Verona
Reisen in Coronazeiten

Herbst am Hotspot

Preise sind reduziert, der Service mancherorts auch: Auf Oktoberreise durch Norditalien.

Von Jörg Staude

In Corona-Zeiten bekommt vieles eine ganz neue Bedeutung - so das Wort »Abenteuer-Reise«. Was? Jetzt im Herbst nach Italien fahren? So lauteten noch die freundlicheren Kommentare im Freundeskreis zu dem Plan, sich im Oktober zwischen Verona, Venedig und dem Gardasee dringend notwendig Erholung zu holen.

Dabei war die Lage mit dem Virus recht eindeutig: In Deutschland griffen Beherbergungsverbote und Unsicherheit um sich. Wer morgens losfuhr, wusste trotz bestätigter Buchung nicht, ob er abends würde einchecken können. Anders sah es bis Donnerstag noch im Nordosten Italiens aus, in den Regionen Trentino-Südtirol und Venetien: Dort galt zwar, wie überall im Lande, noch der Notstand mit allgemeiner Maskenpflicht, Kontaktbeschränkungen und scharfen Kontrollen - als Risikogebiete werden diese Gebiete vom Auswärtigen Amt erst seit Donnerstag geführt. Und wichtig vor allem: Eine gute Woche lang interessierte sich, wie sich zeigte, der Hotelier und auch keine Behörde dafür, aus welcher Region Deutschlands man anreist und ob man einen aktuellen Corona-Test vorweisen kann.

Aus Deutschland darf man derzeit mit dem Zug sowohl über Österreich als auch über die Schweiz nach Italien reisen - im Eurocity von München über den Brennerpass bis nach Verona fragt der Schaffner höchstens nach dem Ticket und der Bahncard. So zuckelt der mäßig volle Zug - Plätze zu reservieren ist dennoch sehr ratsam - durch die Alpen, durchquert stundenlang die Obstanbaugebiete im Trentino, um nach knapp sechs Stunden in Verona einzufahren.

Schon beim Aussteigen wird klar: Hier weht ein anderer Corona-Wind. Auf dem Bahnsteig sind die erlaubten Laufwege mit Pfeilen penibel gekennzeichnet. Die Wege zu den Ein- und Ausgängen sind sauber getrennt und wer spät dran ist und noch auf kürzestem Weg zu seinem Zug hasten will, dem machen Ordner oder Polizisten unmissverständlich klar, dass entgegen der vorgeschriebenen Laufrichtung kein Durchkommen ist.

Das etwas in die Jahre gekommene Hotel in der Veronaer Altstadt hatte zuletzt noch den Übernachtungspreis um fast ein Fünftel gesenkt - und auch den Aufwand, mit dem die wenigen Touristen betreut werden. Die Rezeption ist verwaist, den Schlüssel holt man bei einem, offensichtlich für mehrere Herbergen zuständigen Office ab. Fürs Frühstück ist schriftlich eine detaillierte Bestellung auszufüllen samt Uhrzeit - man bekommt es dann zuverlässig im recht einsamen Frühstücksraum serviert.

Verona, eine 250 000-Seelen-Stadt in Venetien, bietet neben einem schönen Bahnhof die nach dem Colosseum in Rom zweitgrößte Arena. 2030 wird sie zweitausend Jahre alt. Einen Besuch wert sind auch die Burganlage Castelvecchio sowie mehrere Türme, mit den reiche Veroneser Familien sich gegenseitig in ihrer Bedeutung für die Stadt überboten. Malerisch zeigt sich der Etsch, ein wirklich noch reißender Fluss, der die Stadt in einer Schleife durchquert. Beim wohl bekanntesten touristischen Hotspot der Stadt, der Casa di Giuletta, die Shakespeare mit »Romeo und Julia« unsterblich machte, sind die üblichen Verrenkungen zu bewundern, mit denen Influencer sich und den berühmten Balkon zugleich auf ein Foto bringen wollen.

An das ganztägige Tragen der Maske gewöhnt man sich schnell, auch ans Messen der Stirntemperatur per Pistole, sobald man ein Museum oder eine andere Sehenswürdigkeit betreten will. Maskenverweigerer gibt es praktisch nicht und schon, wer seine Nase freilegt, wird vom Umfeld schräg angeschaut. So komisch es klingt: Im Corona-Notstandsland Italien fühlt man sich subjektiv sicherer als in Deutschland.

Wer damit zurecht kommt, kann Italien von einer ziemlich neuen Seite kennenlernen: Chronisch überlaufene Städte wie Venedig wirken wie leer gefegt: drängelnde Menschenmassen auf der Rialto-Brücke oder dem Markusplatz? Fehlanzeige. Ein Spontanbesuch im dortigen Guggenheim-Museum? Kein Problem.

Gerade in der Lagunenstadt wirkt die touristische Infrastruktur derzeit grotesk überdimensioniert. Die Kellner in den Osterias und Cafés leisten den notorisch freien Tischen Gesellschaft, ebenso warten die Verkäufer in den Luxusläden auf Kundschaft. Auch die Gondolieri stehen sich die Beine in den Bauch. Eine Gondelfahrt über Venedigs Kanäle zum Preis von 80 Euro für eine halbe Stunde scheint aber auch den Geldbeutel derjenigen zu überfordern, die jetzt, wo die zahlungskräftige Klientel wegbleibt, in die touristischen Hotspots kommen.

Ein Auto braucht man nicht, um die Region Venetien zu erkunden. Von Verona aus ist man in anderthalb Stunden in Venedig oder in einer halben mit dem Regionalzug am Gardasee. Die italienischen Bahnen sind preiswert, schnell und zuverlässig - Ticketautomaten, die auch dem deutschen Touristen ein muttersprachliches Menü gönnen, gibt es ausreichend. Und klappt es einmal nicht, steht noch ein freundlicher Last-Minute-Schalter bereit.

Nur beim coronaren Anordnen der Fahrgäste sind sich die Bahnen nicht einig: In Schnellzügen werden selbst Familien vom Schaffner rigoros auf Abstand umplatziert. In den übervollen Regionalzügen dagegen kümmert das niemanden. Und wenn die Bahn durch die von der Herbstsonne geflutete Landschaft dahingleitet und die Italiener im »Treno« lang und lautstark ihr Mobile benutzen, beginnt man dieses Land zu lieben.

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