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Nazi-Ballett

SCHWARZ AUF WEIß: Warum fallen die Medien immer noch auf das nichtssagende Entschuldigungstheater der AfD herein, fragt Sheila Mysorekar

  • Von Sheila Mysorekar
  • Lesedauer: 3 Min.

Falls jemand noch der Illusion anhängen sollte, dass die AfD irgendetwas anderes sei als ein Haufen widerwärtige Rassisten: Im Gespräch mit einer vermeintlichen Gesinnungsgenossin sagte der ehemalige Pressesprecher der AfD, Christian Lüth, folgendes über Migranten: »Wir können die nachher immer noch alle erschießen. Das ist überhaupt kein Thema. Oder vergasen, oder wie du willst. Mir egal.« Dieses Zitat wurde vor kurzem im deutschen Fernsehen ausgestrahlt, zur besten Sendezeit, in einer Dokumentation bei ProSieben.

Die Autorin Mely Kiyak schrieb dazu, dass Lüths Aussage nicht wirklich überraschend sei: »Faschisten haben immer nur ein Programm: Stigmatisieren, segregieren, deportieren, vernichten.«

Genau. Dass ein Faschist solche Dinge sagt, ist erwartbar. Was hingegen überrascht, ist die Reaktion deutscher Medien, die diese Äußerung ähnlich behandeln wie irgendwelche Ausrutscher anderer Politiker. Wieso druckt die deutsche Presse alle maximal unglaubwürdigen ‚Entschuldigungen’ von Lüth und dem Rest dieser Faschotruppe ab? Seine Äußerungen seien »ironisch« gewesen, und er weise »aufs Schärfste zurück, rechtsradikal zu sein«. Aha. Natürlich.

Welche Redaktion, frage ich mich, nimmt so eine Erklärung für bare Münze? Wir alle wissen, dass es nichtssagendes Entschuldigungstheater ist. Jeder Schritt in diesem Nazi-Ballett ist vorhersehbar: erster Schritt: Provokation, zweiter Schritt: Rückzieher, drittens: Kommentatoren, die über jedes neue Stöckchen springen, viertens: Entschuldigung, fünftens: weitermachen. Wieso müssen die deutschen Medien ihren Part in diesem Theater mitspielen?

Ja, die AfD-Bundestagsfraktion hat Lüth entlassen. Wohl kaum, weil sie lupenreine Demokraten sind, ein Faschist wie Lüth nur inkognito dabei war und sie sich deswegen furchtbar schämen. Aber vielleicht, weil es in Deutschland irgendwie unfein ist, von vergasen zu reden, wenn man weiter im politischen Geschäft bleiben möchte?

In den Medien wird berichtet, was eine politische Randfigur wie Frauke Petry zu der Causa Lüth sagt und ob Parteichef Meuthen von irgendeinem Hitlergruß gewusst hat, und wenn ja wann, und dass Gauland sich distanziert und die AfD-Parteileitung blablabla. Mit der Entlassung Lüths und den War-gar-nicht-so-gemeint-Beteuerungen ist das Entschuldigungsritual wie üblich abgelaufen, und damit ist es anscheinend gut. Alle gehen wieder zur Tagesordnung über.

Nein, nein, nein. Stopp. Bleiben wir mal ganz bei dem Anfang dieser Geschichte: Dass die AfD eine rassistische Partei ist - und brandgefährlich. Vor allem für die Minderheiten in diesem Land. Wir fühlen uns nicht nur bedroht, wir sind bedroht! Wieso machen deutsche Medien bei diesem Nazi-Entschuldigungs-Ballett mit, als wäre mit einer Distanzierung alles Notwendige getan? Hier sitzen Leute in unseren Parlamenten, die so tun, als seien sie Demokraten. Manchmal fällt der Schafspelz ab, und dann sieht man, was sich dahinter verbirgt.

Zur Erinnerung: »Faschisten haben immer nur ein Programm: Stigmatisieren, segregieren, deportieren, vernichten.« Ich erwarte von deutschen Medienschaffenden, dass sie zu einer politischen Analyse fähig sind, nämlich zu erkennen, in welchem Stadium wir uns befinden, was die AfD angeht. Ich würde sagen: Stigmatisieren. Von Muslim*innen, zum Beispiel. Stigmatisierung von jeglichen Migrant*innen, von Geflüchteten. Von Linken, Feministinnen, Transpersonen. Diese Stereotypisierung und systematische Ausgrenzung von Menschen muss adäquat analysiert und eingeordnet werden.

Und ich erwarte von deutschen Medienschaffenden, dass sie eine Bemerkung wie »Migranten-erschießen-oder-vergasen« verdammt nochmal skandalisieren, und nicht mehr locker lassen!

Es darf nicht damit erledigt sein, dass Lüth von seinem Posten zurücktritt, weil er über die adäquate Ermordungsform von Migranten sinniert hat. Die gesamte AfD steht für genau diese Politik; eine rassistische, menschenfeindliche, rechtsradikale Politik. Deren Repräsentanten – wenn sie sich unbeobachtet wähnen - überlegen, auf welche Weise man Minderheiten am Besten töten kann. Faschismus endet mit der Vernichtung von Menschen. Immer. Das dürfte allmählich bekannt sein.

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