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Mehr als ein Pianist

Die SZ bittet Igor Levit wegen eines Textes um Entschuldigung - und macht es so noch schlimmer

  • Von Robert D. Meyer
  • Lesedauer: 4 Min.

Ohne es in seiner beinahe tragischen Tragweite erfassen zu können, illustrierte der »Focus« seine letzte Ausgabe mit einem Motiv, das ikonisch für eine Debatte steht, die wellenartig über das Feuilleton hinwegrollt und aktuell Tsunamistärke erreicht. Zu sehen sind die japanischen drei Affen, die allerdings nicht wie im Original Augen, Ohren oder Maul verschließen. Das Trio hält sich mit den Pfoten nur sein Mundwerk zu. Das Magazin fragt: »Was darf man eigentlich noch sagen?«, ergänzt durch Reizwörter wie »politisch korrekte Sprache« und »Bevormundung«. Das alles bei einem konservativen Magazin erwartbar, stünde auf dem gleichen Titel nicht auch noch der Verweis auf ein Interview mit Igor Levit. Nur einen Tag zuvor hatte ein Text in der »Süddeutschen« über den Pianisten besagte Riesenwelle ausgelöst.

»Es darf in Deutschland immer noch jeder Mensch sagen, was er will, keine Panik«, schreibt Helmut Mauró irgendwo im Mittelteil seines Essays. Dieser äußerst zutreffende Satz hätte nicht nur ausgereicht, um mit ihm allein eine ganze »Focus«-Ausgabe zu füllen, der Autor hätte sich wohl auch besser auf diese Feststellung beschränken sollen. Diesen Gefallen tut Mauró aber weder sich, noch der SZ-Leserschaft. Stattdessen stellt er fest, dass Levit nicht nur Musiker ist, sondern sich auch regelmäßig politisch äußert, insbesondere über die sozialen Netzwerke. So weit, so Meinungsfreiheit.

Mauró sieht Levit als Teil einer vermeintlichen Internet-Gesellschaft, die »immer öfter und lauter nach absoluter moralischer Integrität« verlange und ein »neues Sofa-Richtertum« betreibe, das auf einer »Opferanspruchsideologie« beruhe. Rhetorisch fragt der Autor, ob Levits Tweets »politische Aktivitäten« seien oder doch »nur ein lustiges Hobby«. Er zitiert dann auch nur auszugsweise vier von Levits Kurznachrichten, die sich auf den antisemitischen Anschlag auf einen jüdischen Studenten Anfang Oktober in Hamburg beziehen. »so müde. so, so müde. und so wütend«, schreibt er am 4. Oktober, dem Tag der Tat.

Es ist zynisch, dass Mauró in einem Text, in dem er eine angebliche »Opferanspruchsideologie« beklagt, Äußerungen von Betroffenheit über ein antisemitisches Verbrechen heranzieht. Eklig wird der Vorgang, wenn man den Kontext kennt, den der SZ-Autor nicht erwähnt. Levit ist Jude und wird seit Jahren wiederholt und sehr konkret bedroht. Dies herauszufinden hätte Mauró 30 Sekunden Recherche gekostet. Levit teilt es indirekt auf seinem Twitterprofil mit, in dem es heißt, er sei »Hauptberuflicher Erzähler jüdischer Witze.« Hätte es der SZ-Autor dagegen absichtlich unerwähnt gelassen, stellt sich die Frage nach dem Warum.

»Ist es wirklich möglich, dass Juden in deutschen Zeitungen dafür verspottet werden, wenn sie ihre Angst, ihre Verzagtheit, ihre Wut ausdrücken?«, fragt die Publizistin Carolin Emcke in einem Text, der glücklicherweise auch in der SZ erschien. Überhaupt bemühen sich die Münchner um Schadensbegrenzung, auch indem die Chefredaktion eine Erklärung herausgab, in der sie Levit um Entschuldigung bittet. Wirklich einsichtig ist das alles nicht, denn in der Hauptsache fasst die »Entschuldigung« nur zusammen, dass in der SZ-Redaktion heftig diskutiert werde, manche Redakteure Stellen des Textes als antisemitisch »empfinden«. Diese Wortwahl grenzt für eine Redaktion im Jahr 2020 nahe an einen Offenbarungseid und zeigt, wie es um das Wissen über Antisemitismus bestellt ist, dessen Feststellung nichts mit Empfindung zu tun hat.

Von »Opferanspruchsideologie« ist es nicht weit bis zu der antisemitischen Erzählung, Juden würden aus Jahrtausenden ihrer Verfolgung, die im Holocaust gipfelte und auch danach nie endete, einen Vorteil ziehen wollen. »Auch ahnungslos transportierte Ressentiments sind Ressentiments. Auch unwissend geäußerte Vorurteile reproduzieren Vorurteile mit einer eigenen Geschichte der Ausgrenzung und Verletzung«, schreibt Emcke. Darüber sollte (nicht nur) im Feuilleton diskutiert werden - und nicht in x-ter Neuauflage darüber, ob hierzulande noch alles gesagt werden dürfe. Maurós Essay ist ein Beleg, dass oft viel gesagt, aber vorher leider zu wenig nachgedacht wird.

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