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Paradoxe Geräteanordnung

Plattenbau

  • Von Benjamin Moldenhauer
  • Lesedauer: 2 Min.

Wenn sich der Künstler aus der Produktion des Werkes weitgehend heraushält und die Dinge machen lässt, hat das - für den Künstler wie für den Rezipienten - etwas Erleichterndes. Der Gestaltungswille, mit dem er das Material und im Falle von Musik eben auch das Ohr malträtiert, lässt nach, die Töne entfalten im besten Fall den Eindruck eines Eigenlebens. Das Künstlersubjekt verschwindet, tendenziell, das Objekt darf sich in einer eigenen Logik entfalten. Das schafft Möglichkeiten und suggeriert Freiheit.

Natürlich braucht es den Künstler noch als konzeptionierende und alles auf den Weg bringende Instanz. Im Falle von »abtasten_halten« ist diese Instanz der Berliner Komponist Frank Bretschneider, einer der Gründer des Labels Raster Noton, das seit 1996 kleinteilige, millimetergenau ziselierte elektronische Musik veröffentlicht. Das Album dokumentiert Bretschneiders Beitrag zur Installation »raster.labor«, die 2019 auf dem CTM Festival zu sehen und zu hören war: ein modulares Synthesizersystem, dessen einzelne Komponenten, erst einmal angestoßen, in unvorhersehbarer und unkontrollierbarer Weise miteinander agieren - abhängig allerdings von den Ausgangseinstellungen, die der Komponist für die einzelnen Module trifft. Der Zufall ist für diese Musik also bestimmend, aber nur graduell. Unvorhersehbar sind die Ergebnisse allerdings vom ersten Schlag an: Jedes Stück, das Bretschneiders Geräteanordnung produziert, ein Unikat.

Nun erscheint bei einem nicht kleinen Teil der Geschichte der Zufallsmusik - von Pierre Boulez über John Cage bis Morton Feldman - die dem Kompositionsprinzip zugrunde liegende Idee oft als interessanter als die Musik selbst. Wenn man was von John Cage hören will, dann nicht unbedingt die vom konfuzianischen I Ching als maßgeblicher Instanz bestimmte (beziehungsweise eben unbestimmte) »Music of Changes«. »abtasten_halten« ist in dieser Hinsicht eine Ausnahme. Die vier Tracks - die sich, weil auf analoger Basis und alles andere als hyper-kontrolliert, vom übrigen Schaffen Bretschneiders sehr unterscheiden - lassen sich als unmittelbar wirksame Musik hören, Konzeptualität hin, Konzeptualität her. Perkussive Patterns, die keine Regelmäßigkeit entwickeln, aber trotzdem nicht Chaos suggerieren, sondern bei aller immer wieder aufscheinenden Hektik etwas sehr Einnehmendes und immer wieder meditative Qualitäten haben. Es entsteht der paradoxe Eindruck einer streng strukturierten Unvorhersehbarkeit und damit einer ganz eigenen Art von Schönheit.

Frank Bretschneider: »abtasten_halten«

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