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Humor kann eine Waffe sein: Josef Hader in seinem Film »Wilde Maus«
Josef Hader

Wenn die Zeugen Jehovas dreimal klingeln

Der Kabarettist Josef Hader mit seinem Best-of-Programm.

Von Gunnar Decker

Der Wiener an sich ist eher morbide. Egal, was er sagt, sein Dialekt gibt jeder noch so steilen These einen weichen Anhauch von Kaffeehaus und Habsburger Monarchie. Daraus bezog bereits Helmut Qualtingers »Herr Karl« seinen gefährlichen Charme, und auch Lisa Eckhart posiert vor Publikum mit ihren »metrischen Taktlosigkeiten«, zurechtgemacht wie ein kunstgewerbliches Erzeugnis. Zwischen dem rumpligen Qualtinger und der effektsicher-selbstgefälligen Lisa Eckhart wirkt Josef Hader ziemlich verloren. Vielleicht liegt es am Alter, mit Ende fünfzig gerät man unweigerlich zwischen alle Fronten des Zeitgeistes.

Seine kabarettistischen Soloprogramme (fünf bisher) passen auch darum in kein Schema, haben keine These, keine Zielgruppe und eigentlich auch keine Choreografie. Er ist seit seinem ersten Programm »Hader privat« von Mitte der 90er Jahre offensichtlich mit sich beschäftigt. Mit anderen Worten: Wie überlebt man als selbstständig denkender Mensch in Österreich? Indem man immer wieder versucht, ans rettende Ufer zu schwimmen. In einem so wenig maritimen Land wie Österreich ist das allerdings ein ziemlich aussichtsloses Unterfangen. Springen ist für solche notorischen Trockenschwimmer schon besser - von einem Bewusstseinszustand in den anderen, von der Realität ins Surreale.

Hader zuzuhören, ist wie eine nicht endende Achterbahnfahrt - und wer hier als Zuhörer nicht mitspringt, der ist verloren in diesem Sturzbach von Assoziationen, von Volten und Sottisen. Der Auftrittskünstler Hader, nun mit einem Corona-Behelfsprogramm bei dem Berliner Kabaretttheater »Die Wühlmäuse«, ist zuerst ein Auftrittsverweigerungskünstler. Er schleppt sich wenig lustvoll auf die Bühne, irgendetwas schmerzt ihn offenbar immer, und beginnt vorzulesen, was auf losen Blättern notiert ist, unterbricht sich bald wieder, mit einem: »Habe ich das eigentlich schon gesagt?«

Abstand ist für Hader eine Sache des Instinkts - man kann viele Dinge mögen, aber Menschen? Das ist für Hader ein abendfüllendes Thema. Da müsste ihm ein Virus wie das mit dem klangvollen Namen Corona eigentlich ein Verbündeter sein. Kein Händeschütteln mehr, Umarmungen schon gar nicht, man braucht auch seine Wohnung fast nie mehr verlassen - ideale Zeiten für Misanthropen. Leider sind Viren per se nicht ironiebegabt. Das Coronavirus scheint allerdings, im Unterschied zum gemeinen Influenzavirus, das eher im Verborgenen sein Werk tut, eine narzisstische Neigung zu haben: Es drängt sich medial ständig in den Vordergrund. Darüber gerät anderes zwangsläufig aber unverdient in den Hintergrund.

Hader spricht ungeniert aus, was viele Großstädter außerhalb ihres Habitats denken: Dorthin fährt man bloß noch, um Geld zu verdienen, und dann schnell wieder weg! Im Weinviertel bei Wien sei die Welt zwar auch alles andere als heil, aber immerhin ist der Alkohol billig. Und was wären schöpferische Menschen ohne Alkohol? Eine Wüste, in der kein Einfall mehr blüht. Haders Ein-Mann-Shows wohnen seit jeher mehrfache Bruchstellen inne, sodass man als Zuschauer in Gefahr gerät, völlig die Orientierung zu verlieren.

»Hader spielt Hader«, das ist die 90-Minuten-Kurzfassung seiner insgesamt fünf bisherigen Programme mit Gegenwartseinsprengseln aller Art. Es hat etwas von einem eilig gefertigten Sampler mit dem Titel »Corona-Edition«. Kreatives Chaos einer Loseblattsammlung, in der man sich als Vortragender wie im dunklen Wald verlaufen kann. Schon sein erstes Soloprogramm »Hader privat« vor über 20 Jahre driftete an scheinbar unpassenden Stellen ins unrettbar Surreale ab. Eben saß man noch in der Sauna, dann plötzlich schon mit Adolf Hitler in der Hölle. Da sollte man verdammt aufpassen, wen man den Aufguss machen lässt.

Infektion ist Kontakt, den man nicht haben will, ein ungebetener Besuch, den man schwer wieder loswird. So etwa wie die Zeugen Jehovas. Obwohl Beten sonst zuverlässig gegen das Virus hilft. Wenn man fest an Gott glaubt - und zusätzlich mit Desinfektionsmitteln gurgelt sowie Intervallfasten mit Bioresonanztherapie verbindet -, kann einem dieses nichts anhaben, da ist sich Hader sicher. Überhaupt: Meditation macht es leichter im Leben, glaubt Hader. Etwa wenn man, vom Small Talk angeödet, erfolgreich abdriftet in einen anderen metaphysischen Zustand, aber nach außen dennoch weiter den Eindruck konzentrierten Zuhörens vermittelt.

Die Zeugen Jehovas haben eine gute Nachricht: Ob er wisse, dass er persönlich erlöst sei und mit 144 Gerechten in den Himmel aufsteige? Selbstverständlich, wer das nicht wisse, sei blind für Zusammenhänge. »Aber, habe ich gesagt, Zeuge, es kommt ja noch ärger: Das Magnetfeld der Erde ist eine gigantische Festplatte, wo alles gespeichert wird, die guten und bösen Taten. Wisst ihr das nicht?« An dieser Stelle hätten die Zeugen Jehovas die Flucht ergriffen, sagt Hader.

Es sind Absteiger auf hohem Niveau, die ihr schleichendes Abgleiten aus der bürgerlichen Mitte gern als freiwilligen Verzicht ausgeben: »Ich brauche nichts. Wenn ich es ganz eilig habe, dann einen Hubschrauber, sonst nichts.« Als Club-Urlauber liegt er »tiefenentspannt« in Sri Lanka bei einer Aromaölmassage, in der Ferne dröhnen die Explosionen von Terroranschlägen: »Ich bin so was von ausgeglichen.« Das ist es, was Hader vermittelt, egal wo und wie er auftritt: den Schrecken unserer Vorstellung von Normalität. Das begann bei »Hader privat« mit der »Volksschule Nöchling« oder »Damals in Niedermair« - der blanke Ausnahmezustand, der bis heute anhält. Das Normale ist absurd und das Absurde normal.

Der Dünkel stirbt zuletzt. Das Leben demütigt uns ständig; aber auch das noch als gute Nachricht auszugeben, darin liegt die Herausforderung, der man sich in Österreich besonders mutig stellt. In seinen Filmen hat Hader dieses Prinzip seit Langem kultiviert, legendär als trauriger Vertreter in Paul Harathers »Indien« oder auch - in Eigenregie - in »Wilde Maus«, der vor zwei Jahren im Wettbewerb der Berlinale lief. Hader darin in einer Glanzrolle als gekündigter Wiener Opernkritiker, der seinem Zeitungschef mit aller ihm verbliebenen Restarroganz entgegentritt: »Es wird einen Aufstand der Leser geben!« Die Antwort: »Deine Leser sind längst tot.« Schweigen.

Allein trägt sich das schwer. Aber Hader in seinem Exil im Weinviertel ist nicht allein, er hat schließlich »Rudel«, seinen Wolf, sein »dunkles Ich«. Mit Rudel, der kein Hund ist, sondern ein stolzes wildes Tier, das vermutlich nur in seiner Einbildung existiert, tritt er der feindlichen Welt unerschrocken entgegen. Egal, ob bei Seuche oder Prohibition. Obwohl Letzteres die ultimative Katastrophe wäre und das sichere Ende von Rudel, dem treuen Gefährten.

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