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Nicht alle Protestanten standen Hitler so nah wie Reichsbischof Ludwig Müller (rechts). Doch aufzuarbeiten gibt es genug.
Evangelische Kirche

Nicht treuer gebetet?

Vor 75 Jahren bekannte die evangelische Kirche ihre Mitschuld am Nationalsozialismus. Obwohl die »Stuttgarter Erklärung« Empörung auslöste, war sie doch reichlich verlogen.

Von Karsten Krampitz

Zwei Wochen nach der sogenannten Reichskristallnacht, als in Deutschland 91 jüdische Menschen ermordet und fast 30 000 in Konzentrationslager verschleppt, als 171 Synagogen und 7500 Geschäfte zerstört und die Versicherungsleistungen für den materiellen Schaden vom NS-Staat einverleibt worden waren und man dem deutschen Judentum noch zusätzlich eine »Sühneleistung« von über einer Milliarde Reichsmark aufgebürdet hatte, schrieb die in der Berliner Bekennenden Kirche aktive protestantische Christin Elisabeth Schmitz einen Brief, an Helmut Gollwitzer, den Pfarrer der Dahlemer Bekenntnisgemeinde, den es ausführlich zu zitieren lohnt.

»Als wir zum 1. April 1933 schwiegen«, stellte sie fest, »als wir schwiegen zu den Stürmerkästen, zu der satanischen Hetze der Presse, zur Vergiftung der Seele des Volkes und der Jugend, zur Zerstörung der Existenzen und der Ehen durch sogenannte Gesetze, zu den Methoden von Buchenwald - da und tausendmal sonst sind wir schuldig geworden am 10. November 1938. Und nun? Es scheint, dass die Kirche auch dieses Mal, wo ja nun wirklich die Steine schreien, es der Einsicht und dem Mut des einzelnen Pfarrers überlässt, ob er etwas sagen will und was. Müssten denn nicht wir vor allem Tag und Nacht auf den Knien liegen? Wir kommen von diesem Bußtag her und gehen in die Adventszeit. Wie sollen wir das eigentlich machen?« - Es folgen prophetische Worte: »Es gehen Gerüchte um, (...) dass ein Zeichen an der Kleidung beabsichtigt sei. Unmöglich ist nichts in diesem Lande, das wissen wir. Wir haben die Vernichtung des Eigentums erlebt, zu diesem Zweck hat man im Sommer die Geschäfte bezeichnet. Geht man dazu über, Menschen zu bezeichnen - so liegt ein Schluss nahe, den ich nicht weiter präzisieren möchte. Und niemand wird behaupten wollen, dass diese Befehle nicht ebenso prompt, ebenso gewissenlos und stur, ebenso böse und sadistisch ausgeführt würden wie die jetzigen.« Elisabeth Schmitz, die Steglitzer Studienrätin und promovierte Historikerin, schließt ihren Brief an Gollwitzer mit einer dunklen Ahnung: »Ich bin überzeugt, dass - sollte es dahin kommen - mit dem letzten Juden auch das Christentum aus Deutschland verschwindet. Das kann ich nicht beweisen, aber ich glaube es.«

Vergessene Stimme

An Elisabeth Schmitz, die von ihrer Kirche vergebens ein öffentliches Wort gegen die Judenverfolgung forderte, die sich selbst in Gefahr gebracht hatte, als sie 1935 ihre Denkschrift »Zur Lage der deutschen Nichtarier« in einer Auflage von 200 Exemplaren an Freunde, Bekannte und Kirchenleute verteilt hatte, und später dann in ihrem Wochenendhaus in Wandlitz verfolgte Juden versteckte, denen sie auch mit Geld und Lebensmittelkarten half - an diese wunderbare Frau erinnert heute in der Kirche: so gut wie nichts. Als sie im September 1977 starb, nahmen sieben Personen an der Trauerzeremonie teil. Eine größere Geschichtsvergessenheit, so der Historiker Manfred Gailus, sei kaum noch vorstellbar.

Im Zentrum evangelischer Erinnerungskultur steht stattdessen eine Erklärung, die verlogener kaum sein könnte. Erst nach Kriegsende sahen sich die Kirchenoberen gefordert, ein Bekenntnis zur eigenen Schuld abzulegen - so geschehen in Stuttgart am 18. Oktober 1945 bei einer Zusammenkunft mit Vertretern des Ökumenischen Rates. Ein Sturm der Entrüstung folgte. Kein anderes Papier der evangelischen Kirche sollte hierzulande eine derart kontroverse Debatte auslösen wie seinerzeit das »Stuttgarter Schuldbekenntnis«, das von den meisten Deutschen als Kniefall vor den Siegermächten empfunden wurde - tatsächlich aber mehr verschleierte als es bekannte.

Die ursprünglich allein für die Ökumene, also das Ausland bestimmte Erklärung, die nur durch eine Indiskretion der deutschen Öffentlichkeit bekannt wurde, bezeugte eine Schuld, ohne dass die Bekenner dieser Schuld Verantwortung übernahmen. Weder Täter noch Opfer wurden benannt; beinahe möchte man von einer Leugnung der Schuld sprechen oder von einer Leugnung der Verantwortung. Immerhin hatten laut Evangelischer Arbeitsgemeinschaft für kirchliche Zeitgeschichte neun von zehn Pfarrern den Treueeid auf den Führer abgelegt.

Als die Nazis ihr erstes Rassegesetz beschlossen, das am 1. Januar 1934 in Kraft getretene »Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses« (GzVeN), auf dessen Grundlage deutsche Ärzte bis ins Jahr 1945 etwa 400 000 Menschen zwangssterilisierten, also fast ein Prozent der damaligen deutschen Bevölkerung im Alter von 16 bis 50 Jahren - wobei etwa 4500 Frauen und 500 Männer an den Folgen der Eingriffe starben -, gehörten zu den ersten Opfern die Bewohner der kirchlichen Heil- und Pflegeanstalten. Nach Angaben der Diakonie kam es allein bis Ende 1935 in den Einrichtungen der Inneren Mission zu rund 3000 Unfruchtbarmachungen und darüber hinaus in evangelischen Krankenhäusern zur Durchführung von 5754 Sterilisationsoperationen.

Als die Deutsche Wehrmacht 1941 die Sowjetunion überfiel, war es der Mitbegründer der Bekennenden Kirche, Bischof August Marahrens, der Adolf Hitler gratulierte: »Der allmächtige Gott wolle Ihnen und unserem Volk beistehen«, heißt es in seinem Telegramm vom 30. Juli 1941. Die evangelische Kirche sei mit ihren Gebeten »bei Ihnen und bei unseren unvergleichlichen Soldaten, die nun mit so gewaltigen Schlägen daran gehen, den Pestherd zu beseitigen, damit in ganz Europa unter Ihrer Führung eine neue Ordnung erstehe …« Zu den deutschen Soldaten, die Dörfer und Städte niederbrannten, die Millionen Zivilisten ermordeten, gehörten immer auch Militärseelsorger, die sich nicht etwa um die Opfer kümmerten, sondern den Mördern Beistand leisteten - integraler Bestandteil der faschistischen Vernichtungsmaschinerie.

Im Stuttgarter Papier steht nichts dergleichen. Zum besseren Verständnis der Erklärung vom Oktober 1945, wie überhaupt des Zustandes des Protestantismus in der ersten Nachkriegszeit, ist ein Brief von Otto Dibelius hilfreich, den er im Dezember 1945 an den britischen Bischof George Bell richtete. Dibelius, selbsternannter Bischof von Berlin-Brandenburg, schreibt darin, man habe mit jenem Bekenntnis zweifellos »bei patriotisch empfindenden Deutschen Bitterkeit und Entrüstung hervorgerufen«. Er erweckt den Eindruck, dass er mit einigen der Formulierungen nicht einverstanden war. Warum sonst fügte Dibelius seinem Brief den von ihm formulierten Ursprungstext bei und nicht den vom EKD-Rat beschlossenen Wortlaut? Im Brief an Bell fehlt der von Martin Niemöller eingefügte Satz: »Durch uns ist unendliches Leid über viele Völker und Länder gebracht worden.«

Dass der Ermordung von sechs Millionen Juden eine judenfeindliche Stimmung vorausgegangen war, zu der Dibelius, der spätere EKD-Ratsvorsitzende, selbst an exponierter Stelle beigetragen hatte - dieser Gedanke lag, wie jener Brief annehmen lässt, jenseits seiner Vorstellung. In der Welt des Otto Dibelius gab es auch keine Verbindung von der Judenfeindschaft Martin Luthers hin zum Antisemitismus der Nationalsozialisten. Die Verbrechen konnten geschehen, weil »wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben«.

Das Stuttgarter Schuldbekenntnis suggeriert, man habe durchaus Widerstand geleistet, nur eben nicht genug. Es blendet die Mittäterschaft der Kirchen beim Rassenmord völlig aus - ohne die Amtshilfe der Kirchen wären Hunderttausende »Nichtarier« für die Nazis gar nicht ermittelbar gewesen. Diese vorgebliche Selbsterklärung war nicht mehr als ein theologisch verbrämtes Teilgeständnis.

Hinzu kommt: In seiner Bigotterie war das Stuttgarter Papier leider nicht das letzte Wort der Kirchenführer. Den Protest von allen Seiten gegen den vermeintlichen Kotau begegnete die evangelische Kirche fortan mit zunehmender Kritik an den Besatzungsmächten, insbesondere an der Entnazifizierungspolitik. Eine Haltung, die einherging mit einer, wie es der Historiker Clemens Vollnhals schreibt, »dämonologischen Interpretation des Nationalsozialismus«. Der bekannte und einflussreiche Theologe Helmut Thielicke verkündete damals: »Der Nationalsozialismus ist das letzte und furchtbarste Produkt der Säkularisation.« Und schlimmer noch: Wer die Weltlage kenne, wisse, »dass die Entgottung, die als kinetische Energie mit entsetzlicher Gewalt bei uns losgebrochen ist, in allen Völkern als potenzielle Energie auf ihren Losbruch wartet«.

Logik der Aufrechnung

Mitte Dezember 1945 schickte der Rat der EKD einen offenen Brief nach England - als zornige Antwort auf die Schuldvorwürfe des Erzbischofs von Canterbury in einer Rundfunkrede an das deutsche Volk vom 28. November. Der Ton war nun ganz anders; die Kirchenführer übten sich in der Verrechnung der Schuld und setzten allen Ernstes die Vertreibung der Deutschen aus den Ostgebieten mit dem Massenmord an den europäischen Juden gleich. So heißt es in dem EKD-Brief: »Das deutsche Volk auf einen noch engeren Raum zusammenzupressen und ihm die Lebensmöglichkeiten möglichst zu beschneiden, ist grundsätzlich nicht anders zu bewerten als die gegen die jüdische Rasse gerichteten Ausrottungspläne.«

Hierin liegt die große Tragik der Nachkriegskirche: Obwohl in allen Landeskirchen die Leitungen ausgetauscht worden waren, sollte eine Auseinandersetzung mit der eigenen Rolle in der Nazidiktatur lange Zeit ausbleiben. Im Alten Testament lesen wir noch vom Propheten Hesekiel (34,16), der seinem in der Diaspora darbenden Volk Trost zuspricht: »Ich will das Verlorene wieder suchen und das Verirrte zurückbringen und das Verwundete verbinden und das Schwache stärken …« In der »babylonischen Gefangenschaft der Kirche im Nationalen«, wie sie Manfred Gailus nennt, fehlte indessen eine solche Stimme.

Und Elisabeth Schmitz? Am 11. November 2011 wurde sie von der Holocaustgedenkstätte Yad Vashem posthum mit dem Ehrentitel »Gerechte unter den Völkern« ausgezeichnet. In Israel kennt man sie also inzwischen - in Deutschland hingegen bis heute kaum.

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