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Gendarmenmarkt ohne Zauber

Weihnachtsmarkt-Betreiber erklärt Absage / Unzufriedenheit mit Staatshilfen

  • Von Martin Kröger
  • Lesedauer: 4 Min.
Dicht an dicht am Glühweinstand: Was im November 2019 noch normal erschien, ist in der Pandemie nicht mehr denkbar.
Dicht an dicht am Glühweinstand: Was im November 2019 noch normal erschien, ist in der Pandemie nicht mehr denkbar.

Der Weihnachtsmarkt auf dem Gendarmenmarkt ist ein Publikumsmagnet. Doch in diesem Jahr wird es kein entspanntes vorweihnachtliches Schlendern vor der imposanten Kulisse des Deutschen und Französischen Doms sowie des Konzerthauses geben. Denn der traditionelle Weihnachtsmarkt auf dem Berliner Gendarmenmarkt fällt wegen der Ausbreitung des Coronavirus aus. Auf der Website des Marktes wird am Donnerstag zwar noch auf das vorbereitete »Hygienekonzept mit ausreichend Abstand, Maskenpflicht oder Einbahnstraßensystemen« verwiesen, die es erlauben würde, dass es »auch im Coronajahr« ein Weihnachtsmarkt auf dem Gendarmenmarkt veranstaltet werden kann. Doch diese Information ist überholt: Der Veranstalter Helmut Russ hat den Markt inzwischen abgesagt. Als erste Zeitung hatte darüber die »Welt« berichtet.

Zur Begründung hieß es seitens des Veranstalters, die gesundheitlichen und wirtschaftlichen Risiken seien angesichts steigender Neuinfektionen unkalkulierbar geworden. »Das ist nicht mehr vertretbar«, sagte der Veranstalter. Russ betonte, die Entscheidung habe er »schweren Herzens« getroffen. Laut des Berichts der »Welt« schätzt der Geschäftsführer der »WeihnachtsZauber Gendarmenmarkt GmbH« den wirtschaftlichen Schaden auf 22 bis 25 Millionen Euro. Im vergangenen Jahr besuchten rund 900 000 Gäste den Markt, darunter viele Touristen. Der Markt hätte in diesem Jahr zum 18. Mal in Folge stattfinden sollen.

Auf dem Gendarmenmarkt gab es in vergangenen Jahren immer eine Mischung aus bildender Kunst, kulinarischen Delikatessen sowie alter Handwerkskunst zu bestaunen. Auf einer großen Bühne traten unter anderem Kinderchöre aus den umliegenden Stadtteilen auf, die sich auf dem Weihnachtsmarkt vor einem größeren Publikum präsentieren konnten.

Vor der Absage des Weihnachtsmarktes hatte es intensive Gespräche mit Vertretern des Bezirksamtes von Mitte sowie dem Gesundheitsamt gegeben, bei denen Szenarien und Hygienekonzepte durchgespielt worden seien. Doch trotz aller Abstands- und Hygienekonzepte musste der Veranstalter nach eigener Aussage diesen »traurigen Entschluss« fassen. Man wolle nicht das Risiko eingehen, den Markt sofort nach Eröffnung wieder schließen zu müssen, so Russ.

Die Absage des ersten Berliner Weihnachtsmarktes trifft auch rund 120 Kunsthandwerker, die auf dem Areal in der Vorweihnachtszeit arbeiten sollten. Für viele Messebauer, Kunsthandwerker und Kleinkunstartisten ist die Coronakrise ohnehin eine Katastrophe. Dass nun auch noch die sehnlichst erwarteten Weihnachtsmärkte wegbrechen, ist ein weiterer harter Schlag ins Kontor dieser Gewerbetreibenden. Sie hätten wegen der Pandemie in diesem Jahr bislang fast gar nichts verkaufen können. »Das sollte der Rettungsanker für sie sein«, sagte Helmut Russ.

Unklar war am Donnerstag zunächst, ob weitere große Weihnachtsmärkte in Berlin ebenfalls wegen der Coronakrise abgesagt werden. Offizieller Start der Weihnachtsmarktsaison ist in Berlin erst der 23. November. Bislang galt, dass trotz der grassierenden Pandemie Märkte mit entsprechenden Abstands- und Hygienekonzepten stattfinden dürfen. In dieser Woche hatte sich der Senat mit dem Thema beschäftigt. Verfügt worden war nach der Senatssitzung, dass auch auf Weihnachtsmärkten eine Maskenpflicht gelten soll. Viele kleinere Weihnachtsmärkte und Adventsbasare hatten indes bereits vor geraumer Zeit erklärt, dass sie in diesem Jahr nicht öffnen werden.

Besonders angewiesen auf das vorweihnachtliche Geschäft auf den Märkten sind auch Gastronomen. Von ihnen setzen sich inzwischen auch immer mehr juristisch gegen staatliche Verfügungen zur Pandemie-Eindämmung wie die Sperrstunde zur Wehr. Nach dem vor Kurzem erstrittenen Erfolg von Gastronomen sind aktuell nun 20 neue Eilverfahren anhängig, hinter denen rund 35 gastronomische Unternehmen stehen sollen, wie ein Gerichtssprecher auf Anfrage mitteilte. Wann über diese Fälle entschieden wird, blieb zunächst offen. Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) hatte am Dienstag nach der Senatssitzung erklärt, dass Rot-Rot-Grün trotz der Niederlage vor Gericht weiter an einer Sperrstunde festhalten und diese gerichtsfest machen wolle. Geplant seien eine Verordnung und eine Gesetzesänderung, um die Maßnahme entsprechend »nachzuschärfen«.

Wie schwierig sich die wirtschaftliche Lage von Unternehmen und Gewerbetreibenden in der Stadt unterdessen in der Coronakrise entwickelt, zeigt auch eine Umfrage der Industrie- und Handelskammer (IHK). Demnach sind die Unternehmen gespalten, was die Zufriedenheit mit Liquiditätshilfen zur Bewältigung der Auswirkungen der Corona-Pandemie angeht: 48 Prozent der befragten Betriebe zeigen sich unzufrieden mit den aktuellen Hilfsmaßnahmen, 24 Prozent sind weniger zufrieden. Lediglich 23 Prozent sind zufrieden bis sehr zufrieden mit den staatlichen Unterstützungsangeboten. 62 Prozent der befragten Firmen wünschen sich bessere Rahmenbedingungen bei den Zuschussprogrammen. Henrik Vagt, Geschäftsführer »Wirtschaft & Politik sowie Beratung & Service« der IHK Berlin erklärte: »Die Ergebnisse dieser Befragung bestätigen den Eindruck aus der täglichen Beratungspraxis unserer Mitgliedsunternehmen. Vor allem die Kleinstunternehmen und die Soloselbstständigen sind zutiefst frustriert.«

Zusätzliche Auswirkungen auf das Wirtschaftsgeschehen dürfte die erweiterte Maskenplicht haben, die ab Sonnabend auf Wochenmärkten, in Einkaufszentren und zehn besonders belebten Straßen gilt. Die Vorbereitungen dafür liefen am Donnerstag auf Hochtouren. Mit Agenturen

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