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Erst der Tourismus, jetzt das Abendgeschäft

In Italien nutzen Kriminelle und Neonazis den Zorn über die Coronamaßnahmen

  • Von Anna Maldini, Rom
  • Lesedauer: 3 Min.
Menschen protestieren gegen die Corona-Maßnahmen der italienischen Regierung.
Menschen protestieren gegen die Corona-Maßnahmen der italienischen Regierung.

Im Frühjahr haben die Italienerinnen und Italiener den Lockdown und die weiteren strengen Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie akzeptiert. Dementsprechend zeigten sie viel Disziplin, was in aller Welt mit Staunen zur Kenntnis genommen wurde. Jetzt, im Herbst, sieht es im Mittelmeerland ganz anders aus. Weniger als die Hälfte der Bevölkerung hält die seit Montag geltenden neuen Einschränkungen für richtig. Fast 15 Prozent sehen sie als zu streng an, und nur einem Drittel erscheinen sie als nicht ausreichend. Die Spaltung in dieser Frage betrifft nicht nur die Bevölkerung, sondern auch die Regierung.

Die neuen Maßnahmen betreffen in erster Linie Restaurants und Lokale. Die müssen jetzt landesweit um 18 Uhr schließen; Sporteinrichtungen, Kinos und Theater dürfen überhaupt nicht mehr öffnen. In der Bildung ist wieder Fernunterricht angesagt, wovon die Kindergarten- und Grundschulkinder allerdings größtenteils ausgenommen sind.

Als die Anordnungen bekannt wurden, gab es erst in Neapel und dann in praktisch allen italienischen Großstädten Proteste, die zum Teil in regelrechte Straßenschlachten ausarteten. Zuerst protestierten die Lokalbesitzer und ihr Personal. »Erst hat man uns den Tourismus genommen, jetzt auch noch unser Abendgeschäft«, heißt es praktisch von Bozen bis nach Palermo. »Die Innenstädte sind ausgestorben und wir sterben mit ihnen.« Dann kamen die Kulturtreibenden hinzu: »Es gibt überhaupt keine Beweise dafür, dass sich Menschen in Theatern oder Kinos angesteckt haben. Aber die Kultur ist für ein Volk genauso wichtig wie das tägliche Brot.« Und auch die Betreiber von Sporteinrichtungen gingen auf die Straße: »Bei uns können die Menschen sich ihren Frust ›abtrainieren‹ und jeder weiß, dass Bewegung für die allgemeine Gesundheit förderlich ist.«

Doch schon wenige Stunden später waren die Straßen und Plätze in der Hand ganz anderer Gruppen. Das waren in erster Linie die Neofaschisten, die entweder mit ihren Symbolen und Slogans auftraten oder sich unter die anderen Demonstranten mischten. Dazu kamen die Ultras, also die ultrarechten Fußballfans, die als gewalttätige Krawallmacher bekannt sind. Es sind zwar kleine, aber durchorganisierte Gruppen, die sich immer wieder Straßenschlachten mit den Ordnungskräften liefern. Ebenfalls bei den Unruhen präsent sind laut den Behörden Banden aus der Mafia und dem sonstigen Milieu des organisierten Verbrechens. In Turin, aber auch in Neapel, Rom und Triest warfen sie Steine in Schaufenster und plünderten vor allem Luxusgeschäfte.

Anfangs machte das italienische Innenministerium auch eher links gerichtete Jugendzentren verantwortlich, doch schon kurz darauf waren sie wieder von seiner Liste potenzieller »Gefährder« verschwunden.

Es bleibt aber Tatsache, dass die italienische Bevölkerung die nun erlassenen Regeln, bei denen eine klare Linie fehlt, nicht mehr einfach so akzeptiert. Warum müssen die Kinos schließen, in denen jeder einzelne Besucher genau kontrolliert wird, fragt man sich zum Beispiel, während sich in den Einkaufszentren an den Wochenenden die Menschenmassen drängeln? Was ist mit den öffentlichen Verkehrsmitteln, die weiterhin voll sind und wo Abstandhalten beim besten Willen nicht möglich ist? Warum dürfen in den Restaurants höchstens vier Personen an einem Tisch sitzen, während es für Feste in den eigenen vier Wänden nur sehr allgemeine »Empfehlungen« gibt?

Die Italiener sind konfus - und auch in der Regierung sieht es nicht anders aus. Nur wenige Minuten, nachdem der Ministerrat die letzten Maßnahmen beschlossen hatte, erklärte eine der Regierungsparteien - Italia Viva des früheren Ministerpräsidenten Matteo Renzi - sie sei damit »eigentlich« nicht einverstanden, und »eigentlich« hätte es ganz andere Branchen treffen müssen. Die Entscheidungen habe man »auf der Basis vorübergehender Emotionen« und »ohne wissenschaftliche Basis« getroffen, erklärte der ehemalige Regierungschef. Nur in einem sind sich alle einig: Hilfen für die Betroffenen müssen diesmal wirklich - anders als im Frühjahr - sofort ausgezahlt werden.

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