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Besetztes Haus mit Zukunftsperspektive

In Bremen übernehmen Queerfeministinnen das ehemalige Kulturzentrum »Dete« – Eigentümer und Senat zeigen sich verhandlungsbereit

  • Von Sebastian Bähr
  • Lesedauer: 4 Min.

An den Fenstern des besetzten Hauses »Dete« in der Bremer Lahnstraße hängen Luftballons und feministische Transparente, davor stehen Barrikaden auf der Straße. Die Sonne scheint, Polizei ist kaum vor Ort, Aktivist*innen diskutieren und essen. »Wir dachten am Anfang, dass wir nur ein paar Stunden im Haus sind und hatten kaum was zum längerfristigen Bleiben dabei«, sagt am Dienstag die Besetzerin Luna zu »nd«.

Tatsächlich war die queerfeministische Gruppe »Rosarote Zora« überrascht, dass sie erst mal bleiben konnte, als sie am Freitagnachmittag das seit sechs Jahren leerstehende Kulturzentrum in der Neustadt übernommen hatte. Die Besetzung war eine Solidaritätsaktion mit dem anarcha-queerfeministischen Hausprojekt »Liebig34«, das am selben Tag in Berlin mit einem Großaufgebot der Polizei geräumt wurde. Auch in Bremen hatte man sich daraufhin auf einen Polizeieinsatz eingestellt – doch der blieb aus.

Mittlerweile haben sich stattdessen neue Optionen ergeben. Das Eigentümerunternehmen »Müller & Bremermann« zog seine Strafanzeige zurück und bot den Besetzer*innen eine auf zwölf Monate befristete Zwischennutzung an – vermittelt über den Senat oder die Regierungsparteien, die die vertragliche Verantwortung tragen sollen. Man wolle »FLINTA«-Personen, also Frauen, Lesben, Inter-, Trans-, Nonbinäre und A-Gender, unterstützen, hieß es vom Eigentümer. Die neben der SPD regierenden Grünen und Linken zeigten sich auch nicht abgeneigt. »Wir solidarisieren uns mit den jungen Aktivist*innen«, hatte der Bürgerschaftsabgeordnete Olaf Zimmer (Linke) in einem Video vor dem Haus erklärt. Man sei vor Ort und wolle zeigen, dass man im »Kampf gegen Wohnraumspekulation und Mietwucher« zusammenhalte. Auch die Linkspartei-Abgeordnete Maja Tegeler sowie die Grünen-Abgeordnete Kai Wargalla zeigten sich bei der besetzten »Dete« und erklärten ihre Unterstützung.

Dort weiß man jetzt nicht so richtig, wie man mit dem Zuspruch umgehen soll. »Wir wollen keine Werbung für den Eigentümer machen und ihn nicht auch noch bei seiner Profilierung auf unsere Kosten unterstützen«, sagt Luna. Und auch bezüglich des Senats geb es Grenzen. »Wir arbeiten nicht mit Parteien zusammen, weil wir als anarchistisches Projekt Parlamentarismus ablehnen«, so die Besetzerin. Einige Politiker*innen würden dies möglicherweise jedoch absichtlich »übersehen«, da sie sich als besonders »bewegungsnah« zeigen wollten. Gleichzeitig, so Luna, wolle man jedoch das Hausprojekt erhalten und ausbauen. Das Bauressort des Senats habe sich beispielsweise dafür eingesetzt, dass man im Haus auf Strom und Wasser zugreifen könne. »Wir sind zwiegespalten und haben gerade viele Plena«, fasst sie zusammen.

In der Nachbarschaft scheint man derweil relativ aufgeschlossen dem Projekt gegenüber. »Die Anwohner*innen sind froh, dass das Gebäude nach dem langen Leerstand wieder genutzt wird und haben viel Unterstützung angeboten«, erzählt Luna. Lediglich von einigen älteren Nachbar*innen habe es Beschwerden wegen der Barrikaden gegeben – hier versuche man nun, einen Kompromiss zu finden, so dass sich niemand gestört fühlt. Vor der »Dete« selbst finden regelmäßig Treffen und Besprechungen von Aktivist*innen statt, laut den Besetzer*innen ist hier gar eine »autonome Zone« entstanden.

Weniger erfreut zeigt sich die Opposition. »Wir verurteilen die rechtswidrige Besetzung«, erklärte Birgit Bergmann von der FDP-Fraktion. Es mache sie »fassungslos«, dass Abgeordnete der Regierungskoalition ihre Sympathie für die Besetzung zum Ausdruck brächten. Damit würden sich diese Politiker »gegen den Rechtsstaat« stellen. »Wir erwarten vom Innensenator die volle Unterstützung für die Einsatzkräfte, um die rechtswidrige Besetzung schnellstmöglich aufzulösen«, so Bergmann weiter. Auch die Jungen Liberalen forderten die »sofortige« Räumung.

Von solchen markigen Sätzen lassen sich die Besetzer*innen nicht beeindrucken. Sie führen momentan viele Gespräche mit Anwohner*innen und politischen Gruppen zur weiteren Nutzung der »Dete«. »Wir sind froh, wenn wir die Verantwortung für das Haus auf weitere Schultern verteilen können«, sagt Luna. Für Männer sei hier zwar kein Platz. Doch alle queeren oder feministischen Gruppen und Einzelpersonen seien eingeladen, sich einzubringen, egal, ob sie politisch oder kulturell tätig werden wollen.

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