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Schlimmer als der Tod ist der Entzug

BALLHAUS OST: Frank Willmann blickt auf den Fußball zwischen Leipzig, Łódź und Ljubljana

Fußball: Schlimmer als der Tod ist der Entzug

Konservativen Anarchisten wie mir stellte sich am Wochenende mal wieder die Frage: Geh ich Bomben werfen, vergifte ich Tauben im Park oder gucke ich Fußball? Das Bombenwerfen auf marktliberale Idioten verschiebe ich Jahr für Jahr und konzentrierte meine Sehkraft auf das Betrachten meiner Lieblingsmannschaft. In der vierten Liga gewinnt sie nach schlimmem Intro derzeit Spiel um Spiel.

Ursprünglich wollte ich Sonntag das beschauliche Städtchen Rathenow anpeilen, unterwegs der Landbevölkerung Steinpilze stibitzen und im Stadion Vogelgesang mieses Bier und billige Wurstwaren delektieren.

Aber nein, aber nein!

Die gestrenge Tante Corona mag keinen Fußball und verbannte in Rathenow Auswärtsfans aus Stadt und Stadion. So saß ich nun mit Art- und Leidensgenossen in einer Berliner Kneipe und spielte die Rolle eines besonders edlen Möbelstücks. Trank Bier mit Brause, was eine gemütliche Wirkung entfaltete, und lauschte dem dürren Geschnatter eines Menschen, dessen Brotberuf die Fernsehfußballberichterstattung ist.

Es geht die Sage, Fernsehfußballmoderatoren seien moderne Abdeckergehilfen, die unserer Lieblingsfreizeitangelegenheit durch grobschlächtige Behandlung jeden Zauber nehmen wollen. Dies im Hinterkopf hatte ich einen Dichter dazubestellt, auf dass wir das Entbeinen unseres Sports mittels unsterblicher Verse zu verhindern suchten:

»Der Fußball fällt herab/ er sinkt und sinkt/ Wer singt ihm ein Lied?/ Wer zieht den Säbel blank, wenn der Funktionär den Fußball verkauft?/ Wir! Wir! Wir!«

Leider, leider scheiterte der Verseschmied beim Verlassen seines Elfenbeinturms gen Kneipe bereits an der Türklinke. Der Gedanke, ob er sie nun energisch drücken, oder mit einem galanten Stups antippen sollte, überforderte ihn derart, dass nur der Sprung rückwärts ins Bett blieb.

Allein gelassen wagte ich also in der Halbzeitpause den Gang nach draußen. Müde ließ ich den Blick die Schönhauser Allee herunterwandern. Irgendwo unten am Alexanderplatz trafen sich gerade besorgte Bürger und Verwirrte aller Lager zum Corona-Ringelpietz. Sie glühten angstfrei beim lustigen Demokratie-Haschen, vereint im hehren Glauben an die Große Coronalüge.

Doch wir Fußballmenschen haben auch Spaß. Noch am Vortag sahen mehrere tausend original Union-Fans im Stadion ihrer Mannschaft zu. In Rostock ebenso. Friedhofsruhe hingegen in Stadien in München, Stuttgart, Mainz, Bremen … Mir blieb am Sonntag nach 15 Minuten Pause auch nur wieder der Herr im Fernsehen mit seinen immergleichen Mätzchen und rundgestrickten Sätzchen.

Vor zwei Wochen bewiesen einige Tausend tschechische Fußballfans an zentraler Stelle in Prag bemerkenswerten Irrglauben, als sie im Fußballliebeswahn gegen Corona randalierten. Getrennt in den Farben, vereint im Virusleugnen, schmissen sie mutig die Schaufenster einiger Innenstadtkneipen ein. Wo Touristen gerne zechen, können sie sich schon lange kein Bier mehr leisten.

Womöglich bereitete es ihnen Freude, durch diesen Akt der Gewalt die Knoten (kein Fußball, letztes Spiel verloren, der Kanarienvogel bekommt Junge) tief im Inneren zu lösen? In Bratislava geschah am Folgetag ganz Ähnliches. Fußballentzug ist schlimmer als der Tod …

Nach dem Genuss des Spiels spazierte ich ein wenig durch Berlin. Kastanien protzten, Eichhörnchen rannten um ihr Leben. Sogar ein wenig Sonne zeigte sich und verscheuchte meine dunklen Gedanken fürs erste vom Prenzlauer Berg in Richtung Charlottenburg.

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