Osten, wir müssen reden

Die Nachwendekinder haben was zu klären

Wir haben keinen DDR-Kindergarten und auch keine Polytechnische Oberschule besucht und trotzdem teilweise auf den Bänken des Typenschulbaus gesessen, in dem unsere Eltern schon lesen gelernt haben. Als Kinder haben wir nicht darüber nachgedacht, ob die Deutsche Einheit etwas mit uns zu tun hat oder was es für unsere Eltern bedeutet, in einem Staat geboren zu sein, der nicht mehr existiert. … Was wir aber mittlerweile begreifen: Wir haben die DDR zwar nicht miterlebt, sind aber kulturell mit ihr aufgewachsen. Der Osten ist nicht einfach mit dem Mauerfall verschwunden. Jetzt wollen wir nach Ursachen suchen, um die Wut, den Frust und Extremismus, den rechten Terror im Osten der Nachwendezeit bis heute zu erklären - baseballschlägerjahre. Wir wollen nachvollziehen, wie unsere Eltern und Großeltern in der DDR gelebt haben. und was der Umbruch mit ihnen gemacht hat, auch um uns selbst besser zu verstehen … Corinne Orlowski

Ich tue mich schwer damit, eine heutige ostdeutsche Identität zu beschwören, in der alle Individuen zurückhaltend, bescheiden und solidarisch sind, das erinnert dann schnell wieder an den Kollektivismus der DDR. Offensichtlich gab es aber in der Nachwendezeit recht ähnliche Umstände, mit denen jeder einen individuellen Umgang finden musste. Zum einen eben totalitäre Prägung durch 40 Jahre DDR, inklusive recht klarer sozialistischer Idealbilder, zu denen unsere Vorgängergenerationen hinerzogen werden sollten, Idealbilder, die nach dem Mauerfall nicht einfach weg waren, sondern sich auch noch in meine Kindheit übertragen haben und denen man bis heute nachspüren kann. Zum anderen dann die schon genannten Besonderheiten der Nachwendezeit. Für mich war das alles lange normal, denn meine Freunde hatten hier im Osten ja Ähnliches gelernt: keine Angst zeigen, nicht heulen, nicht petzen, nicht auffallen, zusammenreißen. Erst als Erwachsener in Berlin habe ich dann so richtig begriffen, dass wir in eine Ausnahmesituation hineingeboren wurden, dass Menschen anderswo auch Kindheiten hatten, in denen sie in ihrer Individualität bestärkt und beschützt wurden und sich frei und sicher entfalten konnten. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass es sich lohnt, sich seine eigene Nachwendekindheit mal genau anzuschauen. […]

Es herrscht die unterkomplexe Gaga-Geschichtserzählung vom grauen Terrorstaat, geführt von finsteren Männern, die ihr Volk aus reinem Sadismus gequält und eingemauert haben. Irgendwann kam David Hasselhoff und sang sein Liedchen und die Bürger konnten die Mauer mit dem Trabi durchbrechen und endlich zu ihren lieben guten Geschwistern auf der anderen Seite zurückkehren und Bananen kaufen. Es fehlt ein Bewusstsein dafür, dass die Menschen mit der DDR etwas Positives schaffen wollten, eine gerechtere Gesellschaft, dass viele daran mitgewirkt haben und bis heute tief enttäuscht sind, wie es gelaufen ist. Auch die Bürgerrechtler und die Demokratiebewegung wollten zur Zeit des Mauerfalls in erster Linie eine bessere DDR und keine Wiedervereinigung. Nach der Wende wurde dann davon ausgegangen, der Osten müsste irgendwann exakt so wie der Westen werden, was Ostdeutsche zu defizitären »Wessis in Ausbildung« degradierte und alle eigenen gestalterischen Impulse abräumte. Die Andersheit wurde nicht wertgeschätzt, teilweise auch von Ostdeutschen selber nicht. Ich finde es nachvollziehbar, dass man sich aus so einer ungleichen Beziehung irgendwann zurückzieht und verstummt, in den ganzen verschütteten Erfahrungen schlummert aber riesiges Potential … Hendrik Bolz

Ich glaube, es ist wichtig, dass wir mit unseren Eltern reden, um uns ein bisschen selber zu verstehen, aber auch um ihnen zu zeigen: Eure Geschichte und eure Perspektive haben auch eine Berechtigung. Ich merke immer wieder, wie abweisend Ostdeutsche mit Umbrucherfahrung reagieren, wenn man mit ihnen über den Osten reden möchte. Die sagen sofort, das ist vorbei, wir leben in einer Einheit, das hat nichts mehr mit uns zu tun. Mein Vater fragte mich auch: Was hast du denn noch mit dem Osten zu tun? Das hat mich total irritiert, weil ich dachte, wenn mein Vater, der in der DDR gelebt hat, nicht mehr über Ost und West reden will, was habe ich dann für eine Berechtigung, das zu tun? Darüber habe ich viel nachgedacht und bin zu dem Schluss gekommen: Natürlich habe ich eine Berechtigung, denn auch ich bin im Osten aufgewachsen. Irgendwann habe ich auch verstanden, warum mein Vater so reagiert. Immer wenn es um Ost und West geht, geht es um Probleme.

Ich glaube, es hat in den letzten 30 Jahren keinen medialen Raum gegeben, in dem Ostdeutsche quasi »unter sich«, ohne Wertung von außen, ihre Lebensgeschichten erzählen konnten. Vielleicht gibt es jetzt die Chance, diesen Raum zu schaffen: Du kannst erzählen, ich verurteile oder bewerte dich und dein Handeln nicht. Die meisten Leute waren nämlich keine IMs, das ist dann die große Überraschung, viele Leute hatten ein »normales Leben«. Es ist auch nicht so, dass alle in der Opposition waren, es haben, im Gegenteil, sehr viele Menschen an das geglaubt, was die SED erzählt und mit ihrem Statut gefordert hat. Dieser Prozess, zu verstehen, dass von der SED-Führung viel Quatsch erzählt wurde, dieses Aufwachen in der Realität war für viele wahnsinnig schmerzvoll. Und dieser Trauerprozess ist, glaube ich, auch für viele Ostdeutsche noch nicht abgeschlossen. Ich habe das bei meinen Eltern gesehen. Das ist ja auch ein ganz normaler psychologischer Prozess. Die haben angefangen, ihr neues Leben zu leben, sind teilweise auch sehr klar gekommen und haben sich ihre Karrieren aufgebaut. Mein Vater war am Anfang von meiner Recherche nicht so begeistert und am Ende fand er es ganz gut, dass ich ihn quasi aus publizistischen Gründen gezwungen habe, mit mir darüber zu sprechen und nachzudenken. Obwohl es nicht immer der richtige Weg ist, die Eltern zu zwingen. Aber es hat am Ende dazu geführt, dass er angefangen hat, seine Rolle zu reflektieren und zu sich zu kommen … Valerie Schönian

Und jetzt stell dir mal vor, es ist 1989 ff. und da draußen tobt die deutschdeutsche Geschichte. Du aber bist alleinerziehende Mutter und das heißt: Warum-Fragen statt Weltreise, Hausaufgaben statt Hausbesetzung, ABC statt LSD. Ich weiß schon, dass die Fünfjährige, die ich mal gewesen bin, nichts für das Timing der Geschichte konnte. Ich bedaure dennoch, zu ausgerechnet diesem Zeitpunkt ein konservatives Arschloch gewesen zu sein. Es tut mir leid für meine Mutter, aber auch für mich, die ich als Nachwendekind im Postsozialismus der Geschichte immer hinterherhinkte …

Ich erinnere mich an die Schulstunde, in der mein Geschichtslehrer ein Arbeitsblatt mit zwei Spalten austeilte, die dem Vergleich der DDR mit dem Dritten Reich dienen sollten, woraufhin einige von uns Ostsozialisierten empört den Klassenraum verließen. Erst viele Jahre später haben wir verstanden, dass hier zum ersten Mal das Gefälle zwischen Küchentisch und Schulbank, zwischen deutscher Geschichte und Familiengeschichte, zu groß für uns geworden war …

Ich habe nicht vergessen, dass der Heimathorst die 30jährigen Jubiläen von Mauerfall und Wiedervereinigung schlicht vergaß und im April 2019 61 außerplanmäßige Millionen beim Finanzministerium beantragte. Sie wurden aus einem Etat bewilligt, der für Naturkatastrophen und andere Unvorhersehbarkeiten bereitsteht …

Ich kann mich nicht erinnern, den Kapitalismus je für alternativlos gehalten zu haben. Muss ein Wessi-Problem sein. … Paula Fürstenberg

Allein der Begriff Wiedervereinigung erzählt von der Rückkehr Deutschlands und damit auch eines deutschen Volkes zu seinem vermeintlichen früheren Aggregatzustand. Was für ein Konzept soll denn hinter einem solchen Begriff stehen, wenn nicht eine ethnonationale Vorstellung davon, dass es ein »deutsches Volk« gibt, das vorher getrennt war? Sonst könnte man auch einfach Vereinigung sagen … Natürlich haben Migrant*innen in der DDR gelebt und dort Diskriminierung erlebt. Diese Menschen haben die DDR mit aufgebaut und gestaltet. Und trotzdem hält sich das Narrativ, dass im Osten Rassismus oder völkisches Denken verbreitet sei, weil in der DDR keine migrantische Bevölkerung existiert habe. Diese Behauptung taucht in Variation auch immer wieder als Begründung für die Stärke der AfD auf. Ich finde, das macht es der AfD sehr leicht, die ja an jeder Stelle die völkische Utopie einer Vergangenheit behauptet, die so nie existiert hat. Ich glaube, durch eine Korrektur der Geschichtserzählung könnte eine größere Sensibilität für die innere Pluralität der DDR erwirkt werden … Max Czollek

Michael Watzka und Moritz Müller-Schwefe (Hg.):
Metarmorphosen 28: Nachwendekinder

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