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Gebrochenes Meereis in der kanadischen Victoria-Straße: An den einst vereisten Nordküsten Amerikas und Asiens öffnen sich neue Schifffahrtsrouten.
Arktisbüro

Interessenvertretung im Eis

Volker Rachold, Leiter des Deutschen Arktisbüros, über den Einfluss der Wissenschaft auf die Politik

Von Gert Lange

Das Arktisbüro wurde 2017 gegründet. Infolge welcher Initiative?

Deutschland ist als Beobachter im Arktischen Rat der acht Anrainerstaaten und der indigenen Völker der Arktis vertreten. In dieser Funktion sitzt das Auswärtige Amt mit an den Tischen der Ministerkonferenzen. Ich hatte als Vertreter des International Arctic Science Committee im Arktischen Rat stets engen Kontakt zu dessen Mitarbeitern, sodass wir viele Probleme der nachhaltigen Entwicklung und des Umweltschutzes in der Region miteinander besprechen konnten. Aus diesen Gesprächen entstand die Idee, eine Art Deutsches Arktiszentrum zu etablieren, das als Beratungsplattform an der Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Politik tätig ist.

Kurioserweise, aber wohl nicht zufällig, hat das Arktisbüro seinen Sitz in einem alten Backsteinbau auf dem Potsdamer Telegrafenberg.

Es sollte ein neutrales Büro sein, das heißt keinem Ministerium angeschlossen. Da war es naheliegend, die Einrichtung am nationalen Forschungsinstitut für die Polarregionen zu haben, dem Alfred-Wegener-Institut (AWI). Aber Bremerhaven, der Hauptsitz des AWI, ist von Berlin zu weitab gelegen. Wir brauchen die Nähe zu den Ministerien, und sie brauchen uns. Auch der Draht zu den Botschaften der Anrainerstaaten ist sehr wichtig.

Wer stellt die Fragen? Die Politik? Oder lanciert das Arktisbüro relevant erscheinende Probleme selbst?

Beides. Wir informieren eigenständig die Politik über wissenschaftliche Zusammenhänge und Ergebnisse. Dem dient eine Publikationsreihe und der von uns organisierte sogenannte Arbeitsdialog, zu dem alle sechs Monate die Vertreter sämtlicher Bundesministerien, die mit arktischen Belangen befasst sind, zusammenkommen, um sich auszutauschen. Andererseits suchen Ministeriumsvertreter uns auf, wenn sie für die Beantwortung ihrer oder von außen herangetragener Fragen Hilfe brauchen. Wir haben für diese Zwecke ein großes Netz von Experten aus dem AWI und aus anderen wissenschaftlichen Institutionen hinter uns.

Welcher Art sind die Fragen der Politik?

Ein Beispiel: In den letzten Jahren haben die Fraktionen der Grünen und der Linken im Bundestag »Kleine Anfragen« zur Arktis eingebracht. Welche Schlussfolgerungen zieht die Bundesregierung aus der Erhöhung der Durchschnittstemperaturen? Welche Kenntnisse liegen über das vermehrte Aufkommen von Extremwetterereignissen vor? Oft erfordern die Antworten, die letztlich von den Ministerien gegeben werden müssen, den konkreten wissenschaftlichen Sachverhalt darzulegen. In diesem Fall wenden sich die Mitarbeiter des Auswärtigen Amtes, des Forschungs-, Wirtschafts-, Umwelt- oder Verteidigungsministeriums an uns.

Wieso des Verteidigungsministeriums?

Das schaut auch auf die Arktis. Deutschland ist Nato-Mitglied, und die zunehmende Militarisierung der Nordpolarregion bleibt nicht unbeobachtet. Sicherheit ist ein großes Thema, und die Gefahr nichtkooperativen Handelns in der Arktis berührt die Interessen der Bundesrepublik. Selbst bei der jährlich stattfindenden Münchner Sicherheitskonferenz gibt es eine Arktis-Expertengruppe. Ich bin zu diesen Treffen schon mehrmals eingeladen worden.

Können Sie an einem Beispiel ausführen, wie Anliegen der Wissenschaftler, lax gesagt, »durchgestellt« wurden und die Regierung Schlussfolgerungen gezogen hat?

Das beste Beispiel sind die im August 2019 verabschiedeten »Leitlinien deutscher Arktispolitik« der Bundesregierung. Da ist klar festgelegt, dass Deutschland sich an strengste Kriterien des Klima- und Umweltschutzes hält, dass die biologische Vielfalt zu schützen ein prioritäres Anliegen ist. Und dass bei allen wirtschaftlichen Aktivitäten höchste Umwelt- und Sicherheitsstandards eingehalten werden müssen. Andererseits verpflichtet sich die Regierung, im eigenen Land negative Faktoren zu minimieren, beispielsweise den Ausstoß von CO2 und Ruß zu vermindern. Dieses umfangreiche Kompendium steckt Gestaltungsfelder deutscher Arktispolitik ab, und es beruht auf wissenschaftlichen Erkenntnissen. Es ist mit sieben Ministerien abgestimmt - dazu hat auch unser Arktisdialog beigetragen.

Wie sehen die Einflussmöglichkeiten im Arktischen Rat und auf die Region insgesamt aus?

Im Rat selbst hat Deutschland als Beobachter kein direktes Mitspracherecht. Die Entscheidungen im Arktischen Rat werden bei den alle zwei Jahre stattfindenden Sitzungen der Außenminister der Anrainerstaaten sowie von Organisationen der indigenen Völker getroffen. Und an den Sitzungen nehmen die Experten von sechs speziellen Arbeitsgruppen teil.

Über diese Arbeitsgruppen sind wir an allen Aktivitäten des Arktischen Rates beteiligt. Dort ist die Expertise der Beobachter sehr gewünscht. Deutschland ist in allen Arbeitsgruppen vertreten, und wir unterstützen das Auswärtige Amt dabei, die entsprechenden Spezialisten zu finden und auch zusammenzuhalten; deswegen organisieren wir einmal im Jahr einen Erfahrungsaustausch der deutschen Vertreter in den Arbeitsgruppen und stimmen unser Vorgehen ab. Auf diese Weise können wir indirekt unsere Kenntnisse und Vorschläge einbringen. Grundlage ist natürlich, dass wir durch unsere Forschungsaktivitäten und eine umweltgerechte Politik positive Impulse geben können.

Kann es etwas konkreter sein?

Wissenschaftler des Alfred-Wegener-Instituts sind international führend bei der Erforschung der Verbreitung von Mikroplastik in den Ozeanen, inklusive dem Arktischen Ozean. Forschungsergebnisse, unter anderem vom AWI, haben dazu geführt, dass das EU-Parlament ein Verbot von Einwegplastik - Einwegbesteck, Watte- und Rührstäbchen, Strohhalme - ab 2021 beschlossen hat. Wir haben das Thema auch in einer der Arbeitsgruppen des Arktischen Rats wissenschaftlich unterstützt, und die Ministerkonferenz des Rates hat die Initiative aufgegriffen. Der bemüht sich nun um einen übergreifenden Plan zur Minimierung mariner Mikroplastik.

Skeptiker fragen: Wenn es ernst wird mit dem Klima - sollte das Geld nicht besser im Land eingesetzt werden?

Wir müssen uns vergegenwärtigen, was in der Arktis passiert, betrifft uns direkt: über die Änderung der atmosphärischen Zirkulation, die unser Wetter beeinflusst, den Anstieg des Meeresspiegels und das Auftauen der Permafrostgebiete, das mit verstärkter Emission von Treibhausgasen einhergeht und damit für eine weitere Erwärmung sorgt. Gerade in der Arktis ist vieles noch nicht sehr gut verstanden. Wir haben zum Beispiel wenig Daten aus dem Winterhalbjahr. Diese Lücke etwas zu schließen, war ja das Anliegen der MOSAiC-Expedition, bei der sich unser Forschungsschiff »Polarstern«, umgeben von einem umfangreichen Forschungscampus, ein Jahr lang hat einfrieren lassen. Die Modelle sind noch ungenügend. Politiker, Industrieverbände, Reedereien können, nur als Beispiel, mit einer wahrscheinlichen Temperaturerhöhung in der Arktis zwischen 3 und 15 Grad Celsius im Jahr 2100 nichts anfangen. Sie wollen es genau und möglichst zeitnah wissen. Gleichzeitig ist es natürlich notwendig, sich um die Klimafolgen in Deutschland zu kümmern.

Was wird infolge der Klimaerwärmung an den Küsten geschehen?

Durch den zu erwartenden weiteren Rückzug des Meereises werden Schiffswege frei. Modellrechnungen sprechen dafür, dass ein Schiffsverkehr durch die Arktis in wenigen Jahrzehnten möglich sein wird. Dadurch würde der Seeweg von Europa nach Ostasien erheblich verkürzt, was auch für deutsche Reedereien von Interesse ist. Gewiss werden die Anrainerstaaten auch den einen oder anderen Hafen ausbauen, um Transportwege ins Landesinnere weiter zu erschließen.

In der Arktis leben derzeit etwa vier Millionen Menschen. Die Bevölkerung wird zunehmen. Bereits heute müssen die Bewohner mit dem Auftauen des Permafrostbodens und der verstärkten Erosion der Küsten zurechtkommen. Gebäude werden instabil, Pipelines brechen, die ganze Infrastruktur muss angepasst und verbessert werden. Das fördert Investitionen. Daran können und wollen sich deutsche Firmen beteiligen, mit Maschinen, Anlagen, Umwelttechnik, Meerestechnologie, begleitende Modernisierung der Gasindustrie ... - dies streng entsprechend den Arktisleitlinien der Bundesrepublik für den Umweltschutz und eine nachhaltige Entwicklung der Gebiete. Natürlich haben die Anrainerstaaten das Interesse und das Recht, ihre Gebiete weiterzuentwickeln. Als Nicht-Anrainer kann Deutschland sich für den Erhalt der arktischen Umwelt einsetzen, muss aber auch das Recht der Anrainer anerkennen.

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