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Fröhlich winkend

Was ist denn das für eine Musik? »The Consuming Flame« - das neue Album von Matmos

  • Von Benjamin Moldenhauer
  • Lesedauer: 3 Min.

Am Anfang jedes Matmos-Albums steht eine Idee, die die Möglichkeiten beschränkt und zugleich erweitert. Auf »A Chance to Cut Is a Chance to Cure« (2001) schöpfte das Duo aus San Francisco beispielsweise seine gesamten Klangquellen aus einem OP-Saal und bastelte aus Chirurgenbesteck-Geklapper seltsam funkig groovende Electronica zusammen. Auf dem Album »Ultimate Care II« (2016) wurden die Sounds allesamt aus Waschmaschinengeräuschen montiert. In dem Koordinatensystem, das in der musikalischen Entfaltung ihrer jeweiligen Idee entsteht, schaffen Matmos Platz für einen radikal spielerischen Zugang zur Musik. Die dann immer wieder auf sehr lustige Weise davon zeugt, dass sich hier zwei Musiker auch nach einem Vierteljahrhundert noch den Spaß an eventuell auch mal bekloppten Einfällen erhalten haben.

Ausgeprägte Konzeptualität kann allerdings auch ein Ausweg sein, um musikalische Fadheit zu kaschieren. Musik sollte auch dann funktionieren, wenn man die Idee nicht kennt oder sie einem wurscht ist. Mit ihrem Projekt Matmos gelingt M. C. Schmidt und Drew Daniel auch in dieser Hinsicht die Balance zwischen Pop und Avantgarde. Man hört Dada, Musique Concrete und die Freude am Abstrakten in dieser Musik wirken. Aber eben auch Techno, den Katalog von Warp Records und Kifferhumor.

Auf dem neuen, knapp dreistündigen Album »The Consuming Flame: Open Exercises in Group Form« haben Matmos nun eine Idee entwickelt und durchgespielt, die in den reduktionsverliebten kopflastigeren Spielarten des Genres Electronica nur selten durchschlägt: aus dem Vollen schöpfen und schauen, was dann passiert. Matmos haben sich Sounds, kurze Passagen, Beats, Spoken-Word-Beiträge und Gesang von neunundneunzig Musiker*innen und Bands schicken lassen und den Wust zu drei jeweils einstündigen Stücken verarbeitet.

Mit dabei sind genredefinierende Musiker wie Matthew Herbert, Oneohtrix Point Never oder Mouse on Mars, Legenden wie James Thirlwell (Foetus) oder Stephen Thrower (einst bei Coil). Dazu kommen Musiker*innen aus einer eher klassischen Avantgarde-Tradition (Kate Soper und Bonnie Lander) oder vom extremistischen Metal (Blaske Harrison von Pig Destroyer) oder von der Schnittstelle Pop und Avantgarde (clipping., Rabit oder David Grubbs).

Die einfachste Weise, Musik zu beschreiben, an deren Entstehen hier 99 Musiker*innen beteiligt sind, wäre denn auch weiteres Namedropping. Nur, dass Matmos fast ausnahmslos alle Beiträge so collagiert und miteinander verwoben haben, dass das Erwartbare schnell mehr und mehr verschwimmt und sich dann fröhlich winkend verabschiedet. Der erste Eindruck, den diese auf eine erst einmal unklare Weise fordernde Musik einem aufdrängt, ist der einer irritierenden Unbestimmbarkeit.

Das Suchen von Verweisen hilft auch nicht weiter. Den Musikern haben Matmos nur eine einzige Vorgabe gemacht: Die Geschwindigkeit soll 99 Beats per Minute sein, und das ist nun eine, die genau zwischen der Assoziation »es ist schnell« und »es ist langsam« liegt. Was bereits zum Eindruck führt, dass der Sound von »The Consuming Flame« in einem befremdlichen Dazwischen situiert zu sein scheint. Nicht langsam, nicht schnell, nicht abweisend, aber auch nicht ohne Weiteres zugänglich, nicht tanzbar, aber auch kein Ambient. Und auch sonst ist keine Affektivität mit diesen Klängen verbunden.

Klinisch wirkt die Musik nicht - sondern im Gegenteil, witzig, überbordend und, wenn überhaupt, beseelt von einer Freude am Geräusch als Selbstzweck. Kann auch sein, dass Matmos sich mit all dem über den Hörer lustig machen, der sich diese jede Genreregel ignorierenden Übungen konzentriert über drei Stunden lang anhört. Vielleicht entsteht der Eindruck der Unbestimmbarkeit aber auch nur, weil man gewohnt ist, dass Musik auf ein definierbares Zentrum - ein Genre - bezogen ist. Wenn dieses als aufgelöst erscheint, weiß man schnell nicht mehr so recht weiter. Bleibt nur die Möglichkeit, sich auf den kindlich-abgeklärten Spaß an der Klangorganisation einzulassen. Auch wenn das Kind einem hier immer wieder eine lange Nase dreht.

Matmos; »The Consuming Flame: Open Exercises in Group Form « (Thrill Jockey / Indigo)

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