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Gummibärchen im brennenden Haus

Vor Berufskrankheiten ist keiner gefeit. Schon gar nicht die Manager in der Fußball-Bundesliga

  • Von Christoph Ruf
  • Lesedauer: 4 Min.
Fußball-Bundesliga: Gummibärchen im brennenden Haus

Es ist eine Illusion zu glauben, man sei vor Berufskrankheiten gefeit. Eine Busfahrerin erkennt auch beim Familienausflug Verkehrsvergehen eher als ein Erzieher, während Lehrer und Journalisten in die Wolle gefärbte Klugscheißer sind. Wenn ein Gast bei einer Abendgesellschaft berichtet, was Martin Lanz tags zuvor in der Talkshow erzählt hat, und ein anderer das dann mit »Markus, Markus Lanz« korrigiert, haben Sie den Journalisten erkannt.

Auch bei den Menschen in der Profifußball-Branche hat das, was sie Tag für Tag tun, Folgen für ihre Wahrnehmung. Ich habe die letzten Tage so wahrgenommen, dass das Hauptthema neben der US-Wahl, den islamistischen Morden in Paris und Dresden die Angst vor einem »langen, dunklen« Winter (»Spiegel«) ist. Können die Kinder weiter zur Schule, wie viel soziales Leben ist möglich? Wie viel Menschlichkeit kann in den Pflegeheimen noch erlaubt sein? Fußball hatte da irgendwie nicht so den ganz herausragenden Stellenwert.

Ich könnte mir gut vorstellen, dass die Wahrnehmung in der Politik ähnlich war. Wer jeden Morgen den Rapport der einschlägigen Institute lesen muss, wer kolportiert bekommt, wie die Eltern die Ministerien mit Fragen nach Maskenpflicht und Lockdown bombardieren, reagiert möglicherweise ein wenig genervt, wenn mal wieder der Profifußball um die Ecke kommt und alle Hebel in Bewegung setzt, um noch mehr Zuschauer in seine Stadien, nennen wir es mal: Alte Försterei, zu bekommen. Man muss nicht Lauterbach heißen, um bei manchen Exponenten des Profifußballs einfach nur noch genervt zu sein. Wer als Feuerwehrmann versucht, ein brennendes Haus zu evakuieren, wird auch etwas unwirsch, wenn ihm ein quengelnder Vierjähriger am Ärmel hängt, der seine Gummibärchen noch aus dem Kinderzimmer geholt haben will.

Interessanterweise ist in der Fußballbranche eine andere Wahrnehmung weiter verbreitet. Während einige Trainer und Manager zu erkennen geben, dass sie mitbekommen, was um sie herum passiert, verhalten sich andere, als hätten sie die vergangenen Monate auf einem Raumschiff verbracht. Das von Hans-Joachim Watzke muss von irgendeiner bis dato unbekannten Raumstation im Sauerland gestartet sein. Als er auf die Erde zurückkam, ließ er sich ins »Aktuelle Sportstudio« fahren und klagte über »das populistische Fußball-Bashing, wie das die letzten Tage wieder verstärkt auch aus der Bundesregierung gekommen ist«. Er verstehe nicht, »warum man sich da wieder am Fußball abarbeitet«. Watzke hat dann vorgerechnet, welche dramatischen Folgen Corona für die Branche hat. Geisterspiel gegen Schalke, schon fehlt eine Million, Geisterspiel gegen Zenit St. Petersburg, schwupps fehlt die nächste Million. Dramatisch sei das, bei allem Verständnis für »Taxifahrer«, weil man eben - mit Verlaub - dann doch »das größere Rad« drehe.

Genau das ist der Punkt: Das größere Rad ist die höfliche Umschreibung des Wortes »Umsatz«, der in der Branche fast Eins zu Eins die Spielergehälter umschreibt. Von den 280 Kickern, die am Wochenende in der ersten Liga aufliefen, sind fast alle Einkommensmillionäre, bei Spitzenmannschaften wie den Bayern oder Watzkes Dortmundern sind sie das bereits nach wenigen Wochen.

Es ist alles andere als unwahrscheinlich, dass die gegenwärtige Corona-Welle auch für den Profifußball wieder massive Einschränkungen mit sich bringt. Der hängt bekanntlich am Tropf der Fernsehgelder, die versiegen könnten, wenn es nichts mehr zu übertragen gibt. Wenn es dann irgendwann vor allem in der 2. Liga (die deutlich bescheidener auftritt als die Branchengrößen) für viele Vereine um die Existenz geht, wird die Frage im Raum stehen, was die Klubs im Sommer getan haben, um ihre Personalkosten so radikal herunterzufahren, dass keine Schieflage entsteht. Also, Herr Watzke: Haben Sie im Sommer die Spielergehälter radikal reduziert? Haben Sie auf teure Transfers verzichtet, haben Sie die Forderung von Stuttgarts Geschäftsführer Thomas Hitzlsperger unterstützt, die Gehälter branchenweit zu deckeln? Ach, das alles haben Sie nicht getan, weil Sie weiter am großen Rad gedreht haben? Dann halten Sie es doch mal kurz an und schnappen sich einen Besen! Vor Ihrer Bürotür wartet jede Menge Arbeit.

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