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Ein Akt der Gewalt

Die Serie »I May Destroy You« entlarvt einiges über Sexualität und Machtstrukturen

Geschlechtsverkehr galt irgendwann einmal, zumindest in der Zeitspanne zwischen sexueller Befreiung und Youporn, für kurze Zeit als romantisch. Ob hetero, schwul oder queer: wenn zwei Menschen einvernehmlich zueinander gerieten, wirkte es auch in Film und Fernsehen für alle Beteiligten irgendwie befriedigend. Was für ein schöner Gedanke. Doch Vorsicht: Wer mit ihm im Hinterkopf das neue Kino namens Serie sieht, sollte vor dieser hier gewarnt werden: »I May Destroy You«.

Schon die Übersetzung des HBO-Zwölfteilers - jemand würde jemand anderes zerstören - verheißt nichts Gutes. Und wenn sie paarungswillige, besser noch: paarungsfixierte Millenials buchstäblich unter die Lupe nimmt, gerät der Titel mit jeder körperlichen Kollision mehr zur Prophezeiung seiner eigenen Unverdaulichkeit. Dabei geht es ganz unverdorben los. Nach einer ausschweifenden Auszeit in Italien, reist Bestsellerautorin Arabella zurück nach London, um die bestellte Fortsetzung ihres autobiografischen Debütromans fristgerecht abzugeben. Das Problem: Arabella hat noch nicht einmal angefangen und verdrängt diese nagende Erkenntnis mit Partys, Drogen und substanzloser Smartphone-Kommunikation.

Wer ihr beim Prokrastinieren zusieht, könnte »I May Destroy You« für die nächste Milieustudie realitätsverweigernder Twentysomethings halten, von denen das Programm im Streamingzeitalter fast überläuft. Als Arabella am Morgen einer durchfeierten Nacht mit Kater, Filmriss und Schnitt über dem Auge aufwacht, treten allerdings Zweifel an der heiteren Weltflucht auf. Spätestens beim Cliffhanger wird klar: abseits der Fluchtstrategien geht es in »I May Destroy You« vor allem um die Fluchtursachen. Denn Arabella, das zeigt ein winziger Erinnerungsfetzen im Dunkel ihres Selbst, ist vergewaltigt worden.

Käme das Drehbuch, sagen wir, von einem Mann aus Deutschland, begänne nun fraglos die Suche nach dem Täter, idealerweise mit hoffnungsfrohem Showdown im Serienfinale, bei dem er gestellt, überführt, abgeurteilt würde. Diese Serie stammt allerdings von Hauptdarstellerin Michaela Coel, die nicht nur Regie führt, sondern als Frau mit ghanaischer Familie zugleich Teil einer misogynen, rassistischen Realität ist. Wie in ihrer hochdekorierten Netflix-Comedyserie »Chewing Gum«, nimmt sich die Showrunnerin am Beispiel ihrer disruptiven Sexualität folglich der Gesellschaft als Ganzes an und kommt zu qualvollen Erkenntnissen - nicht nur, aber besonders für die Generation Tinder.

Arabellas Vergewaltigung bleibt nämlich keinesfalls der einzige Akt sexualisierter Gewalt. Beim One-Night-Stand mit Schriftstellerkollege Zain (Karan Gill) etwa zieht er heimlich das Kondom ab. Ihr Freund Kwame (Paapa Essiedu) wird am Ende eines zärtlichen Internet-Dates unfreiwillig und gewaltvoll übermannt. Als auch die Therapeutin, mit der Arabella ihr Trauma angeht, Missbrauchserlebnisse offenbart, wird Sexualität endgültig vom Liebesbeweis zum Machtinstrument und die Serie vom Entertainment zur Anklage.

Dass sie trotzdem ohne erhobenen Zeigefinger fesselnd ist, liegt in vielfacher Hinsicht an Michaela Coel. Trotz aller Erniedrigungen bleibt die von ihr dargestellte Arabella bei der Jagd nach den Ursachen und Folgen ihrer inneren wie äußeren Verletzungen nämlich selbstbestimmt und eigensinnig; während die Täter ebenfalls Objekte mannigfaltiger Diskriminierungen sind, ohne davor einzuknicken. »I May Destroy You« interessiert sich also weit mehr für Schuld als Schuldige und grast dabei keine Klischees ab, sondern legt sie offen. Wie die burschikose Coel jede Erkenntnis mimisch in Fassungslosigkeit verwandelt, ist so eindrücklich wie der Schlüsselsatz dieser fabelhaften Serie. »Ich möchte lernen, wie ich verhindere, vergewaltigt zu werden«, sagt Arabella im Stuhlkreis ihrer Selbsthilfegruppe betroffener Frauen - als müssten nicht zunächst einmal die Täter, und oft also die Männer, lernen, wie sie Sexualität von Herrschaft befreien.

»I May Destroy You«, ab 19. Oktober auf Sky

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