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Pyromanie und Begehren

Befremdlich, sinnlich, feministisch: »Ema« von Pablo Larraín ist ein Film über eine besondere Antiheldin

  • Von Isabella Caldart
  • Lesedauer: 3 Min.

Eine nächtliche, menschenleere Straße in Valparaíso, Chile, mehrere Ampeln sind zu sehen, zwischen den Häusern hängen unzählige Stromkabel. Es ist eine fast friedliche Szenerie - wäre da nicht diese eine Ampel, an der munter Flammen lecken, bis sie vollständig abgebrannt ist.

Das zweite Bild in Pablo Larraíns Film »Ema« offenbart: Es gibt nicht nur eine Zeugin dieses Feuers. Die Frau, die ruhig die brennende Ampel betrachtet, bevor sie sich umdreht und geht, trägt einen Flammenwerfer auf dem Rücken.

Denn Ema (Mariana Di Girolamo) hat ein eher ungewöhnliches Hobby: Des Nachts verbrennt sie Autos, Schaukeln oder eben Ampeln. Ein Hobby, das sie weitergegeben hat. Ihr Adoptivsohn verbrannte Emas Schwester einen Teil ihres Gesichts - woraufhin Ema und ihr Ehemann Gastón (Gael García Bernal) kurzerhand beschlossen, das Kind wieder wegzugeben.

Wer bei diesem Ausgangsszenario ein Sozialdrama erwartet, hat aber weit gefehlt. »Ema« ist ein assoziativer und mosaikartiger Film, der auf eine stringente Handlung verzichtet und vielmehr lose zusammenhängende Geschehnisse aus dem Leben Emas erzählt.

Ema, Reggaetontänzerin und Tanzlehrerin für Kinder, streitet sich lautstark vor ihrer Tanzgruppe mit Ehemann Gastón, manipuliert andere Menschen für ihre Zwecke (oft mit Sex) und verhält sich auch sonst ziemlich egoistisch. Doch Schauspielerin Mariana Di Girolamo, optisch auffällig mit weißblondiertem, zurückgegeltem Haar und verschlingendem Blick, gelingt das Kunstwerk, das Gleichgewicht zwischen Rücksichtslosigkeit und Schmerz zu wahren und durch ihre Darstellung den Film zu tragen. Ihre Ema ist sehr ambivalent, trotz ihrer Taten aber nicht unsympathisch. Sie ist eine Frau, die sich von gesellschaftlichen Konventionen gelöst hat und dadurch in ihrer Umgebung mitunter wie ein Fremdkörper wirkt, aber frei ist.

Frei ist sie auch in ganz physischem Sinne: »Ema« ist ein sehr körperlicher Film mit mehreren Sex- und Tanzszenen, die an Musikvideos erinnern. Reggeaton, ein Mix aus Reggae, Hip-Hop, Merengue und elektronischer Tanzmusik, bezeichnet Gastón in einer der zahlreichen Auseinandersetzungen vor Emas Freundinnen als »Knastmusik« und »Kultur, in der Frauen zu Sexualobjekten gemacht werden«. Für Ema ist die Musik feministischer Selbstausdruck, durch den sie ihren eigenen Körper feiert. Ebenso der Sex, bei dem nie ganz sicher ist, ob sie ihn aus Verlangen oder zur Manipulation des Gegenübers hat - oder aus beiden Gründen.

Mit »Ema« kehrt der chilenische Regisseur Pablo Larraín nach seinem Ausflug ins englisch- (das konventionell erzählte »Jackie« mit Natalie Portman in der Rolle der Jackie Kennedy) zurück zum spanischsprachigen Kino. Tanz, Wut, Sex und Feuer - sowohl auf der metaphorischen als auch der Handlungsebene durch Emas pyromanische Ader - sind die Themen, die er in diesem komplexen, oft traumartig anmutenden Film vereint. Larraín schafft es, die vielen losen Stränge zu einem überraschend logischen Schluss zusammenzufügen, ohne dass »Ema« konstruiert wirkt. Der Film, der bei den Filmfestspielen 2019 in Venedig im Rennen um den Goldenen Löwen war, ist nicht nur aus cineastischer Sicht interessant, sondern feiert auch Weiblichkeit und Begehren als empowerndes Element.

»Ema«: Chile 2019. Regie: Pablo Larraín. Drehbuch: Larraín, Guillermo Calderón, Alejandro Moreno. Kamera: Sergio Armstrong. Mit: Mariana Di Girolamo, Gael García Bernal. 102 Minuten. Kinostart: 22.10.

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