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Unterwelten droht Untergang

In der Coronakrise zieht es nur wenige Menschen in Berlins Bunkeranlagen

  • Von Mischa Pfisterer
  • Lesedauer: 4 Min.
Wenn es hart auf hart kommt, werden die Berliner-Unterwelten-Bunker bald dauerhaft so menschenleer sein wie dieser in Gesundbrunnen.
Wenn es hart auf hart kommt, werden die Berliner-Unterwelten-Bunker bald dauerhaft so menschenleer sein wie dieser in Gesundbrunnen.

Es geht ein lange Treppe hinunter, am Ende steht man vor einer unscheinbaren Tür. Im Hintergrund hört man die U-Bahn rattern. Melita Ersek und Sascha Keil tragen orangefarbene Warnwesten mit einem Berliner-Bären-Aufnäher auf der Brust, in der Hand halten sie eine Taschenlampe und einen Kaffee, den sie sich noch schnell geholt haben, bevor sie die grüne Tür der Bunkeranlage am Bahnhof Gesundbrunnen öffnen.

Keil ist Bunkerforscher und Sprecher des Vereins Berliner Unterwelten. »Corona hat bei uns alles auf den Kopf gestellt, ich sehe, wie Existenzen gefährdet sind und wie die gesamte Idee auf einmal ins Wanken gerät, weil wir nun mal an solche Gebäude gebunden sind.« Der Verein befindet sich aktuell in der größten Krise seiner Geschichte. »Wir müssen uns schon sehr strecken und kreativ sein«, sagt Keil zu »nd«.

Seit 1997 erforschen und dokumentieren die Mitglieder des Vereins den Untergrund der Hauptstadt: stillgelegte U-Bahnhöfe, Industrieanlagen, Luftschutzbunker. »Unser Ziel ist es, Geschichte an authentischen Orten zu zeigen«, sagt Keil. Den Anfang machte der nach dem Krieg zugeschüttete Bunker am Humboldthain. An Anfang noch als »Bunkerküsser« abgetan, ist der Verein mit seinen 500 Mitgliedern mittlerweile eine Instanz im touristischen Berlin-Programm.

Seit 13 Jahren bieten sie Führungen durch die Anlagen an, manchmal mehr als 40 Touren am Tag, in sieben Sprachen. 350 000 Besucher zählten die Unterwelten im vergangenen Jahr und gehören damit zu den meistbesuchten Berliner Museen.

»In der Vergangenheit konnten wir uns vor Nachfragen nicht retten, die jetzige Situation ist absolutes Neuland für uns«, berichtet Keil. Seine Kollegin aus dem Vereinsvorstand, Melita Ersek, ergänzt: »Fördergelder beantragen mussten wir nie, wir konnten uns immer aus den Einnahmen der Besucherführungen finanzieren.« Das ist nun erst einmal vorbei. 50 000 Euro Verlust verzeichnet der Verein pro Monat, zwischenzeitlich, als die Touren an allen zehn Standorten eingestellt werden mussten, waren es sogar 100 000.

Seit Juni läuft der Betrieb zwar wieder, allerdings mit weitaus weniger Besuchern. So auch an diesem verregneten Tag. Wo sich sonst große Menschentrauben bilden, haben sich lediglich 13 Besucher eingefunden. Mit Mundschutz und nötigem Abstand wollen sie die viergeschossige, unterirdische Ausstellung über die Geschichte der Berliner Bunkeranlagen besichtigen. Allein rund um den Bahnhof Gesundbrunnen gibt es sechs Orte, die vom Verein genutzt werden.

»Normalerweise dürften 30 Personen an der Tour ›Bunker, U-Bahn, Kalter Krieg‹ teilnehmen«, sagt Führerin Anja Flies und weist ihre Gruppe auf die Desinfektionsspender am Eingang des Bunkers hin. »So, jetzt einmal jeder die Hände einschmieren, und bitte achten Sie auch auf die Abstände.«

Manche Bunker hätten noch Lüftungsanlagen, die man benutzen könne, berichtet Keil: »Grundsätzlich geht es jetzt darum, alle Anlagen coronasicher zu machen, und das geht nur mit aufwendigen technischen Umbauten.« Mitte Oktober hat die Investitionsbank Berlin einen Förderantrag in sechsstelliger Höhe bewilligt. Der Verein hofft, sich mit der Einmalzahlung ins kommende Jahr zu retten. »Für eine langfristige Sicherung brauchen wir aber weitere Hilfen«, sagt Ersek. Auf der Internetseite bittet man daher um Spenden. Mehr als 130 Arbeitsplätze stehen auf dem Spiel. Im Frühjahr habe man sich bereits von den freien Mitarbeitern trennen müssen.

Auch beim Programm kündigen die Bunkerforscher Änderungen an. »Wir wollen uns jetzt noch stärker auf die Berliner als Zielgruppe konzentrieren und etwas bieten, was sie noch nicht kennen«, sagt Keil. Dazu gehöre ein Tunnelfragment aus der Zeit des Nationalsozialismus unter dem Tiergarten und der Hochbunker am Heckeshorn im Forst Düppel. Auch die zwischen 1941 und 1943 angelegte Bunkeranlage am Alexanderplatz wollen sie wieder zugänglich machen. Hierzu sei man in Gesprächen mit dem Immobilienkonzern Hines, der auf den baulichen Überresten ein Hochhaus plant.

»Seit Berlin Corona-Hochrisikogebiet ist, gehen die Zahlen der auswärtigen Besucher deutlich zurück«, berichtet Ersek. Auch unter den Teilnehmern der Tour mit Anja Flies sind etliche Berliner. »Wir wollten letztes Jahr mit unseren Kindern schon mal kommen, da war alles ausgebucht, das holen wir jetzt nach«, sagt eine Besucherin. »Wir fühlen uns hier total sicher, Maske, Abstand, Hygiene, alles prima!«

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