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Polizeiarbeit am Fußballreisenden

Frank Willmann blickt auf den Fußball zwischen Leipzig, Łódź und Ljubljana

  • Von Frank Willmann
  • Lesedauer: 3 Min.
Fußball: Polizeiarbeit am Fußballreisenden

Fast jeder deutsche Fußballfreund kann aus dem Stegreif ein mehrstrophiges Klagelied über das bürgerferne Wüten deutscher Polizisten anlässlich eines Auswärtsspiels anstimmen.

Bewegt der weltgewandte Feingeist sich zum Zwecke der Erkundung fremder Fußballkulturen mit dem Automobil in Richtung Osten, wird unweigerlich das Befahren von Landstraßen zu einem fantastischen Abenteuer geraten. Nun ist es nicht so, dass jeder Staatsdiener in Polizeiuniform zum Bleistiftspitzen prinzipiell eine Axt benutzt. Daneben lässt der lokale Polizist nur noch selten Schäferhund oder Reizgas von der Leine, um fremden Rabauken zu imponieren.

Nichtsdestotrotz sind die Herren des Morgengrauens ein bösartiger Menschenschlag, dem man mit List und Tücke begegnen muss, um trockenen Pelzes seiner Wege gehen zu können. Als uneingeschränktes Lieblingsland aller Ordnungshüter habe ich auf meinen Reisen Bosnien-Herzegowina ausgemacht. Hier findet sich eine große Artenvielfalt, deren Hauptkommunikationsmittel der böse Blick und freihandgesägte Haltekellen sind.

Die Kunst der Wegelagerei wird von allen bosnischen Bullen, seien sie nun im kroatischen, bosnischen oder serbischen Teil der Republik unterwegs, ständig weiterentwickelt. Wie man hört, sollen unregelmäßige und schlechte Bezahlung Antriebsfedern ihrer Arbeit am Reisenden sein. Des Weiteren würden sie von lokalen Bürohengsten unterstützt, die einen undurchsichtigen Strafenkatalog für echte und Fantasiesünden der Helden der Landstraße erfunden haben. Möglicherweise steckt ein Industriezweig dahinter, der ganze Familien ernährt.

Die größten Fertigkeiten erlangten die kreativen Schelme im Brčko-Distrikt. In diesem kleinen Korridor konnte sich die Bevölkerung nicht darauf einigen, zu welcher Seite sie gehören wollte und gründete einen eigenen, de facto selbstverwalteten Distrikt. Böse Zungen nannten solche Regionen früher Banditennester. Das berühmteste Eigengewächs dieser düsteren Ecke ist Goran Jelisić, der sich während des Bürgerkriegs schlicht »serbischer Adolf« nannte und wegen abscheulichster Kriegsverbrechen 1998 zu 40 Jahren Knast verurteilt wurde.

Bereits an der Grenze von Kroatien zu Brčko standen bei meinem ersten Besuch vier gelangweilte Buben und verlangen eine spezielle Auslandsversicherung. Ich wies sie höflich darauf hin, dass meine Versicherung für von mir verursachte Schäden im Ausland aufkäme, schließlich seien wir in Mitteleuropa und nicht in Nordkorea.

Hüstel, Hüstel. »50 Euro oder wieder zurück!«

Ich weigere mich und bekomme einen Ehrenplatz im Niemandsland zugewiesen.

Ich zahle, bekomme einen bunten Wisch ausgehändigt und fahre weiter.

Hinter einem unbeschrankten Bahnübergang treten plötzlich zwei Ordnungshüter aus dem Gebüsch und winken mich raus. Einer hat eine Laubsägearbeit in der Tatze, die entfernt wie ein Messgerät einer fernen Galaxie (Anfangsphase Raumschiff Enterprise) aussieht.

Polizist Vierschrot und Polizist: der, der nimmer lacht.

Der, der nimmer lacht, sagt: »100 Euro.« Und guckt aus traurigen Kulleraugen den Wolken beim Wandern zu. Dann sagt er, er sei vor fünf Tagen von schwarz-weißen Außerirdischen entführt worden, die ihn zwangen, sich mit der serbischen Sängerin Ceca zu paaren.

Ich sage Ceca … und zeige den Schlawinern mein rot-weißes Roter-Stern-Belgrad-Unterhemd. Sie bieten mir eine Zigarette an. Ich sage, an der Grenze stehen zwei deutsche Autos, die bezahlen für mich mit. Sie nicken.

Meine schwarz-weißen Partizan-Belgrad-Strümpfe habe ich ihnen nicht gezeigt.

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