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»Ich bin stolz darauf, eine Chola zu sein«

Seit die Bolivianerin Yolanda Mamani mit zwölf Jahren Hausangestellte wurde, hat sie gegen Ungerechtigkeiten aufbegehrt. Heute studiert sie Soziologie

Von Andreas Hetzer

Yolanda, Du kleidest dich wie eine Chola. Ist es in Ordnung, wenn ich Dich Chola nenne?

Es kommt auf den Ton an. In der bolivianischen Gesellschaft werde ich oft abwertend als Chola oder Indígena bezeichnet. Ich lebe in einer höchst rassistischen Gesellschaft. Wenn du als indigene Frau vom Land in die Stadt kommst, dann weist dir die Gesellschaft einen bestimmten Platz zu. Sie setzt dir klare Grenzen, je nachdem, wie du dich kleidest, welche Hautfarbe du hast oder ob du Spanisch mit Akzent sprichst, weil deine Muttersprache Aymara ist. Das war historisch schon immer so und hat sich bis heute kaum geändert. Ich bin stolz darauf, Chola zu sein. Die Gesellschaft akzeptiert eine Chola wie mich nicht, die sich nicht einfach unterordnet. In meiner Jugend hat es mich verletzt und ich habe oft geweint, wenn ich als Chola bezeichnet wurde. Aber ich habe daraus Kraft geschöpft. Ich habe mir gesagt, warum weinen, wo ich doch mit Freude antworten kann: »Ich bin Chola, na und?« Ich rede laut, weil es mir nicht passt, wenn mir jemand den Mund verbietet. Ich bin rebellisch. All das macht mich zur Chola. Du kannst mich also gern so nennen.

Wo kommst Du ursprünglich her?

Ich stamme aus Warisata in der Nähe von Achacachi, der Provinzhauptstadt von Omasuyos. Mit neun Jahren bin ich in La Paz gelandet. Eigentlich wollte ich nur die Winterferien bei der Schwester meines Vaters verbringen. Meine Tante hat mich unter falschen Versprechungen zum Bleiben bewegt: Ich könne zur Schule gehen und später studieren. Sie hat mich misshandelt, so dass ich abgehauen bin und mich als Hausangestellte durchgeschlagen habe. Das muss so ungefähr mit zwölf Jahren gewesen sein.

Das feministische Kollektiv Mujeres Creando hat sich vor 28 Jahren aus der Kritik an der Position von Frauen in der bolivianischen Linken gegründet. Es betreibt selbstverwaltete Häuser in La Paz und Santa Cruz, macht dort Veranstaltungen, berät und hat eine Arbeitsvermittlungsstelle für Frauen. Wie bist Du dazu gekommen?

Über den Kampf für eine gerechte Behandlung als Hausangestellte und Kinderbetreuerin. Ich habe mich 2009 mit Frauen zusammengeschlossen, die mein Schicksal geteilt haben. Da war ich 22. Wir haben eine Kooperative gegründet, um für unsere Rechte zu kämpfen. Wir haben entschieden, unsere katastrophale Wohnsituation, die Ausbeutung unserer Arbeitskraft, die Nichtbezahlung von Sozialleistungen, Misshandlung usw. öffentlich zu denunzieren. Wir haben versucht, damit in die Presse zu kommen. Doch die Journalisten haben uns überhaupt nicht zugehört.

Das hat uns dazu bewegt, selbst zu sprechen, ohne Vermittler, von unserer eigenen Sprechposition aus. Wir waren 30 Frauen und wollten ein eigenes Radioprogramm machen. Als wir erfuhren, dass Mujeres Creando mit Radio Deseo eine eigene Frequenz hatten, haben wir ihnen eine Zusammenarbeit vorgeschlagen - und schließlich eine eigene Sendung bekommen, die sich »Ich bin Hausangestellte mit Stolz und Würde« nannte. Wir haben sieben Tage die Woche jeden Tag eine Stunde Programm gemacht, und das sieben Jahre lang. Als die meisten von uns als Hausangestellte aufhörten und neuen Tätigkeiten nachgingen, konnten wir nicht mehr in der ersten Person über das Thema sprechen und haben die Sendung beendet.

Wie ging es danach für Dich weiter?

Ich habe 15 Jahre als Hausangestellte gearbeitet. Heute studiere ich im dritten Jahr Soziologie an der öffentlichen Universität. Darüber hinaus gebe ich Workshops für Mädchen, die wie ich vom Land in die Stadt kommen. Ich bringe ihnen bei, sich gegen Unrecht zu wehren und Anzeige zu erstatten, beispielsweise, wenn sie keinen Arbeitsvertrag bekommen oder misshandelt werden. Ich ermutige sie dazu, ihre Stimme zu erheben, zu sagen, was sie denken, was ihre Wünsche sind. Darüber hinaus mache ich weiterhin eine Sendung bei Radio Deseo, die »Frauennachrichten« heißt. Und ich habe meinen eigenen Youtube-Kanal, der sich »Chola bocona« nennt, was so viel heißt wie »widerspenstige Chola«.

Was bedeutet das Kollektiv Mujeres Creando heute für Dich?

Mujeres Creando ist für mich ein Raum, der mich von vielen mentalen Grenzen befreit hat. Ich habe gelernt, meine Denkweisen und meine Sozialisierung in einem indigenen Dorf in Frage zu stellen. Es ist ein Ort der Freiheit und Widerspenstigkeit. Aber auch der innigen Freundschaft und gegenseitigen Solidarität. Hier fühle ich mich gut aufgehoben und niemals allein. Je organisierter der Kampf ist, desto leichter ist es und desto mehr Spaß haben wir. Hier treffe ich mich mit anderen Frauen. Hier hecken wir gemeinsam Aktionen aus.

Welche zum Beispiel?

Vor zwei Wochen, am Tag der Dekolonialisierung, haben wir in La Paz die Statue der Königin Isabella, die Katholische, als Chola verkleidet. Dieses Monument, genauso wie das von Kolumbus, hat mich schon immer provoziert. Von mir aus können diese Denkmäler im Museum ausgestellt werden, aber nicht auf öffentlichen Plätzen. Wir sollten sie durch etwas ersetzen, was uns Kraft gibt und unsere eigene Geschichte erzählen lässt. Warum also nicht eine Chola? Denn ich bin mehr als nur ein exotisches Ausstellungsstück für Touristen. Ich bin Teil der bolivianischen Gesellschaft. Wir wollen der Gesellschaft mitteilen, dass wir dieselben Rechte haben wie jede*r andere auch. Ich habe die Tafel mit dem Namen des Denkmals mit roter Farbe beschmiert, sozusagen als Zensur. Die Aktion kam aus tiefsten Herzen. Symbolisch haben wir das verkleidete Denkmal in »globalisierte Chola« umgetauft. Wir sind nämlich nicht nur Bäuer-innen vom Land, sondern leben auch in einer globalen Welt, nutzen Kommunikationstechnologien, um unsere Botschaft zu verbreiten, dass auch wir Chola Teil der bolivianischen Gesellschaft sind.

Mit welcher feministischen Strömung identifizierst Du dich? Kann man in Bolivien von einem dekolonialen Feminismus sprechen?

Bei Mujeres Creando sind wir ein bunter Haufen von Frauen, die aus ganz unterschiedlichen sozialen Schichten kommen. Jede vertritt ihre eigene Auffassung von Feminismus. Gemeinsam adaptieren wir Konzepte, die uns nützlich erscheinen, um entsprechend unserem spezifischen Kontext unsere eigenen feministischen Kämpfe zu führen.

Ich persönlich glaube fest an einen intuitiven Feminismus, denn sonst säße ich jetzt nicht hier. Ich hätte mich nicht ständig gegen die Gewalt meiner männlichen Chefs aufgelehnt, wenn sie ihre Frauen geschlagen haben. Dann wäre ich auch nicht immer dafür bestraft worden. Und ich hätte mich nicht organisiert. Seitdem ich denken kann, lehne ich mich auf. Als ich die Bezeichnung Feministin zum ersten Mal gehört habe, ist mir klar geworden, dass ich mein Leben lang Feministin gewesen bin. Ich gehe von meiner persönlichen Lebensrealität aus, als Chola in einer rassistischen Klassengesellschaft. Auf diese Weise kann ich meinen Beitrag für eine gerechtere Gesellschaft leisten.

Was muss in Bolivien passieren, damit die Gewalt gegen Frauen aufhört?

Ich weiß es nicht genau. Die Männer müssen ihre Mentalität ändern, neu über ihr Leben und ihre Privilegien nachdenken. Oder vielleicht müssen die Männer nochmal neu geboren werden (lacht). Ich glaube, dass vor allem im ländlichen Raum der Machismo tief verwurzelt ist. Er ist Bestandteil der Sitten und Gebräuche. Dadurch üben die Männer die komplette Kontrolle über den Körper der Frauen aus. Das Schwierige ist, dass diese Traditionen als unangreifbar gelten. Aber wer sagt, dass diese nicht auch abgeschafft und durch neue ersetzt werden können? Aber das muss vor Ort passieren und kann nicht von der Stadt aus diktiert werden. Auf dem Land ist das Wort Feminismus unbekannt, aber tatsächlich führen dort die Frauen täglich feministische Kämpfe. Davon können wir Einiges lernen.

Ich finde es bemerkenswert, dass im neu gewählten Senat wesentlich mehr Frauen als Männer vertreten sind. Ist das ein Grund zur Hoffnung?

Prinzipiell traue ich den bürokratischen Institutionen nicht. Wir haben gesehen, dass in der Regierung Morales zahlreiche Frauen vertreten waren, allerdings in niedrigeren Positionen. Aber warum kann eine Chola nicht auch Regierungsministerin oder sogar Präsidentin sein? Ich wäre an dem Tag glücklich, an dem wir eine Chola als Präsidentin hätten.

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