Werbung

Atommüll von einem ungeeigneten Ort zum nächsten

Nachdem der Castortransport im April wegen der Corona-Pandemie verschoben wurde, soll er jetzt stattfinden

  • Von Reimar Paul
  • Lesedauer: 4 Min.
Castor: Atommüll von einem ungeeigneten Ort zum nächsten

Erstmals seit 2011 rollt in den kommenden Tagen aller Voraussicht nach wieder ein Zug mit hochradioaktivem Atomschrott durch Deutschland. In sechs Castorbehältern werden Abfälle aus der britischen Wiederaufarbeitungsanlage Sellafield in das Zwischenlager am stillgelegten Atomkraftwerk Biblis in Hessen gebracht. Der Atommüll soll diese Woche im Weserhafen Nordenham in Niedersachsen anlanden und dann auf der Schiene über Bremen, Oldenburg, Hannover und Göttingen in Richtung Biblis gefahren werden. Bürgerinitiativen wollen mit Mahnwachen und anderen Aktionen gegen die ihrer Ansicht nach gefährliche und sinnlose Fuhre protestieren.

Die Castoren wurden in den vergangenen Jahren in Sellafield befüllt, der extrem stark strahlende Abfall besteht aus den recycelten Resten abgebrannter Spaltelemente, die in deutschen Kraftwerken eingesetzt waren. Weil es in der Bundesrepublik keine atomare Wiederaufarbeitungsanlage gibt, wurden die verbrauchten Elemente früher nach Großbritannien und Frankreich gekarrt. Die Rücknahme der Abfälle ist dem Bundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung zufolge »völkerrechtlich verbindlich« vorgegeben. Öffentlich bekannt geworden sind solche Verträge bislang allerdings nicht. In den nächsten vier Jahren sollen insgesamt noch 25 Castoren nach Deutschland zurückgebracht werden - 20 aus Sellafield und fünf aus dem französischen La Hague. Außer Biblis werden die Zwischenlager an den Atomkraftwerken in Philippsburg (Baden-Württemberg), Ohu (Bayern) und Brokdorf (Schleswig-Holstein) angefahren.

Der Sprecher der Anti-Atom-Organisation »Ausgestrahlt«, Jochen Stay, sagt, ihm sei klar, dass der ursprünglich aus deutschen Atomkraftwerken stammende Müll nach Deutschland zurück müsse. Die Frage sei aber, wann und wie das geschehen solle. »Ich glaube, es ist besser, erst dann zu transportieren, wenn auch klar ist, wo er endgültig bleiben soll«, so Stay. »So muss er nicht zweimal transportiert werden. Denn das verdoppelt die Gefahr.«

Silke Westphal von der AG Schacht Konrad findet: »Atommüll von einem ungeeigneten Ort an einen anderen ungeeigneten Ort zu verschieben, ist unabhängig von erklärten Pandemielagen nicht nur unnötig, sondern falsch.« Sie bemängelt an dem geplanten Zielort Biblis auch fehlende Möglichkeiten zur Reparatur der Castoren.

Die Sprecherin der Anti-Atom-Initiative Göttingen, Annette Ramaswamy, erklärte: »Wir wenden uns entschieden gegen jegliche Atommüllverschiebung, solange es noch kein geeignetes Endlager gibt und der Atommüll lediglich in ein Zwischenlager gebracht wird.« Die Genehmigungen der Zwischenlager seien zeitlich befristet, deshalb solle die Bevölkerung mit den geplanten Protestaktionen auf die »unsinnigen« Transporte aufmerksam gemacht werden.

Die Göttinger Atomkraftgegner und -gegnerinnen wollen mit Mahnwachen an drei aufeinanderfolgenden Tagen gegen den Transport protestieren. Die Anti-Atom-Initiative werde am 30. und 31. Oktober sowie am 1. November auf dem Göttinger Bahnhofsvorplatz präsent sein, sagte Ramaswamy. Für diesen Zeitraum wird die Durchfahrt des Castortransports durch Göttingen erwartet. Auch an anderen Orten bereiten Initiativen Aktionen vor. So soll es am Tag der Ankunft des Schiffes in Nordenham eine Demo geben. In Bremen, Oldenburg und Biblis sind Kundgebungen angekündigt. Der ursprünglich bereits für Anfang April geplante Transport war am 12. März durch Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) zunächst abgesagt worden. Der Einsatz von 6000 zum Schutz des Transportes eingesetzten Bundespolizisten sei wegen der Ausbreitung des Coronavirus nicht zu verantworten, hatte Seehofer erklärt.

Mit Blick auf die Corona-Pandemie hält Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius (SPD) den Transport auch zum jetzigen Zeitpunkt für »nicht vertretbar«, wie er vor wenigen Tagen an seinen Amtskollegen im Bund schrieb. Der Zug mit den Castoren passiere viele Landkreise und Städte, in denen die Corona-Inzidenzwerte überschritten seien. Pistorius wies darauf hin, dass der Einsatz von vielen Polizisten trotz eines Hygienekonzepts »erhöhte Infektionsrisiken für die Einsatzkräfte« mit sich bringen würde. Doch die Bundesregierung will an dem Transport offenbar festhalten. In einem Schreiben des Bundesumweltministeriums, aus dem der NDR zitierte, heißt es: »Die Bundesregierung verfolgt das Ziel einer zeitnahen vollständigen Erfüllung der Verpflichtung zur Rückführung der radioaktiven Abfälle aus der Wiederaufarbeitung deutscher Brennelemente.« Dass man den Castortransport im Frühjahr verschoben habe, sei vorsorglich erfolgt, weil die Pandemiesituation noch unbekannt gewesen sei. Jetzt aber habe man Maßnahmen zum Gesundheitsschutz eingeführt.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln