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Wenn Wahrheit keine Lust gewährt

Frédéric Valin sucht bei Friedrich Nietzsche nach Corona-Trost

Von Frédéric Valin

»Das Interesse am Wahren hoert auf, je weniger es Lust gewaehrt«, schrieb Friedrich Nietzsche vor inzwischen beinahe 150 Jahren. »Die Illusion, der Irrthum, die Phantastik erkaempfen sich Schritt um Schritt, weil sie mit Lust verbunden sind, ihren ehemals behaupteten Boden: der Ruin der Wissenschaften, das Zuruecksinken in Barbarei ist die naechste Folge; von Neuem muss die Menschheit wieder anfangen, ihr Gewebe zu weben, nachdem sie es, gleich Penelope, des Nachts zerstoert hat. Aber wer buergt uns dafuer, dass sie immer wieder die Kraft dazu findet?«

Möglicherweise hat sich seither hier an einem entscheidenden Punkt etwas geändert: die Wissenschaft an sich ist weitestgehend intakt. Doch ist sie entkoppelt und unvorbereitet, wenn sie auf die große Bühne muss. Sie hat ihr Laboratorium in einem Hinterhof und weiß nichts mit sich anzufangen, wenn sie die Agora betritt: Hier braucht sie Persönlichkeiten, die vermitteln. Die Klimaforschung braucht eine Greta Thunberg, die Virologie braucht einen Christian Drosten - mediale Figuren, die einen Teil des allgemeinen überschießenden Bewusstseins auf sich lenken, an denen sich die Affekte abarbeiten können. Diese Figuren verlassen damit auch die Rolle der flankierenden Experten - die sich vor allem dadurch auszeichnen, dass sie wissen, was sie nicht wissen -, und werden zu Ikonen. Das mag dem Wesen der Wissenschaft widerstreben, ist aber alternativlos: Sonst übernehmen andere diese Rolle, Scharlatane wie Wolfgang Wodarg oder Aufschneider wie Sucharid Bakhdi.

Friedrich Nietzsche sagt, dass die Erkenntnis uninteressant wird, wenn sie keine Freude macht. Genau das erwartet uns die nächsten Monate: »Wenn nun die Wissenschaft immer weniger Freude durch sich macht und immer mehr Freude (...) nimmt: so verarmt jene groesste Quelle der Lust, welcher die Menschheit fast ihr gesammtes Menschenthum verdankt.« An dieser Verarmung arbeiten alle mit, die sich darüber lustig machen, dass Menschen über den R-Wert spekulieren, über exponentielles Wachstum nachdenken und wissenschaftliche Papiere lesen. An dieser Verarmung arbeiten all jene, die lang und breit nichts anderes als ihre Sorgen und Ängste dargestellt haben wollen, arbeiten die Fußballvereine, die sagen, Fußball sei nicht möglich ohne Zuschauer, arbeiten die Apologeten von »alternative facts«.

Am Ende tötet der Wille zum eigenen Wohlbefinden das Denken und die Empathie gleichermaßen. Im April dieses Jahres fragte in Frankreich eine Zeitung ihr Publikum nach der Wirksamkeit von Chloroquin bei einer Covid-19-Erkrankung. Zu diesem Zeitpunkt wusste die Medizin noch nichts darüber, was dieses Medikament bewirken könnte oder auch nicht. Doch nur 21 Prozent der Befragten gaben an, dazu nichts zu sagen zu haben.

Kritisches Denken heißt nicht, alles andere zu hinterfragen und nur sich selbst nicht. Kritisches Denken heißt, dem eigenen Hirn nicht zu trauen. Die Zitate stammen aus Nietzsches Werk »Menschliches, Allzumenschliches«. Der Untertitel: »Ein Buch fuer freie Geister«.

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