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»Glaubwürdig ist nur, wer sich seinen Weg zurück verbaut.«

Tobias Schmidt von der Autonomen Antifa 170 sagt über Ex-Nazis: Nur wer auspackt, hat den Begriff »Aussteiger« verdient.

  • Von Sebastian Weiermann
  • Lesedauer: 5 Min.
Nazi-Aussteiger: »Glaubwürdig ist nur, wer sich seinen Weg zurück verbaut.«

In der vergangenen Woche hat das »nd« den Neonazi-Aussteiger Lukas Bals portraitiert. Er gehörte einige Jahre zu den Hauptakteuren der Neonaziszene in Dortmund. Antifaschisten aus dem dem Ruhrgebiet haben in der Folge die Inszenierung von Bals und die Berichterstattung im »nd« kritisiert. Mit Tobias Schmidt von der Autonomen Antifa 170 hat das »nd« über die Kritik an der Inszenierung gesprochen.

Ihr kritisiert die Ausstiegsinszenierung von Lukas Bals. Warum?
Bals stellt sich als geläuterter Ex-Nazi dar, der jetzt aufrechter Demokrat sei. Eine Aufarbeitung seiner zahlreichen Gewalttaten umgeht er weitgehend und inszeniert sich als Opfer seiner damaligen Umstände - und die Öffentlichkeit und Presse versäumen es, kritisch nachzufragen.

Bals Wechsel vom Linken zum Neonazi ging mit Bedrohungen und Angriffen einher. Könnt ihr das erläutern?
Bals, der heute »keine schmutzige Wäsche waschen will«, hatte nach seinem Eintritt in die Naziszene in Wuppertal kein Problem damit, seine früheren Freund*innen und Bekannten an ihre Todfeind*innen - Ja, Nazis töten - auszuliefern und auch selber heftige Gewalt gegen sie anzuwenden, bis hin zum Einsatz von Gaspistolen.

Welche Rolle hat er aus eurer Sicht in der Dortmunder Nazi-Szene gespielt?
Bals war ideologisch fest integriert. Er sprach auf Kundgebungen, organisierte Veranstaltungen mit, war tonangebend beim Parolenrufen, wie zum Beispiel gegen Anne Frank, und spornte andere zu Gewalttaten an. In der Dortmunder Naziszene hat er ein Umfeld gefunden, in dem er Anerkennung für seine Gewalt und Menschenverachtung bekam und die Dortmunder Naziszene in ihm einen Akteur, der bereit ist, ihren Anspruch der Gewalthoheit gegen Gegner*innen umzusetzen. Das klingt abstrakt, aber Bals' Weg pflastern gebrochene Knochen und Leute, die teilweise bis heute traumatisiert sind, weil sie von Nazis durch die Straßen gehetzt wurden.

Jetzt ist er seit über drei Jahren raus. Ist das nicht erfreulich? Was fehlt, um ihm glauben zu können?
Das er seit ein paar Jahren niemanden mehr ins Krankenhaus geschlagen hat, ist schön, aber das bedeutet noch keinen Ausstieg und ist noch lange kein Beweis für eine Verabschiedung von der Ideologie dahinter. Wenn er sich ernsthaft rehabilitieren will, wäre der erste Schritt, den Betroffenen die Deutungshoheit über die Geschichte des Nazis Bals zu überlassen. Stattdessen inszeniert er sich als Opfer, als könne er nichts dafür, dass er damals Nazi wurde. Dabei fällt untern Tisch, was er ist: Ein Täter, der sich dazu entschied, Nazi zu sein. Und wenn Bals glaubwürdig behaupten will, dass er sich jetzt gegen seine alten Kamerad*innen wendet, dann soll er das auch tun. Dann soll er erzählen, was er über diese Leute weiß. Der Mann weiß Dinge über die Funktion der Dortmunder Naziszene, er weiß, wer die Schläger*innen sind, wer die nächtlichen Anschläge auf Wohnungen durchführt, wie entschieden wird, wer zum Ziel wird.

Warum ist es aus eurer Sicht so wichtig öffentlich auszupacken?
Bals ist beileibe nicht der erste Neonazi, der sich geläutert gibt. Und er wäre auch nicht der erste, der ein paar Jahre später wieder in rechten Strukturen unterwegs ist. Diesem Glaubwürdigkeitsproblem kann er mit einem ehrlichen Bericht über seine Erfahrungen - nicht nur dem Teil, der ihm in die eigene Geschichte passt und ohnehin öffentlich bekannt ist - entgegenwirken. Glaubwürdig ist nur, wer sich seinen Weg zurück verbaut und Brücken abbrennt, wer nicht sagen kann »ich habe mich zwar abgewandt, aber euch nicht verraten«. Er schützt Täter*innen und ihre Strukturen, wenn er nicht über sie aufklärt. So können diese ungestört weitermachen.

Es reicht nicht, nur Infos an den Verfassungsschutz zu geben, der die Infos hauptsächlich hortet. Es ist wichtig, bei antifaschistischen Strukturen auszupacken, die sie verarbeiten und über Nazi-Strukturen aufklären. Dabei geht es nicht um Voyeurismus. Die Leute, die er über Jahre bedroht und der Gewalt ausgesetzt hat, über die er vertrauliche Informationen an eine Nazistruktur weitergegeben hat, die allein in Dortmund fünf Morde seit dem Jahr 2000 politisch verantwortet, die haben da ein Recht drauf, die Infos zu bekommen.

Bals möchte jetzt als »Anti-Extremist« ein abschreckendes Beispiel sein. Was gefällt euch daran nicht?
Er sagt, dass er mit seinem Ausstieg neuen Leuten beweisen will, dass er jetzt ein anderer sei und er versucht sich damit eine Zukunft zu ermöglichen. Dass allerdings die staatlichen Stellen, die sich der Extremismusdoktrin verschrieben haben, keine verlässlichen Partner im Kampf gegen Nazis sind, ist eine Binsenweisheit, die im Rahmen der Aufarbeitung verschiedener rechtsterroristischer Komplexe (NSU, Hanau, Halle uvm.) über Antifastrukturen hinaus Verbreitung gefunden hat. Mit der Extremismusdoktrin werden der Kampf gegen Rassismus, Faschismus und Antisemitismus mit eben diesen Inhalten der extremen Rechten gleichgesetzt. Bals kann damit einen Weg erklären, ohne dass seine Nazi-Ideologie genauer thematisiert wird. Er ignoriert sowohl, dass er ideologisch überzeugter Nazi war, als auch die Unterschiede der Ideologien. Damit relativiert er den Neonazismus massiv.

Habt ihr eine Idee, wie man mit Aussteigern vom Typus Bals, Reitz, Schlaffer, die eben nicht den »Antifa-Ausstiegskriterien« entsprechen wollen, umgehen sollte?
Ein erste Schritt wäre, ihnen nicht einfach unkommentiert Raum zu geben. Wir kritisieren die Berichterstattung über Bals in der letzten Woche scharf. Das mindeste wäre, seine Darstellung zu kontrastieren mit Stimmen von Betroffenen oder antifaschistischen Strukturen, die mit ihm zu tun hatten. Das bietet dann auch eine Chance, Erkenntnisse darüber zu gewinnen, was an der Inszenierung glaubwürdig ist, statt leichtfertig das Siegel »Aussteiger« zu vergeben.

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