Corona und soziale Folgen

Zusammenhalt - auf Distanz

Sieben Tage, sieben Nächte

Von Stephan Fischer

Es wird ein langer Winter, der an diesem Wochenende schon deutlich früher als sonst beginnt - und es wird ein harter Winter. Dass die Lust am fröhlichen Maskenspektakel in diesem Jahr deutlich schwächer ausfällt, verwundert nicht - wer will Totenfeste und Halloween in Zeiten der Pandemie, wer will Zombies auf den Straßen, wenn die politische Untoten im Finale des US-Wahlkampfs über alle Kanäle »superspreaden«?

Der Winter wird lang, der Winter wird hart. Aber er wird enden. Und dann? Es ist höchst menschlich, sich Hoffnung auch über das Denken in Etappen zu machen. Den November überstehen, bis Weihnachten kommen, dann den Frühling erhoffen und bis dahin irgendwie durchhalten ... nur einmal noch, dann wird es gut. Man hofft dabei eben auch immer, dass es einem nicht wie jenem geht, der beim freien Fall aus dem 50. Stock bei jedem vorbeirauschenden Stockwerk sagt, dass bis jetzt ja alles noch gut gegangen sei.

»Halten wir Abstand, aber halten wir zusammen« - mit diesem Paradox muss sich jede Pandemiebekämpfung herumschlagen. Zusammenhalt - aber auf Distanz. An den Debatten der letzten Tagen, Wochen und Monate zeigt sich neben vielen gesellschaftlichen Bruchlinien und Rissen auch eines: Für den nötigen Zusammenhalt sind Voraussetzungen nötig, die das moderne Gemeinwesen und die heutige Gesellschaft nicht aus sich selbst heraus erzeugen können oder bereits länger nicht mehr erzeugt haben. Manche Grundlagen solcher Voraussetzungen würden in vielen heutigen Gesellschaften als fundamental freiheitseinschränkend betrachtet werden - seien es religiöse Ge- und Verbote, Standes- oder Kastengrenzen oder auch nationale Überhöhung: Wäre eine Kanzlerin denkbar, die verkündet, dass sie angesichts der Pandemie keine Parteien mehr kenne, sondern nur noch Deutsche? Zum Glück nicht. Zumal es auch kein deutsches Virus gibt.

Aber woher können in hochgradig individualisierten Gesellschaften die Voraussetzungen für den Zusammenhalt auf Distanz kommen, wenn man nicht auf vorherige, überwundene Grundlagen zurückfallen möchte - die Grenzschließungen im Frühjahr gaben unter anderem einen Fingerzeig, wie schnell so etwas gehen könnte. Und nicht nur der (politische) Schlaf gebiert Monster, auch die reine Vernunft ist dazu fähig, betrachtet man manch Gedanken und manches Konzept zu »Herdenimmunität«, die über das individuelle Schicksal angesichts großer Zahlen im wahrsten Sinne des Wortes gnadenlos hinweggehen.

Vernunft gepaart mit Empathie - vielleicht sind das die nötigen Voraussetzungen für einen Zusammenhalt auch auf Distanz. Diese müssen allerdings heute aus den Menschen heraus kommen. Wenn dies nicht mehr bei genügend Menschen der Fall ist - dann ist ja noch alles gut gegangen. Bis jetzt.

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