Natur

Ein Bayer in Bugewitz

Wie Günther Hoffmann zum Naturführer im Peenetal wurde.

Von Christel Sperlich

Jeden Morgen noch vor dem Sonnenaufgang rüstet sich Günther Hoffmann mit Teleskop, Fernrohr, Spektiv und zieht in die wilde Moorlandschaft des Anklamer Stadtbruches. Eine mystische Atmosphäre herrscht in der frühen Dämmerung. Über den taunassen Wiesen ausgebreitet liegt ein Schleier aus zartem Nebel, darüber der weite Himmel mit den täglich wechselnden Wolkenformationen. Um diese Zeit fliegen laut trompetend und dicht an dicht Tausende Kraniche auf die Wiesen neben den Rinderweiden. Das Naturschutzgebiet zwischen der Peenemündung und dem Stettiner Haff im Nordosten von Vorpommern ist eines der letzten Wildnisgebiete in Deutschland.

»Der nahende Sonnenaufgang mit der einzigartigen Lichtstimmung ist ein sehr intimes Erleben«, sagt Günther Hoffmann. Am liebsten sei er ganz allein in der Natur. »Das macht mein Herz frei.« Der weiße Bart wie auch sein Schäferhut mit der breiten Krempe passen gut in die naturbelassene Landschaft. Sein Hut droht ihm ständig vom Kopf zu fliegen. Inmitten dieser dicht gewachsenen Schilfgürtel, von Ackerwinden umrankt, ertönt ein einziges Tschilpen, Ziepen, Zwitschern. Hier sind Schwalben, Sperlinge, Spechte, Meisen und andere Singvögel beheimatet. Die Flachgewässer bieten als Brutstätte auch unzähligen Wasservögeln, Zehntausenden von nordischen Gänsen, Enten, Schwänen und Limikolen ein wertvolles Rastgebiet. »Die Artenvielfalt hat extrem zugenommen. An die 170 Vogelarten brüten hier«, berichtet Hoffmann. Dabei scheint es, dass er jeden Vogel persönlich und mit Namen kennt. Kranich, Kormoran, Zwergschnapper, Karmingimpel, Tüpfelsumpfhuhn und Wendehals leben hier nahezu ungestört. Die an die 1900 Hektar umfassende Wildnis aus Moorwäldern, Röhrichten, Weiden und Flachsen ist ein Paradies auch für Biber und Fischotter.

Paradies für Seeadler

Früher baute man auf diesem Land Torf als Brennmaterial für die Stadt Anklam ab. Zu diesem Zweck wurde der Stadtbruch mit Entwässerungsgräben durchzogen. Das einst baumfreie Gelände wurde trockengelegt und für eine intensive Forstwirtschaft genutzt. Bei einer Sturmflut im November 1995 brachen die Deiche des Anklamer Stadtbruchs und das Gelände verwandelte sich in eine wilde Landschaft aus weiten Flachgewässern, baumfreiem Hochmoor, feuchten Bruchwäldern und sich wandelndem Hochwald. Die seitdem erhöhten Wasserstände ließen in Teilen wieder ein lebendiges Moorwachstum entstehen.

Während Günther Hoffmann die Entstehungsgeschichte des Moorgebietes erklärt, bleiben seine Augen geschärft, macht er immer wieder auf seine vielen Entdeckungen aufmerksam. »Dort - ein Seeadler!«, ruft er begeistert. In erhabener Stellung auf dem höchsten Wipfel im toten Baumgeäst thront der König der Lüfte. Der Seeadler ist der größte Greifvogel Europas, zu erkennen an seinem »brettförmigen« Flugbild. Der Bau des Adlerhorstes sei eine ingenieurtechnische Höchstleitung, so der Naturführer. Und es sei erstaunlich, wie sich der majestätische Vogel nach der einstigen, fast vollständigen Ausrottung seine Natur zurückhole, sich wieder vermehre und verbreite. Auch wenn er heute europaweit beispielsweise durch immer kleiner werdende Lebensräume und Kulturlandschaften, durch Umweltgifte und veränderte Landnutzung vom Aussterben bedroht ist, besteht hier im Peenetal die höchste Dichte an Seeadlern in Deutschland. Zudem ist das Peenetal die Heimstatt unzähliger Libellen, Nacht- und Tagfalter, etwa dem europaweit geschützten Großen Feuerfalter.

Fünfundzwanzig Jahre ist es her, seit Günther Hoffmann aus Garmisch-Partenkirchen, mit ein paar Jahren Zwischenstation in Westberlin, in das kleine Dorf Bugewitz, am Rande des Anklamer Stadtbruches kam. Es war reiner Zufall, dass er sich ausgerechnet hier niederließ. Denn ein guter Freund, der sich preisgünstig dort ein Haus kaufte, schwärmte von dieser Gegend. Günther Hoffmann besuchte ihn und war sofort angetan von der einzigartigen Schönheit der beinahe noch »unberührten« Natur.

Damals arbeitete er als Produktionsleiter am Renaissancetheater und am Schillertheater in Berlin. Es fiel ihn nicht schwer, sein altes Leben in der Großstadt hinter sich zu lassen. Und der Anfang in Bugewitz war unkompliziert. Der oberbayerische Fremde trat sofort der Freiwilligen Feuerwehr bei und dem Kreiselternbeirat. Damit konnte er bei den Landbewohnern punkten, und sie nahmen ihn schnell an. Dass er einmal dörfliche Traditionen mit pflegen würde, hätte sich Hoffmann nicht träumen lassen.

Natur als Schutzraum

Im Peenetal fand er rasch ein neues Betätigungsfeld, arbeitete 15 Jahre in der politischen Erwachsenenbildung. Seit der Wende engagierte er sich in der Initiative »Bunt statt Braun« gegen Neonazis und antidemokratische Tendenzen, leitete mehrere Jahre das Netzwerk »Anklam gegen Rechtsextremismus«, organisierte Demos, Festivals und Kampagnen. Und er beriet als Rechtsextremismusexperte die Landesregierung und Kommunen. Hoffmann fühlte sich in die Lebenslagen und die Nöte der Landbewohner ein, dass sie nach der Wende nicht richtig aufgefangen wurden, verunsichert waren und somit leicht manipulierbar. Die vielen Anfeindungen und Pöbeleien der NPD schreckten ihn nicht ab. »Demokratie lebt von Engagement und von Courage«, sagt er. »Allerdings gewöhnte ich mir für meine persönliche Psychohygiene an, täglich in die Natur rauszugehen. Wenn ich Stunden später zurückkehre, bin ich so tiefenentspannt, da kann einem nichts mehr passieren.«

Obwohl er sich schon immer gern im Freien aufhielt, verfügte er kaum über Kenntnisse der Flora und Fauna. »Es war dieses Nichtwissen, das mich motivierte, mich intensiver mit der einzigartigen Schönheit dieses Landstriches zu beschäftigen.« So kam er zum Beruf des Natur- und Wanderführers.

Langsam wird es dunkel. Günther Hoffmann legt sein Fernrohr zur Seite. Der liebste Vogel sei ihm die Bartmeise mit dem auffälligen schwarzen Bart und den hellen Augen. »Wenn ich sie in Schwärmen fliegen sehe, geht mir das Herz auf. Ich liebe ihren Gesang, dieses zarte, charakteristische Tschilpen.« Die Bartmeisen leben in sozialen Verbänden. Das Weibchen brütet allein und wird in dieser Zeit vom Männchen mit Nahrung versorgt. Die Jungen bleiben etwa zwei Wochen lang Nesthocker und lassen sich von den Eltern mit Insekten, Larven, Würmern oder Spinnen füttern. Doch die Gesetze der Natur zwingen den Nachwuchs schnell zu Eigenständigkeit, um ihnen so das Überleben zu ermöglichen. Der Guide erinnert sich, wie er selbst darunter litt, als seine Tochter das Elternhaus verließ. »Das war keine einfache Zeit. Doch in der Natur fand ich Trost und konnte loslassen.«

Den Menschen die Landschaft nahezubringen und den Balanceakt, dass nachhaltiger Tourismus und Naturschutz funktionieren können, mache den Reiz seiner Arbeit aus. Noch ist es möglich, bei einer Bootstour auf der Peene tagelang niemandem zu begegnen. Hoffmann setzt sich als ehrenamtlicher Naturschutzwart für einen sanften Tourismus ein, betreut den Anklamer Stadtbruch und arbeitet eng mit dem NABU zusammen. Der Schwerpunkt des sanften Tourismus liege auf Wasser- und Angeltourismus. Zugleich sei die Peene jedoch auch Bundeswasserstraße und dürfe von größeren Motorschiffen befahren werden. Eine Herausforderung. Für die Zukunft seien weitere Wege für Fußgänger oder Radfahrer geplant. Koordiniert werden die verschiedensten touristischen Unternehmen im Peenetal durch das Netzwerk »Abenteuer Flusslandschaft« mit dem Ziel, den Massentourismus hier zu verhindern.

Günther Hoffmann bietet das ganze Jahr über individuelle Touren durch den Anklamer Stadtbruch an. »Ich empfinde eine große Dankbarkeit, dass ich hier in dieser Idylle sein darf. Wenn wir weiter auf diesem Erdball leben wollen, müssen wir die Mechanismen, die in der Natur ablaufen, verstehen lernen, Fakten zur Kenntnis nehmen und uns in der Seele berühren lassen.«

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