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Der Traum ist aus

Ein Wohnprojekt für Obdachlose in Hannover ist ein Erfolg. Ausgerechnet zum Beginn der nächsten Coronawelle wird es jetzt beendet

  • Von Michael Trammer
  • Lesedauer: 5 Min.
Trauer und Unverständnis darüber, dass ein erfolgreiches Wohnprojekt für Obdachlose jetzt nicht fortgesetzt wird
Trauer und Unverständnis darüber, dass ein erfolgreiches Wohnprojekt für Obdachlose jetzt nicht fortgesetzt wird

Am Rand des Stadtwald Eilenriede in Hannover, zwischen dem Messeschnellweg und einer Schrebergartensiedlung, liegt das Naturfreundehaus. Eine Jurte steht auf einer Rasenfläche und Hühner laufen frei herum. Gegenüber dem Eingang liegt ein Insektengarten. Am Donnerstagmorgen herrscht gedrückte Stimmung. Mehrere Journalist*innen und Kamerateams unterhalten sich mit Menschen, die mit Taschen und Koffern bepackt aus dem Gebäude kommen. Nach einem halben Jahr endete am 15. Oktober die Notunterbringung für Obdachlose, die zu Beginn der Corona Pandemie eingerichtet worden war. Bis 9.30 Uhr mussten die Zimmer geräumt werden.

Zwei packen Tüten in einen VW Golf Cabrio auf dem Parkplatz vor dem Haus. Heidi und Sascha sind beide von Obdachlosigkeit betroffen. Beide hatten das Angebot der Notunterkunft im Februar freudig und dankbar angenommen: »Man braucht ja auch nicht viel. Es reicht ja, wenn man ein Zimmer hat, wo man seine Klamotten hinpacken kann, das man abschließen kann, damit man die nicht immer mitschleppen muss. Sonst wirst du von den Leuten angeguckt, als wenn du irgendwie so ein Stück Dreck bist.« Sie sind schockiert und wütend, dass nun das Ende des Projekts ansteht. Heidi sagt dazu: »Ich finde es übel, dass wir jetzt im Winter rausgeschmissen werden. Jetzt wo es kalt wird, Corona immer noch nicht vorbei ist und die zweite Welle auch vielleicht kommt. Mir fehlen da ein bisschen die Worte.«

So sieht das auch Solomon Igoro, der ebenfalls sein Zimmer räumen musste. Er weiß noch nicht wohin. Er wolle Arbeit finden, um eine Wohnung finanzieren und zum Sozialstaat beitragen zu können. Er erzählt, er habe Solzialarbeiter*innen gefragt, warum diese sich nicht an Politiker*innen wenden würden, um die Situation zu erklären. Ramona Polt, Projektleiterin der Caritas, ist ernüchtert: »Die Situation ist sehr traurig für die Leute, die wir nicht in Wohnraum vermitteln konnten. Das sind immer noch 17 Menschen gewesen, die wirklich bei dem Wetter und den aktuellen Corona-Zahlen auf die Straße müssen.«

Sie erzählt, wie am frühen Morgen Menschen weinend das Gebäude verlassen hätten. Ihr geht das an die Substanz: »Es ist schon eine große Angst, was passiert, wenn es richtig kalt wird. Wir haben beispielsweise eine Besucherin, die ist gestern 66 geworden und hat eine schwere COPD, also eine schwere Lungenerkrankung. Nun ist sie in einer Unterkunft weit außerhalb untergebracht, in die sie wegen ihrer regelmäßigen Arztbesuche nie wollte. Wenn man das dann sieht, das tut einem menschlich einfach nur noch weh.«

Eigentlich blickt die Projektleiterin positiv auf die vergangenen Monate zurück: »Das Projekt ist definitiv eine Erfolgsgeschichte, aber es dauert und es ist wahnsinnig viel Vertrauensaufbau notwendig, bis Menschen eigenständig Unterstützung bei uns suchen. Es war natürlich ein langer Prozess, man darf jetzt nicht nur voller rosa Wolken reden.«

Viele der 100 Menschen, die das Angebot wahrgenommen hatten, seien in stabile Arbeits- oder Wohnverhältnisse vermittelt worden. Eine dieser Erfolgsgeschichten ist einer, der sich Jack nennt und seinen Namen lieber nicht in der Zeitung lesen will. Der 35-Jährige ist dankbar für die Hilfe, die er hier erhalten hat: »Hier wurde mir ein warmer Ort zum Schlafen und Essen gegeben. Sie haben mir mit allem geholfen.« Jack hat nun in ein eigenes Zimmer und einen Job gefunden: »Jetzt, da wir ausziehen, bin ich nicht verärgert. Ich persönlich blicke nur auf eine bessere Zukunft.« Doch auch für ihn ist nicht nachvollziehbar, wie man bei fallenden Temperaturen und Regenwetter Menschen auf die Straße setzen kann.

In einer Pressemitteilung der Stadt Hannover zur Schließung der Notunterbringung wird das Projekt gleichfalls als Erfolg gelobt. Im kommenden Jahr wolle man eine dauerhafte Lösung schaffen in die Erfahrungen aus dem »Modellprojekt« einfließen sollen. Außerdem heißt es, das Angebot sei so oder so nur befristet gewesen. Die gewohnten Anlaufpunkte für Wohnungslose seien im Winter wieder länger geöffnet. Im Sommer seien Hygienekonzepte ausgearbeitet worden, man sei für den Winter gerüstet.

Ramona Polt beschreibt die Zusammenarbeit mit Stadt, Region und Land eigentlich als positiv. Einem Punkt der Pressemitteilung widerspricht sie aber klar: »Die Tagestreffs haben alle auf, aber wir können mit Einhaltung unserer Hygienekonzepte maximal ein Viertel der Leute in unsere Treffs lassen.« Die Caritas suche bereits selbst zusätzliche Möglichkeiten, um Menschen vor Wind und Wetter zu schützen: »Wir können aber nicht mal das bieten, was wir vor Corona geboten haben.«

Genauso sieht das Heidi mit Blick auf die Notschlafstelle der Stadt »Alter Flughafen«, eine Industriehalle mit Behelfsbetten: »Die Notschlafstellen sind definitiv nicht eingerichtet auf Corona. Da lebt man dicht an dicht.« Bilder, die Betroffene von der Unterbringung gemacht haben, bestätigen dies. Sascha meint mit Blick auf die Äußerungen der Stadt: »Zu den Leuten, die sagen, die Unterkünfte sind ordentlich, die sollen mal eine Nacht dort schlafen.« Dann sähen die Menschen mal, was »in Ordnung« für sie bedeute. Dem Paar wurde wohl vom Wohnungsamt eine getrennte Unterbringung angeboten. Das steht für die beiden aber außer Frage, sie wollen andere Wege gehen.

Florian Schultz, Sozialarbeiter bei der Selbstorganisierten Wohnungslosenhilfe (SeWo) e.V., bestätigt Saschas und Heidis Schilderungen: »Der Alte Flughafen ist einfach menschenunwürdig.« Und auch er versteht die Entscheidung nicht, die Notunterbringung zu beenden: »Im Angesicht steigender Fallzahlen und mit dem Winter vor der Tür ist es ein Unding, dass Leute auf die Straße gesetzt werden.« Seine Sorge gilt vor allem denen, die nicht leistungsberechtigt sind - sprich Wohnungslose aus anderen Ländern, die kein Recht auf Sozialhilfe geltend machen können. »Für sie war das Naturfreundehaus ein Glücksfall.«

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