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Spiel der Identitäten

Die finnische Foto- und Video-Künstlerin Elina Brotherus forscht in der Bremer Schau »Why not?« mit skurrilem Humor nach dem eigenen Ich

  • Von Mira Anneli Naß
  • Lesedauer: 4 Min.
Elina Brotherus, Sebald’s Hotel 2, 2019, aus der Serie »Sebaldiana. Memento mori«
Elina Brotherus, Sebald’s Hotel 2, 2019, aus der Serie »Sebaldiana. Memento mori«

Kein Bild steht für sich alleine, kein Kunstwerk genügt sich selbst. Stets sind beide eingebettet in gesellschaftliche Strukturen und historische Zusammenhänge. Die künstlerische, aber auch assoziative Bildarbeit bedeutet zugleich die Arbeit an dessen Kontexten. Deutlich wird das etwa bei Selbstporträts, denn bildliche Selbstdarstellungen sind eng ans Subjektverständnis geknüpft, also an ein zeitspezifisches Verständnis von Individuum und Typus, von künstlerischem Selbstverständnis und dessen sozialer Wahrnehmung.

In der Bremer Weserburg ist die Ausstellung »Why not?« der Künstlerin Elina Brotherus zu sehen. Sie macht solche Beziehungsgeflechte sichtbar. Meist zeigen ihre Fotografien und Videoarbeiten die finnische Künstlerin selbst, sie ist fotografierendes Subjekt und fotografiertes Objekt zugleich. So rüttelt sie an einem tradierten Verständnis des Weiblichen als »Im-Bild-Sein«, während das Männliche stets die Position des Blickenden einnehme. Diese Geste fotografischer Selbstermächtigung reiht sich in eine Tradition von Künstlerinnen wie Claude Cahun, Cindy Sherman oder Ana Mendieta ein. Sie nutzen die bildliche Selbstinszenierung, um Fragen von Identität und Weiblichkeit aufzuwerfen.

Mit »Setesdal Célfie«(2019) schlägt Brotherus den Bogen zu einer aktuellen Generation: Die Aufnahme zeigt ihre Rückenansicht vor einer verschneiten Seelandschaft. Für solche formalen Bezüge auf die romantischen Rückenfiguren Caspar David Friedrichs ist Brotherus bekannt. Das kann als visuelle Aneignung einer männlichen (Genie-) Tradition gelesen werden. Auf ihrem Shirt prangt jedoch die Aufschrift »Célfie« - eine Wortneuschöpfung aus »Selfie« und dem Modeunternehmen »Céline«. Das scheint einen Vorwurf an die neoliberale Selbstvermarktungstendenz der Instagram-Generation zu implizieren. Die Künstlerin verwehrt sich zwar einer Eindeutigkeit, doch auch ihre Konzentration auf klassische Bildmedien verdeutlicht: Brotherus fühlt sich einer euroamerikanischen Künstlerinnen-Tradition mehr verbunden als einem gegenwärtigen (Netz-)Feminismus.

Die Aufnahme »About Being My Model« (2017) betont das, denn sie ist eine explizite Hommage an die 1981 viel zu früh verstorbene Francesca Woodman. In der Farbfotografie sehen wir zwei unbekleidete Frauenkörper in einem leeren Raum. Beide halten sich eine schwarz-weiße Kopie des Konterfeis von Brotherus vors Gesicht: ein viel zitiertes bildliches Identitätsspiel. In »Disobedience« (2018) porträtiert sich die Fotografin gemeinsam mit der berühmten Performancekünstlerin Valie Export. Gekleidet in ein weißes Shirt mit der Aufschrift »Stand Up« sitzt sie auf einem Hocker. Die ältere Künstlerin steht daneben, ihr schwarzes Shirt sagt: »Sit Down«. Auch diese Bildstrategien können feministisch gelesen werden, müssen sie aber nicht. Wichtiger als eine explizit gesellschaftskritische Haltung scheint Brotherus das humoristische Spiel mit kunsthistorischen Referenzen zu sein, in deren Tradition sie sich verortet.

Das animiert Betrachter*innen zu einer Spurensuche, wie sie auch die neue Serie »Sebaldiana. Memento Mori« darstellt: Die Künstlerin hat sich auf eine Reise nach Korsika begeben, um dort Orte aufzusuchen, die der Schriftsteller W.G. Sebald in Textfragmenten beschrieb. Wir sehen Brotherus vor beeindruckenden Landschaftskulissen, aber auch in einem menschenleeren Speisesaal. Eine Fensterfront gibt den Blick frei auf die azurblaue Küste, das zitiert die Malerei der Renaissance. Die Bildkomposition und die drückende Einsamkeit der Aufnahme erinnern dagegen an die Werke Edward Hoppers.

Die charakteristische Melancholie dieser Fotografien kann als Sinnbild einer unmittelbaren Gegenwart interpretiert werden, in der eine Pandemie die individuelle Vereinzelung erfordert.

Sehenswert wird die Ausstellung vor allem aufgrund der vielen Referenzen auf die Fluxus-Bewegung der 1960er Jahre, die für Brotherus jüngstes Schaffen zentral ist. In der Videoarbeit »Running Past Camera - Running Toward Camera« (2017) sehen wir sie durch eine karge Landschaft laufen. Erst von links, dann von rechts, dann frontal auf die Kamera zu, die sie rabiat umwirft. Das ist wirklich lustig anzuschauen und zitiert den Konzeptkünstler John Baldessari, der seinen Studierenden eine Liste mit Kunstideen aushändigte.

Auf diese referiert auch die Fotografie »Disguise Yourself as Another Object (a Big Bird)« (2016): Hier steckt Brotherus ihren Kopf in einen rosa Mülleimer. Derart schlicht, aber überzeugend, sind auch ihre Umsetzungen von George Brechts »Event Scores« (1960/61): kleine Handlungsanweisungen, bei denen nicht das Ergebnis, sondern der Prozess im Zentrum steht. In »Black Object, White Chair« (2016) sitzt die Künstlerin in einen schwarzen Müllsack gezwängt auf einem Gartenstuhl, nur ihr Fuß schaut heraus. Solche Arbeiten ermöglichen eine spielerische Auseinandersetzung zwischen Gegenwartskunst und Kunstgeschichte. Es ist die Offenheit dieser performativen Momente, die aus einem »Why?« ein »Why not?« machen.

»Why not?«: bis 21. Februar, Weserburg - Museum für Moderne Kunst, Teerhof 20, Bremen

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