Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

Die kubanische Rakete

Baseballer Randy Arozarena spielt mit Tampa Bay um den Titel in der MLB

  • Von Andreas Knobloch, Havanna
  • Lesedauer: 5 Min.
Volltreffer: Randy Arozarena führte die Tampa Bay Rays in die World Series.
Volltreffer: Randy Arozarena führte die Tampa Bay Rays in die World Series.

Es ist schon eine etwas merkwürdige Tradition, den Tampa Bay Rays hat sie bislang aber Glück gebracht: Der venezolanische Trainer des Baseballteams, Rodney Linares, gibt seinem kubanischen Außenfeldspieler Randy Arozarena vor jedem Spiel einen Klapps auf den Kopf - um ihn aufzumuntern. Arozarena, den vor der Saison selbst Insider kaum kannten, hat in den diesjährigen Playoffs bereits sieben Homeruns erzielt. Damit stellte der 25-Jährige einen Rookie-Rekord auf und führte sein Team fast im Alleingang in die World Series. In den Finalspielen der US-amerikanischen Profilliga Major League Baseball (MLB) trifft Tampa Bay nun auf die Los Angeles Dodgers.

Es war keineswegs ausgemacht, dass Arozarena es einmal so weit bringen würde. Geboren in Mantua, im Nordwesten Kubas, viereinhalb Autostunden von Havanna entfernt, spielte er zunächst Fußball. Nachdem er zum Baseball gewechselt war, unterschrieb er als 18-Jähriger einen Vertrag beim Team der Provinzhauptstadt Pinar del Rio. Einer seiner größten Unterstützer war sein Vater Jesús, der kein Training und kein Spiel seines Sohnes verpasste. Nach dem Verzehr eines Meeresfrüchtetellers und einer intensiven allergischen Reaktion verstarb er im Jahr 2014. »Meinen Vater in so jungen Jahren zu verlieren, war das Schwierigste, was ich jemals durchmachen musste«, so Arozarena. »Danach fühlte ich mich einfach allein.«

Nach dem Tod seines Vaters änderte sich auch seine Rolle in der Familie. Plötzlich fühlte sich Randy verantwortlich für seine Mutter und seine beiden jüngeren Brüder. Als er 2015 von seinem Team vor einem internationalen Turnier aus dem Kader gestrichen worden war - mutmaßlich wegen Fluchtgefahr -, begann er über seine Zukunft nachzudenken. Und so bat er seine Mutter um ihren Segen, ins Ausland gehen zu dürfen - um als Baseballspieler Geld für die Familie zu verdienen.

Wie andere kubanische Baseballspieler zuvor, floh Arozarena auf einem Boot Richtung Mexiko. Acht Stunden dauerte die Überfahrt. »Wenn du auf dem Meer bist, denkst du nur daran und hoffst, sicher anzukommen«, sagte er einmal. »Es gibt Menschen, die tage- oder monatelang auf dem Meer sind. Und es gibt andere, die es nicht schaffen, weil sie sterben. Wenn du in einem dieser selbstgebauten Boote mitten im Golf von Mexiko bist, kannst du nur hoffen, zu überleben. Ich habe die Chance genutzt und bin dankenswerterweise ohne Probleme angekommen.«

Schuld an solch waghalsigen Manövern ist zu einem guten Teil die Blockadepolitik der USA. Die untersagt beispielsweise allen US-Unternehmen, also auch der MLB, jedwede kommerziellen Verbindungen mit Kuba. Kubanische Spieler müssen erst die Residenz eines Drittlandes annehmen und alle Verbindungen in ihre Heimat abbrechen. Erst dann dürfen sie von einem MLB-Klub angestellt werden - eine Regelung, die einzig für kubanische Sportler gilt. Das hat einen regelrechten Schwarzmarkt für kubanische Baseballspieler entstehen lassen. Schleuser organisieren die »Desertationen«. Erst im April vergangenen Jahres kippte die Regierung von Donald Trump eine zuvor getroffene Vereinbarung mit Kuba, die es kubanischen Spielern erlaubt hätte, legal in der MLB zu spielen.

Als Arozarena in Mexiko ankam, kannte er niemanden. Wegen seiner Antrittsschnelligkeit »el cohete cubano« (kubanische Rakete) genannt, spielte er lange in Mexiko und unteren US-Ligen. »Ich hatte keine Freunde. Ich habe mit niemandem gesprochen. Ich fühlte mich wirklich komisch«, erinnert sich Arozarena. »Aber dann habe ich mich umgeschaut und mir gesagt, dass ich alleine hier bin, 100 Prozent geben und mich um nichts anderes kümmern muss, sondern einfach nur Baseball spielen, weil es das ist, was ich kann.« Schließlich gaben ihm die St. Louis Cardinals 2019 einen Vertrag über 1,25 Millionen US-Dollar. Im August vergangenen Jahres debütierte Arozarena in der MLB. Nach knapp 20 Spielen erwarben ihn die Tampa Bay Rays im Tausch gegen Matthew Liberatore, eines der größten Werfertalente des Landes. Der Deal sorgte in der Liga, vor allem aber bei den Fans der Rays für ungläubiges Kopfschütteln.

Ein Jahr später schüttelt niemand mehr den Kopf. Dabei war Arozarenas Start alles andere als ideal. Die Vorbereitung und die ersten fünf Wochen der wegen der Pandemie von 162 auf 60 Partien verkürzten Saison verpasste er wegen eines positiven Coronabefundes. Während der Quarantäne ernährte er sich vorwiegend von Reis und Hühnchen, dem einzigen Gericht, das er zuzubereiten wusste, machte 300 Push-Ups pro Tag und legte sieben Kilogramm Muskelmasse zu. Erst Ende August absolvierte Arozarena sein ersten Saisonspiel für die Rays. In den Playoffs spielte er sich dann endgültig ins Rampenlicht. Mit drei Homeruns hatte er maßgeblichen Anteil am Sieg in der Serie gegen die New York Yankees. Gegen die Houston Astros schickte Arozarena vier Homeruns hinterher - und wurde als erster Rookie zum wertvollsten Spieler einer Finalserie gekürt.

In der World Series geht es nun um den ersten Titelgewinn der Vereinsgeschichte. Und das gegen die Los Angeles Dodgers, die sich in sieben dramatischen Spielen und nach einem 1:3-Rückstand noch gegen die Atlanta Braves durchsetzen konnten. Das Finale zwischen den beiden besten Teams der Hauptrunde wird dabei erstmals in der 116-jährigen Geschichte der MLB an einem neutralen Ort ausgetragen. Vor Beginn jeder Partie im texanischen Arlington wird Arozarena seinen Trainer Linares dann bitten, ihm einen Klapps auf den Kopf zu geben. »Denn dann kommen die Homeruns raus und ich sage ihm: ›Hey gib mir einen härteren Klapps‹. Mal sehen, ob ich dann noch weiter schlagen kann, damit sie den Ball nicht erwischen!«

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln