Werbung

Ex und hopp!

Vor 25 Jahren erschien das grandiose Album »(What’s the Story) Morning Glory?« von Oasis

Es gibt im Englischen den Ausdruck Lad. Man könnte ihn mit Kerl oder Bursche übersetzen, doch das trifft die Sache nicht so richtig. Denn eigentlich geht es beim »Lad-tum« nicht ums Geschlecht, sondern um eine Grundhaltung zum Leben.

Der Lad geht davon aus, dass alle Probleme der bürgerlichen Existenz - Ärger im Beruf, Beziehungsstress, Geldnöte, Knatsch mit der Familie - sich spätestens dann auflösen, wenn man mit anderen Lads ein Bier trinkt. »EIN Bier« ist natürlich nicht wörtlich zu verstehen.

Die Brüder Noel und Liam Gallagher aus Manchester haben stets gerne Bier und andere Alkoholika zu sich genommen. Einige Jahre lang war ihre Band Oasis der Liebling aller Lads. Auch weil ihre Songs den gemeinsamen Rausch zelebrierten. Hoch die Tassen! Ex und hopp!

Zwar sind nach dem Gelage die Probleme immer noch da, aber sie haben ihre Dringlichkeit verloren. Und jene Lads, die nicht dabei waren, werden hinterher gefragt: »Wo warst du, als wir uns abgeschossen haben?« (»Where were you while we were getting high?«, aus dem Song: »Champagne Supernova«).

Denn darum geht es: ums Feiern, ums Highwerden, um jenen Augenblick, in dem man ekstatisch herausbrüllt: »Vielleicht bist du wie ich. Wir sehen Dinge, die sie niemals sehen werden. Du und ich, wir leben ewig.« (»Maybe you’re the same as me. We see things they’ll never see. You and I are gonna live forever.«, aus dem Song »Live Forever«.)

Niemand hat dieses rauschhafte, übersteigerte »Lad-tum« konsequenter gelebt als Oasis. Da wurden Freundin oder Freund zum Zauberwesen, zur magischen Beschützerin, zur »Wonderwall« - darunter machte man’s nicht. Und weil es damals, 1995, im Vereinigten Königreich viele Lads gab, die sich an Britpop, Cool Britannia und vor allem an sich selbst ergötzten, wurde »(What’s The Story) Morning Glory?« nicht nur das meistverkaufte Album des Jahres, sondern auch des Jahrzehnts.

Doch dieses ständige Abfeiern der eigenen Größe und des eigenen gigantischen Lebens hatte seinen Preis. Einen Gallagher hätten Oasis vielleicht noch verkraftet, doch zwei Egos dieser Sorte waren auf Dauer zu viel. Zumal die Reibung zwischen Noel und Liam Gallagher nach »(What’s The Story) Morning Glory?« immer häufiger ermüdende Scharmützel statt aufputschende Songs hervorbrachte. Schon ihr Nachfolgealbum überschritt die Grenze zwischen berauscht und sturzbesoffen. »Be Here Now«, das war nur noch lärmiges Krakeele. Die Art von Musik, die in Pubs zu vorgerückter Stunde läuft. Dann, wenn die Gäste lauter, aber nicht tiefsinniger werden und das Bier anfängt, schal zu schmecken.

So mussten Oasis-Fans schließlich einsehen, dass selbst für die Helden des »Lad-tums« die alte Kneipenregel gilt: Je heftiger der Rausch, desto übler der Kater.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln