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Im Rausch

Best of Menschheit: Überleben im Kapitalismus

  • Von Tim Wolff
  • Lesedauer: 3 Min.

Konsum ist, was den Schmerz lindert, den eine rein auf Konsumgüterproduktion fixierte Gesellschaft, ach was: Welt erzeugt. Zwar hat die erste Welt - die sich nicht mehr so nennt, weil keine zweite sie mehr am Konsumrausch zu hindern versucht - so erfolgreich die Herstellung seiner Verbrauchsgüter in eine dritte ausgelagert, dass sie von dieser in Form von China kurz vor Schluss noch einmal überwältigt wird. Doch für die meiste Zeit war sie dank ihrer rauschhaften Konsumfixiertheit fähig, riesige Übel wie Hungersnöte oder Kinderarbeit auszulagern. Chinas Aufstieg verdankt sich der Erkenntnis, dass in einer globalisierten Menschheit, die nicht kommunistisch werden will, nur aufsteigen kann, wer sich kompromisslos zur Konsumschleuder macht.

Der Mensch, ausgestattet mit einem exzeptionell energiehungrigen Gehirn, machte natürlich nicht Halt mit dem Konsum, als die Befriedigung der Grundbedürfnisse, die Konsum ursprünglich war, in manchen Gebieten des Planeten sichergestellt war. Er steigerte sich lieber in die Lustbefriedigung des Zuckers, Fetts und Salzes und schuf neue Bedürfnisse, die künstlich nur nennen kann, der nie die Freude eines Kindes an Plastiknippes erlebt hat.

Es ist nicht überraschend, dass es gerade der Konsum des eigentlich Nutzlosen ist, der dem vom Jagen und Sammeln kommenden Homo sapiens so sehr nach Freiheit schmeckt. Der Kommunismus scheiterte im Wesentlichen daran, bestenfalls das Nötigste zur Verfügung stellen zu können, aber mit nichts perfekt Unnötigem den Sieg über die Zwänge der Natur implizit zu feiern. Es ist keine echte Freiheit, zwischen 17 Dosenbohnensorten, vier Varianten von Nasenhaarschneidern und zig alljährig verfügbaren, nach schlecht aromatisiertem Wasser schmeckenden Obst und Gemüsearten wählen zu können. Es ist der allgegenwärtige Triumph des Garnichtsmüssen - außer dem öden Verkauf der Arbeitskraft (den aber keine menschliche Gesellschaft seit der Sesshaftigkeit je zu vermindern vermochte).

Konsum ist kollektiver Exzess, der nicht nur den Planeten deformiert, indem er zum Beispiel schönste Wälder dem Fleischhunger opfert, sondern die Konsumgüter untereinander auf teilweise verrückte Weise erobert. Welch entzückender Wahnsinn war es eigentlich, dass Autos fast ausnahmslos mit Zigarettenanzündern ausgestattet waren? Per Knopfdruck einen kleinen Grill entzünden können, den man sich dann bei 100 Kilometern pro Stunde vor die Nase hält, damit man Gift einatmen kann, während man Gift in die Umwelt blasend zu der Tätigkeit fährt, die den Stress verursacht, der einen Zigarette zum Stressabbau rauchen lässt - ein in seiner Lächerlichkeit wie Todesignoranz glorioser Vorgang. Er existiert in den Siegerländern des Kapitalismus so nicht mehr, weil die Zigarette mit der Auslagerung der Konsummittelproduktion mitgewandert ist (China verbucht 41 Prozent des weltweiten Zigarettenverbrauchs, also 2 350 500 000 000 im Jahr 2016) und der Erstweltmensch einem auch schon wieder exportierten Smartphonerausch verfallen ist. An der Stelle des Zigarettenanzünders sitzt im Auto nun die USB-Schnittstelle - damit man auf dem Weg zur Tätigkeit, die Stress verursacht, noch ein wenig mehr dieser Tätigkeit erledigen kann.

Es wird keine Menschenwelt ohne Kapitalismus mehr geben. Und auch wenn das Kapital weiß, dass ein nicht ganz unbedeutender Teil der Kundschaft sich längst für die Folgen der Komsumsucht schämt, wird die Reaktion darauf bis in den Zusammenbruch der erschöpften Natur nur in weiteren Abzeichen und Wörtchen wie »nachhaltig« bestehen, die einen folgenlosen Konsumrausch herbeilügen. »Bio« ist das »Noch ein Bier für den Weg« der am Discount erstickenden Welt.

In den einzigen nicht-kapitalistischen Gesellschaften, die noch möglich sind, möchte man aber noch weniger leben. Allein diese Erkenntnis verlangt Trost im dummen Konsum. Glauben Sie das einem Mann, der eine Bratengabel mit integriertem Thermometer besitzt, obwohl er nie Braten macht.

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