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Kürbissuppe für alle

Adrian Schulz über die fade Rübenkritik

  • Von Adrian Schulz
  • Lesedauer: 3 Min.

Durchgekocht bis zum Gehtnichtmehr: Am Kürbissuppenhass führt für aufgeklärte Linke kein Weg mehr vorbei. Aber reproduziert man damit nicht bloß jene irre Spirale der Distinktion, anstatt das Übel bei der wohlgewürzten Wurzel zu packen?

Schon wieder! Stöhnt es aus dem Esszimmer. Dort hocken sie über ihren Phones und fluchen über das aktuell Fluchenswerte. Beim ersten Mal schmeckt der Spott noch vollmundig; beim zehnten Mal spült man ihn mit viel Flüssigkeit runter; beim hundertsten Mal stieren die Augen dem Wahnsinn entgegen.

Das Stöhnen hält an. Es ist ein Stöhnen über ein so genanntes weiches (um nicht zu sagen: weichgekochtes) Thema. Eines, bei dem es nicht auf die Fresse geht oder auf den Geldbeutel (denn der bleibt ja, auch wenn er schrumpft, immer derselbe), sondern auf die Kuscheldecke, auf die Schlafzimmerwand, auf den Küchenherd. Die sich darauf abzeichnenden »kleinen Unterschiede«, die Hügellandschaften des Kulturellisch-Lebenskünstlerischen, werden, unter dem Label junger Hip-Medien oder nicht, umso wilder umgebuddelt, je aussichtsloser die Kämpfe im Großen erscheinen.

Das geht auch gar nicht anders. Schließlich will ja jede*r immer und überall ein bisschen mitgraben und soll es sogar, damit Wachstum generiert und Wertschöpfung abgeseiht werden kann. Allein: Tritt man einmal in eine solche Möbiuslogik der Distinktion ein, und das ist man immer schon, gibt es kein Entkommen aus ihr.

Schon wieder Kürbissuppe! Stöhnt es also hier und da und immer wieder, jeden Herbst aufs Neue. Wir haben genug von der orangen Tristesse! Langweilig! Bieder! Schlimmer als Ikea! Das Todesurteil in einer Sphäre, in der man, Covid hin oder her, nicht sterben kann, höchstens alt werden.

Alles Interessante verliert seinen Reiz, wenn zu viel davon da ist. So die Kürbissuppenkritik: Sie ist inzwischen fade wie ein ungewürzter Rübenauflauf. Schlimmer noch: Sie entpolitisiert. Was ist falsch an ein paar Studentinnen, die zu ihrem »Sherlock«-Serienmarathon einen Teller heißes Mus naschen? Was an biomarktbewanderter Großstadtbohème? Dass sie in den Biomarkt geht, »Fritten« statt »Pommes« isst und zu viele Klamotten kauft? Oder dass das politische System sie auf Kosten der Armen immer fester in ihrem verheerenden Wohlstand absichert?

Vor nicht allzu langer Zeit habe ich an dieser Stelle - nicht im Bezug auf Kürbis, sondern auf Rucola - den Befund gewagt, dass der »gutbürgerlichen Klasse« »alles ziemlich scheißegal« sei. Mir kommt die Erkenntnis, dass das gar nichts Schlechtes heißt. Die Produktkategorie, die der Philosoph Umberto Eco als »Midcult« bekannt gemacht hat, befriedigt vor allem ein ganz simples Begehren, so simpel wie eine gute Kürbissuppe: es schön, gut und lecker zu haben. Was ist - wenn es denn allen so ginge - daran bitte falsch?

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