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»Den Planeten finde ich erhaltenswerter als den Kapitalismus«

Wer hat Zugriff auf ökonomische Privilegien? Ein Gespräch mit der Regisseurin Carmen Losmann zu ihrem Dokumentarfilm »Oeconomia«

  • Von Marit Hofmann
  • Lesedauer: 6 Min.
Die gläserne Architektur erzählt eine Transparenz, gleichzeitig herrscht die Undurchdringlichkeit des Bankenkapitalismus.
Die gläserne Architektur erzählt eine Transparenz, gleichzeitig herrscht die Undurchdringlichkeit des Bankenkapitalismus.

Teilen Sie meinen Eindruck, dass Ihre ausschließlich männlichen Interviewpartner, Chefvolkswirte der Europäischen Zentralbank und Deutschen Bank und andere Topmanager der Finanzbranche, Sie zunächst unterschätzt haben?

Das Thema des Geschlechterverhältnisses durchzieht unausgesprochenerweise den ganzen Film, weil man in hochrangigen Wirtschaftspositionen eben fast nur Männer findet. Ich kann mir gut vorstellen, dass die Herren mich als Frau mit meinen naiv anmutenden Fragen unterschätzt haben, sie haben mich aber sehr professionell und freundlich behandelt.

Jedenfalls haben diese eloquenten, glatten Typen offenbar nicht damit gerechnet, dass Sie so insistieren und sie auf scheinbar ganz einfache Fragen zu den Grundannahmen des Finanzsystems festnageln und so ins Straucheln bringen.

Das kann gut sein. Ein Irritationsmoment entstand eventuell auch daraus, dass Leute in solchen Positionen, die öfter in den Medien zu Wort kommen, kürzere, pointiertere Formate gewohnt ist, in denen sie schnell ihre gewohnten Antworten abspulen.

Hat Ihr erster, Grimme-Preis-prämierter Dokumentarfilm »Work Hard Play Hard« über die »Ressource Mensch« in der modernen Arbeitswelt geholfen, Türen zu öffnen?

Der war eher ein Türschließer. Es gab kritische Rückfragen dazu, er machte die Leute zurückhaltender.

Es gab im Vorfeld Absagen von Interviews, Insider, die sich nur anonym äußern wollten, und viele Vorgaben der PR-Abteilungen. Wann haben Sie sich entschlossen, diese Produktionsbedingungen von »Oeconomia« transparent zu machen?

Ich komme eigentlich vom beobachtenden Dokumentarfilm: Ich beobachte Menschen gern bei regulären Arbeitsabläufen und in Situationen, die auch ohne Kamerateam so stattfinden. Während der Arbeit an »Oeconomia« habe ich festgestellt, dass das gar nicht mehr möglich ist. Bei Drehanfragen haben mir die PR-Abteilungen jedes Mal angeboten, Situationen nachzustellen, und nur so konnten wir dann drehen. Irgendwann nach den Dreharbeiten habe ich entschieden, diese Produktionsverhältnisse transparent zu machen, und habe die jeweiligen Absprachen in den Film mit aufgenommen.

Die PR-Leute arbeiten Ihnen aber auch schön zu. Ein Angebot wie das, die Herren in Weißer-Hemd-Uniform im transparenten Konferenzraum von außen zu filmen, ist doch aus filmischer Sicht Gold wert, es ist ein absurdes und entlarvendes Bild.

Wir haben eher aus der Not eine Tugend gemacht, da bestimmte Bereiche für die Öffentlichkeit eben nicht zugänglich waren. Das ist durchaus legitim, ich habe nur was gegen diese Scheintransparenz. Die gläserne Architektur erzählt eine Transparenz, gleichzeitig herrscht Intransparenz. Wir haben versucht, die Zugangsbeschränkungen in Bilder zu übersetzen, an den piepsenden Ein- und Ausgängen kommen bestimmte Leute rein, andere nicht. Das führt zu der Frage: Wer hat Zugriff auf ökonomische Privilegien, beispielsweise auf die kapitalistische Geldproduktion?

Die filmische Selbstreflexion geht noch weiter, Sie suggerieren, uns an Ihren Computer mitzunehmen, und öffnen am Anfang den Ordner des Projekts »Oeconomia«. Wie kam es zu der Entscheidung?

Die Erzählebene des Desktops und der grafischen Erklärung entstand erst im Laufe des Schnitts, da haben wir ebenfalls aus der Not eine Tugend gemacht. Der Cutter Henk Drees und ich haben uns erst selbst die Zusammenhänge, die wir verständlich machen wollten, in digitalen Notizblöcken verdeutlicht, die habe ich abgefilmt und überlegt, wie man sie einsetzen kann.

Der Film erinnert an den jüngsten Klingelstreich des Peng!-Kollektivs, das als fingiertes Bundesamt für Krisenschutz und Wirtschaftshilfe leitenden deutschen Unternehmern ablehnende Aussagen zu gemeinwohlorientierter Wirtschaft und Verstaatlichungen entlockt hat. Im Abspann danken Sie Peng!. Was gibt es da für eine Verbindung?

Diesen Klingelstreich kenne ich noch gar nicht, muss ich anschauen. Ich war an einem Drehtag bei der Peng!-Aktion »Die Rückkehr der Entmieteten« dabei, die besonders skrupellose Hauseigentümer oder Immobilienfirmen mit den Schicksalen der von ihnen verdrängten Menschen konfrontiert. Aber dieser Themenstrang rund um die Immobilienbranche ist nicht im Film gelandet.

Auf einer Website zum Film wollen Sie nun Anstöße zu Alternativen zum kapitalistischen System geben.

Maggie Thatcher hat mal gesagt: »There is no alternative«, um das neoliberale Programm durchzusetzen. Das halte ich für übelste Propaganda, es gibt immer Alternativen. Die kapitalistische Wirtschaftsweise, die die unbegrenzte Kapitalvermehrung ins Zentrum stellt, ist nur eine Möglichkeit, uns mit Gütern und Dienstleistungen zu versorgen - wir könnten es auch ganz anders machen, ohne so hohe soziale und ökologische Kollateralschäden. Der Film versucht zu zeigen, dass das derzeitige Level an Vermögen und Verschuldung, der Zwang, weiter zu wachsen, uns an die Grenzen unseres Ökosystems führt. Deshalb müssen wir uns mit der Frage beschäftigen: Wie lässt sich dieses dysfunktionale System so transformieren, dass es die Weltbevölkerung versorgt - ohne das gegenwärtige Maß an Krisen? Die Website bietet eine Materialsammlung, angefangen von schnell umsetzbaren Veränderungsmöglichkeiten wie zum Beispiel einer Vermögenssteuer bis hin zu weiterreichenden utopischen Ansätzen.

Haben Sie denn eine persönliche Utopie?

Nein, jedenfalls nicht so monolithisch, ich habe Ideen für ein besseres Leben.

Im Film klingen Ideen der Modern Monetary Theory an.

Ja, die Idee dabei ist, dass wir den Staat als Akteur einsetzen sollten, um gesellschaftliche Ziele wie eine gerechte Einkommens- und Vermögensverteilung und eine ökologisch nachhaltige Lebensweise zu erreichen.

Hat sich in der Corona-Pandemie nicht zumindest ganz kurz gezeigt, dass der Staat, wenn er will, gegen jeden Profitgedanken handeln und sogar Wachstum verhindern kann?

Die deutsche Staatsregierung hat zumindest die Maxime der Schwarzen Null verlassen. In der Pandemie wird einfach sichtbar, dass der Staat soviel Schulden machen kann, wie er möchte. Erst durch die Verschuldung auf dem Kapitalmarkt werden Staatsschulden zum Problem, weil die Staaten dadurch erpressbar werden: Im Zentrum steht Wirtschaftswachstum, damit die Gläubigerinteressen bedient werden können, und nicht etwa demokratische, soziale und ökologische Ziele. Einer demokratischen Gesellschaft stände es gut zu Gesicht, selbst darüber zu entscheiden, wofür sie Geld ausgeben möchte, zum Beispiel ausreichend Kranken- und Pflegepersonal einstellen.

Grundsätzlich haben wir das Problem, dass wir ein Wirtschaftssystem haben, das Schrumpfung nicht zulässt, und der Staat ist dabei ein wichtiger Mitspieler: Er ermöglicht mit den Staatsschulden, dass die Privatwirtschaft Aussicht auf Gewinne hat. Jedes Unternehmen, das keine Profite macht, hört auf zu produzieren. Entweder wir akzeptieren diese Profitideologie und ermöglichen dann auch, dass andere Akteure, etwa Staaten, sich dauerhaft und unbegrenzt verschulden können. Oder wir verändern diese Profitausrichtung und stellen auf ein Wirtschaftssystem um, das nicht dauerhaft wachsen muss, um zu funktionieren.

Zum Schluss noch eine Frage aus Ihrem Film: Wer kollabiert zuerst, der Planet oder der Kapitalismus?

Ich hoffe, der Kapitalismus. Den Planeten finde ich nämlich erhaltenswerter als den Kapitalismus.

»Oeconomia«: Deutschland 2020. Regie und Drehbuch: Carmen Losmann. 89 Minuten. Kinostart: 15.10.

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