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20-Stunden-Woche ehrenamtlich

Berufspate hilft Langzeitarbeitslosen

  • Von Romina Kempt
  • Lesedauer: 4 Min.

Armin Trautwein wirft einen Blick auf einige Unterlagen vor ihm. »Er hat sich toll gemacht«, sagt der 69-Jährige anerkennend. Auf den Papieren stehen persönliche Daten von seinem Schützling Bedros Khougas. Der 36-Jährige sitzt mit am Tisch. Vor drei Jahren kam er auf Armin Trautwein zu und bat um Hilfe bei der Jobsuche.

Mittlerweile lernt Bedros Khougas in einer Übungswerkstatt eines Bildungsträgers in Halle an der Saale. Er repariert Dellen an Autos, entfernt mit einer speziellen Methode Kratzer von Karosserien. »Mein Ziel ist es, eine feste Anstellung zu finden«, erklärt der 36-Jährige. Er wolle sich bald in einem Werk in Queis bewerben - wieder mit Hilfe seines Mentors.

Seit fünf Jahren ist Armin Trautwein bereits Berufspate in Halle. »Ich will nicht nur rumsitzen«, sagt der charismatische Mann im Ruhestand. Sein freiwilliges Hobby kostet den 69-Jährigen durchschnittlich 20 Stunden Arbeitszeit pro Woche - ehrenamtlich. »Geld ist mir nicht so wichtig«, sagt Armin Trautwein. Er selbst kenne die Situation seiner Schützlinge aus eigener Erfahrung und das motiviere ihn für die teilweise nervenaufreibende Arbeit.

Nach dem Abitur zu DDR-Zeiten habe er sich unter anderem auf Baustellen durchgeschlagen, war Baggerfahrer, absolvierte eine Weiterbildung und wurde dann Betriebswirt. In einer gehobenen Position in einer Firma musste er nach der Wende mehrere Angestellte entlassen. »Das war hart«, so Armin Trautwein. Später wurde er selbst arbeitslos. »Mir kann also keiner was vormachen.«

Im Sommer 2015 las er in der Zeitung, dass die Freiwilligen-Agentur Halle-Saalkreis für ein neues Projekt im Rahmen eines Programms des Bundesministeriums des Innern, für Bau und Heimat motivierte ehrenamtliche Berufspaten suchte. »Mir hat das gepasst«, erklärt er. Denn zu dem Zeitpunkt sei seine Anstellung bei einem Bildungsträger in Halle gerade ausgelaufen und er war in den Ruhestand gegangen. Seitdem sei er dabei, so Armin Trautwein.

Unterlagen durchgehen, bei Bewerbungsschreiben helfen, mit Firmen telefonieren - das sind nur einige der Aufgaben eines Berufspaten. »Aufgrund vieler Hemmnisse ist es für Langzeitarbeitslose, für Menschen mit Migrationsgeschichte und Alleinerziehende sehr schwer, die ersten Hürden auf dem Weg in die Arbeitswelt allein zu meistern«, sagt die Verantwortliche des Patenschaftsprojekts in Halle, Marina Zubchenko-Fritzsche. Die Berufspaten würden daher die Jobsuchenden ganz individuell begleiten und beraten. Derzeit würden 25 Freiwillige diesen Job ehrenamtlich erledigen. Nur Unkosten wie Fahrten und Kopien könnten abgerechnet werden.

Für Trautwein ist das kein Grund nicht zu helfen. »Ich hatte bereits 60 Schützlinge«, sagt er. Seine erste erfolgreiche Patenschaft feierte der Helfer im Frühjahr 2016. Damals vermittelte er eine Frau, die Erzieherin werden wollte. Sie bekam mit seiner Hilfe ein Praktikum in einer Kita, später dann den erhofften Ausbildungsplatz. Sein Erfolgsrezept: Netzwerken. »Ich kenne überall Leute«, erklärt Trautwein. Zudem müsse man den Überblick bei den Bewerbungen behalten und am Ball bleiben.

Wie Bedros Khougas geht es in Sachsen-Anhalt etlichen Menschen. Nach Angaben der Regionaldirektion der Arbeitsagentur in Halle waren im August mehr als 30 000 Menschen langzeitarbeitslos - sprich: seit einem Jahr oder länger ohne Arbeit. Das waren rund 3300 mehr als ein Jahr zuvor. Der Anteil der Langzeitarbeitslosen an allen Arbeitslosen im Land liegt bei knapp einem Drittel. »Häufig haben es langzeitarbeitslose Menschen mit drei Arten von Hürden zu tun«, erklärt Agentursprecher Kristian Veil in Halle.

Zum einen die Hürden, die in der langen Zeit der Arbeitslosigkeit begründet seien - wie eine fehlende Tagesstruktur. »Dann gibt es Hürden, die in der Persönlichkeit begründet sind: Das kann zum Beispiel ein geringes Selbstwertgefühl bei dem Betroffenen sein«, so Veil. Und zuletzt »betriebsbezogene Hürden«, wie fehlende Pünktlichkeit oder ein auffälliges Sozialverhalten. Veil rät daher, bei der Stellensuche eigene Initiative zu ergreifen, persönliche Netzwerke zu nutzen, sich ehrenamtlich zu engagieren oder einen Minijob als Einstieg zu beginnen.

Für den gebürtigen Syrer Bedros Khougas war Armin Trautwein eine der großen Stützen bei der Suche nach einer Stelle. Wie er hätten viele Geflüchtete Probleme bei der Jobsuche, erklärt Trautwein. Denn dem 36-Jährigen, der 2015 nach Deutschland kam, fehlten entsprechende Zeugnisse. Nach Sprachkursen und einem Bundesfreiwilligendienst bekam Bedros Khougas dann die Möglichkeit, in der Übungswerkstatt zu lernen.

Das Patenschaftsprojekt ist Teil des Bundesprogramms »Bildung, Wirtschaft, Arbeit im Quartier«, abgekürzt BIWAQ. Es wird durch das Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat und den Europäischen Sozialfonds gefördert. dpa/nd

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