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Dem Eis beim Sterben zugesehen

Wissenschaftsministerin begrüßt zurückgekehrte Polarforscher in ihrem Institut auf dem Potsdamer Telegrafenberg

  • Von Wilfried Neiße
  • Lesedauer: 3 Min.
Gerade noch mit Außenminister Heiko Maas in der Arktis, nun zurück in Potsdam: Markus Rex (links), Klimaforscher am Alfred-Wegener-Institut in Potsdam.
Gerade noch mit Außenminister Heiko Maas in der Arktis, nun zurück in Potsdam: Markus Rex (links), Klimaforscher am Alfred-Wegener-Institut in Potsdam.

»Unweit des Nordpols schmilzt im Sommer das Eis. Wir haben dem Eis beim Sterben zugesehen.« Professor Markus Rex, Leiter der kürzlich beendeten »Mosaic«-Expedition, ist auch Tage nach seiner Rückkehr immer noch bewegt. Er habe die erstaunliche Welt der Polarnacht mit ihren bizarren Formen und Farben gesehen, sagte er am Montag vor der Presse in der Potsdamer Außenstelle des Alfred-Wegener-Instituts. »Mir macht Sorge, dass aufgrund des Klimawandels meine Kinder das nicht mehr erleben dürfen.«

Insgesamt 389 Tage hat er auf dem Forschungsschiff »Nordstern« die komplexeste und logistisch aufwendigste Expedition in der Geschichte der Arktisforschung geleitet. Das Land Brandenburg und die Forschungsinstitute auf dem Potsdamer Telegrafenberg sind dadurch weltweit bekanntgeworden, versichert er. Mit einem gewaltigen Datenvolumen über Temperaturen, Eis- und Wasserzusammensetzung sowie Lebewesen mit über 10 000 Proben ist das Forschungsschiff zurückgekehrt. »Diese Expedition verändert die Klimaforschung«, sagte er selbstbewusst.

Nirgends erwärmt sich die Erde schneller als an ihren Polen. »Der arktische Winter ist heute zwölf Grad wärmer als vor 120 Jahren, als Fridtjof Nansen dort die Temperaturen gemessen hat«, sagte Rex. Inzwischen stehe die Frage, ob die Arktis am Ende des Jahrhunderts fünf Grad wärmer ist als heute oder sogar 15 Grad. Ziel seiner Expedition, an der sich 20 Institute weltweit und mehr als 400 Wissenschaftler aus insgesamt 37 Nationen beteiligten, war es, Material zu sammeln, um die Klimaveränderungen am Computer simulieren zu können. Das soll aus dem Reich der Spekulation herausführen und endlich verlässliche Aussagen ermöglichen. »Wir haben alles erreicht, die Expedition war ein voller Erfolg.« Dazu haben laut Rex insgesamt sieben Forschungsschiffe und Eisbrecher beigetragen. Angesichts der »Funkstille«, die die Corona-Pandemie auch für die Forschungsschifffahrt bedeutete, galt es, in ungewöhnlicher Geschwindigkeit neue Lösungen zu finden. Sonst hätte die Expedition vorzeitig abgebrochen werden müssen. Mit Hilfe zweier weiterer deutscher aber auch russischer Forschungsschiffe sei dies abgewendet worden.

Die »Nordstern« hatte sich einfrieren lassen und war mit der natürlichen Eisdrift gedriftet. Weil coronabedingt eine Versorgung ausgeblieben war, hatte sich das Schiff »mit dem letzten Tropfen Treibstoff« aus dem Eis befreit, fuhr nach Spitzbergen und konnte dort Besatzung und Wissenschaftlerteams austauschen sowie Versorgungsgüter aufnehmen. Dann fuhr die Crew an die vorher verlassene Stelle zurück, baute das Camp auf und ließ sich mit dem Eis weiter treiben.

Monate auf engstem Raum - das war auch für die Beteiligten ein Erlebnis spezieller Art. Es gab Nationalitäten-Abende der Amerikaner, der Deutschen, der Schweden und Angehörigen anderer Nationen. »Wir wussten aber, dass wir lebend nach Hause zurückkommen würden und höchstwahrscheinlich auch unbeschadet. Das war bei Amundsen, Nansen, Peary und Nobile nicht sicher.«

Das Verschwinden des Eises bereitet ihm die meisten Sorgen. »In der gesamten Zeit der Menschheit waren die Pole mit Eis bedeckt«, unterstrich Rex. Auch als die Dinosaurier auf der Erde lebten, seien Nord- und Südpol nicht eisfrei gewesen. Er sehe die Gefahr, dass die Erwärmung einen Punkt durchlaufe, bei dem sie nicht mehr rückgängig zu machen sei. »Vielleicht haben wir diesen Punkt schon überschritten.«

Wissenschaftsministerin Manja Schüle (SPD) sicherte 1,5 Millionen Euro Förderung für die Ausstattung eines modernen Instituts zur Unterstützung der Arktisforschung zu.

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