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Gehören Fabriken in die Stadt?

Die Industrie in Berlin wächst wieder, zumindest ein bisschen. Das ist gut so, meint der Forscher Martin Gornig und erläutert, warum

  • Von Eva Roth
  • Lesedauer: 6 Min.
Große Verseilmaschine für Fernsprechkabel in der AEG-Werken Berlin.
Große Verseilmaschine für Fernsprechkabel in der AEG-Werken Berlin.

Vor 100 Jahren war Berlin das größte Industriezentrum Deutschlands. Heute werden in der Hauptstadt immer noch Gasturbinen, Straßenbahnen und Motorräder hergestellt, ebenso wie Rasierklingen und Tiefkühlpizzen. Allerdings hat das verarbeitende Gewerbe massiv an Bedeutung verloren, durch den Zweiten Weltkrieg und die Wende 1990. Doch seit einigen Jahren steigt die Zahl der Arbeitsplätze in Fabriken wieder, was aus sozialer Sicht Vorteile hat.

Mit der Industrialisierung Ende des 19. Jahrhunderts wächst Berlin zur größten Wirtschaftsregion Deutschlands heran. Insbesondere der Maschinenbau und die Elektroindustrie expandieren – bald auch über die Stadtgrenzen hinaus. Unternehmen wie Borsig, AEG und Siemens bauen Fabriken in benachbarten Gemeinden. Werner von Siemens, der 1847 zusammen mit Johann Georg Halske in Berlin die »Telegrafen-Bauanstalt von Siemens & Halske« gründete, lässt Produktionsanlagen und Büros auf den Nonnenwiesen, einem fast unbesiedelten Gelände, errichten. 1920 expandiert dann Berlin, und die »Siemensstadt« mit Zehntausenden Beschäftigten umfasst ein Viertel von Berlin.
Auch während der Nazizeit prosperieren Industrieunternehmen, sie übernehmen Rüstungsaufträge und beuten Zwangsarbeiter aus, bis im Zweiten Weltkrieg ein Großteil der Anlagen zerstört wird. Rund drei Viertel der maschinellen Kapazitäten waren nach offiziellen Schätzungen nach dem Krieg zerstört oder demontiert. Mithilfe von Subventionen im Westen und staatlicher Planung im Osten entstehen wieder einige Fabriken, bis zum Mauerfall 1989. Mit dem Abbau der Subventionen im Westen und der Pleitewelle im Osten verschwindet ein Großteil der Fabriken. »Zählte die Berliner Industrie 1989 noch 378.000 Beschäftigte, so waren es 2007 noch knapp 100.000«, bilanziert die Berliner Senatsverwaltung. »Dieser brutale De-Industrialisierungsprozess ist inzwischen gestoppt, was ein Riesenerfolg ist«, sagt Martin Gornig, Forschungsdirektor für Industriepolitik am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW).

Im vorigen Jahr hatten rund 112.000 Menschen in Berliner Industriebetrieben einen sozialversicherungspflichtigen Job. Gemessen an allen Beschäftigten sind das zwar nur 7 Prozent, aber immerhin steigt die Zahl der Industriejobs seit einigen Jahren ein wenig. Gornig hält dies für eine gute Entwicklung, und zwar aus sozialen Gründen. Der Volkswirt hat mehrere Ballungsräume untersucht und festgestellt: In Regionen mit einem höheren Industrieanteil ist die finanzielle Polarisierung weniger ausgeprägt als anderswo. Es gibt dort mehr Menschen mit mittleren Einkommen und weniger mit sehr hohen oder sehr niedrigen Einkünften.
»Die Industrie kann also dazu beitragen, dass die Einkommensspreizung nicht so groß ist«, so Gornig. Natürlich spielten dabei auch politische Entscheidungen eine Rolle, wie die Liberalisierung des Arbeitsmarkts, Sozialkürzungen und Steuersenkungen. Aber eben auch die Frage, wie weit die De-Industrialisierung fortgeschritten ist.
Der Grund: Im verarbeitenden Gewerbe sind die Lohnunterschiede – etwa zwischen Facharbeitern und Ungelernten – viel geringer als im Dienstleistungssektor. Das zeigen auch aktuelle Daten für Berlin, die das Amt für Statistik Berlin-Brandenburg veröffentlicht hat. So erhielten Vollzeitbeschäftige in der Industrie, die einfache Tätigkeiten verrichten, zuletzt einen Bruttomonatslohn von 3.070 Euro. Fachkräfte verdienten rund 790 Euro mehr. Im Dienstleistungssektor ist das Gefälle viel größer: Für schematische Tätigkeiten erhalten Vollzeitbeschäftigte rund 1.200 Euro weniger als für Facharbeiten. Ein weiterer Vergleich zeigt, dass insbesondere diese schematischen Tätigkeiten, für die keine Berufsausbildung nötig ist, im Dienstleistungssektor niedrig vergütet werden: Im Durchschnitt erhalten Vollzeitbeschäftigte dafür 2.260 Euro im Monat – und damit 26 Prozent weniger als in der Industrie.

Nun kann man einwenden, dass in Fabriken nun mal mehr bezahlt wird als im Dienstleistungssektor. Das stimmt. Allerdings gilt dies eben in besonderem Maße für schematische Tätigkeiten und viel weniger für Facharbeiten und leitende Aufgaben. So liegen die Durchschnittsgehälter über alle Tätigkeiten hinweg im Dienstleistungssektor in Berlin nur 5 Prozent (oder 250 Euro) unter dem Industrieniveau.
Besonders krass ist die Polarisierung in Banken und Versicherungen: Hier verdienen Fachkräfte viel mehr als in der Industrie und Angelernte viel weniger. Auch im Gesundheitswesen, wo in Berlin viele Menschen arbeiten, werden gerade einfache Tätigkeiten sehr schlecht bezahlt.
Hinzu kommen die enormen Differenzen zwischen den Dienstleistungsbranchen: Im Gastgewerbe sind die Entgelte extrem niedrig, im Bereich Information und Kommunikation, wozu die IT gehört, sehr hoch.
Dass die Lohnspreizung im verarbeitenden Gewerbe geringer ist und oft auch das Arbeiten im Lager oder auf dem Gabelstapler anständig entlohnt wird, ist kein Automatismus, sondern hat etwas mit der Arbeiterbewegung zu tun. In alten Industrieunternehmen sind Gewerkschaften seit Jahrzehnten aktiv und besonders stark, das macht sich in den Arbeitsbedingungen bemerkbar. Birgit Dietze, die zur neuen IG-Metall-Chefin für Berlin, Brandenburg und Sachsen ernannt worden ist, formuliert es so: In alten Industriebetrieben gebe es meist geregelte und ausgewogene Entgeltstrukturen, häufig ein Einkommen, das gut zum Leben reicht, eine Arbeitszeit von unter 40 Wochenstunden und 30 Tage Urlaub.

Solche Regelungen fehlten oft in neu gegründeten Firmen. Dort herrsche oft eine Art »Gründerzeitstimmung«. Fragen des Arbeitsschutzes und der Arbeitszeit spielten häufig keine große Rolle. Das ändere sich meist erst nach ein paar Jahren, wenn die Firma wachse und Arbeitnehmer begännen, Familien zu gründen, so Dietze. Wenn sich Beschäftigte an die Gewerkschaft wandten, gehe es oft zunächst um die Gründung eines Betriebsrats oder darum, einen Tarifvertrag zu erkämpfen. Inhaltlich bestehe der »erste Auftrag« der Mitglieder an die IG Metall oft darin, »mit uns zusammen transparente und gerechte Entgeltstrukturen zu erstreiten, die Gehälter anzuheben, 30 Tage Urlaub und eine Verkürzung der Arbeitszeit durchzusetzen« – also Verbesserungen, die in alten Industrieunternehmen oft schon erreicht wurden. Eben diese alten Firmen spielen auch bei der Stabilisierung der Industrie in Berlin eine wichtige Rolle. So verweist Dietze darauf, dass zahlreiche tarifgebundene Unternehmen ihre Labs in Berlin ansiedeln oder IT- und Entwicklungseinheiten. Als Beispiel nennt sie Einheiten der Car-Software-Org von Volkwagen.

Ralf Löckener hält es für wahrscheinlich, dass die Industrie in Berlin insgesamt weiterwächst. »Der Exodus aus den Städten hatte viel mit steigenden Bodenpreisen zu tun«, sagt der Chef der Beratungsfirma Sustain Consult, die Betriebsräte und Manager dabei berät, eine rentable Unternehmensführung mit sozialen Belangen wie sicheren, gut bezahlten und qualifizierten Jobs zu verbinden. Heute spielten auch andere Faktoren eine große Rolle: Konzerne suchten etwa die Nähe zur Digitalfirmen, Start-ups, Forschungseinrichtungen und Universitäten, an denen die Menschen ausgebildet werden, die als Mitarbeitende für Innovationen sorgen können. Zudem gewännen Service-Tätigkeiten innerhalb der Industrieunternehmen, die gut in eine Stadt passen, an Bedeutung.

Die Entscheidung von Siemens, Millionen in Umbau und Modernisierung der Siemensstadt zu stecken, zeige, dass auch große Unternehmen mit einer langen Geschichte vorhaben, solche Vorteile zu nutzen und in Berlin zu bleiben.
In welche Richtung die Entwicklung geht, welche Industrien in Städten wachsen, sei noch nicht klar, betont Gornig. Mit 3D-Druckern ließen sich beispielsweise auch Kleinstserien rentabel herstellen. Möglich sei auch, dass etwa die Arzneiproduktion wieder an Bedeutung gewinnt. Wegen des hohen Automatisierungsgrads spielten die Arbeitskosten häufig nur noch eine geringe Rolle.
Der Forscher plädiert dafür, dass die Politik das Industriewachstum ermöglicht und beispielsweise umweltverträgliches Gewerbe in neue Wohngebiete integriert. Und was ist mit dem ganzen Lieferverkehr? Die Lärmbelastung von Güterzügen sei in den letzten Jahren alleine schon wegen der neuen Rechtslage deutlich reduziert worden, so Löckener. Und der Lkw-Verkehr lasse sich auf Elektro-Fahrzeuge umstellen.

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