selbst erklärte bei der Bekanntgabe ihrer Nominierung am Montag dann auch: »Ich bin bei den Berliner Grünen und katholisch. Ich bin eine Reala aus Kreuzberg. Ich bin in Spandau unterwegs gewesen und habe da Bundestagswahlkampf gemacht, mein Wahlkreis ist in Pankow. Also es gibt eine ganze Reihe von Dingen, die normalerweise als unvereinbar gelten.« Das sei bei ihr »kein Zufall, sondern eine Lebenshaltung«. Möglichst alle umarmend, aber unverbindlich bleibt auch der Slogan, mit dem Jarasch derzeit in den Vorwahlkampf zieht: »Eine Stadt. Viele Themen. Alle im Blick.«

Im Gespräch mit »nd« betont Jarasch, dass sie durch ihren Lebenslauf »die Perspektiven vieler unterschiedlicher Menschen« kenne. Tochter eines Augsburger Papiergroßhändlers, Redakteurin bei der »Augsburger Allgemeinen«, Philosophie- und Politikstudentin an der FU Berlin, selbstständige Projektentwicklerin für ein Familienzentrum im Wedding, zwischendrin auch mal arbeitslos gemeldet: »Ich habe nicht nur in der Politblase gelebt und gearbeitet«, sagt Jarasch.

Die Betonung liegt indes auf »nicht nur«. Schließlich mischt die Mutter von zwei Teenagern schon lange im Politbetrieb mit. Bevor sie 2009 bei den Grünen eintrat, war sie neun Jahre Referentin der grünen Bundestagfraktion. Sie habe hier aus freien Stücken gekündigt, »ohne dass ich einen anderen Job in Aussicht hatte«, sagt Jarasch. »Ich wollte einfach selbst Politik machen.« Zwei Jahre später ist sie Landesvorsitzende, zwei weitere Jahre darauf zieht sie als Beisitzerin in den Grünen-Bundesvorstand ein, seit 2016 sitzt sie im Abgeordnetenhaus. Nun also soll sie das Rote Rathaus erobern. Genau genommen ein zweiter Anlauf, denn bei der letzten Abgeordnetenhauswahl vor vier Jahren war Jarasch schon einmal grüne Spitzenkandidatin – als Teil eines Quartetts mit Daniel Wesener und den damaligen Fraktionschefinnen Ramona Pop und Antje Kapek. Aber auch das ist inzwischen in Vergessenheit geraten.

Als grüne Fraktionssprecherin für Integration, Flucht und Religionspolitik hat sich Jarasch zuletzt für die Aufnahme von Geflüchteten aus dem Lager Moria eingesetzt. Ansonsten, heißt es häufig, wisse man wenig Konkretes über Jaraschs Haltung zu den »vielen Themen« der »einen Stadt«. Die Linke-Landesvorsitzende Katina Schubert etwa twitterte am Montag, dass es »spannend« werde zu sehen, »wie sie sich zu den widerstreitenden Interessen, zum Beispiel zwischen Immo-Konzernen und Mieter*innen, positioniert«. Garniert war Schuberts Tweet mit dem Titel eines bekannten FDJ-Lieds als Hashtag: »Sag mir, wo du stehst«.

Jetzt mal halblang, sagt Jarasch. Ihre Positionen zur Mieten- oder Verkehrspolitik seien sehr wohl bekannt. Um Wohnraum »langfristig bezahlbar zu machen«, strebe sie beispielsweise an, »nach dem Vorbild Wien mindestens 50 Prozent der Wohnungen im gemeinwohlorientierten Sektor zu halten«. Bei der Verkehrswende wiederum setze sie darauf, »allen Berlinerinnen und Berlinern den Umstieg vom Auto auf öffentliche Verkehrsmittel zu ermöglichen«, indem »die noch nicht so gut angebundenen Stadtteile verkehrstechnisch besser erschlossen werden«.

Mehrere gut vernetzte Grüne vom linken Flügel nennen Jarasch trotz solcher nur bedingt radikalen Forderungen »eine sehr gute Wahl«. Sie würden zwar manches kritisch sehen. Aber: »Bettina wird ein Milieu erschließen, das wir bisher nicht hatten, ohne dass wir damit unser angestammtes Milieu verlieren.« Jarasch muss Ende November noch offiziell auf einem Parteitag gewählt werden. Querschüsse dürften unwahrscheinlich sein.

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