Corona und soziale Folgen

Die Armen verlieren

Die Corona-Pandemie verschärft soziale Ungleichheit

Von Stephan Kaufmann

Die neuen Maßnahmen der Bundesregierung gegen die weitere Ausbreitung des Coronavirus zielen vor allem auf das Privatleben der Bevölkerung und bewahren die Unternehmen weitgehend vor Einbußen. Daher erwarten Ökonomen durch die Beschlüsse bislang nur einen geringen Schaden für die deutsche Wirtschaft. Gleichzeitig zeigt eine neue Untersuchung: Einkommenseinbußen in den vergangenen Monaten erlitten vor allem die ärmeren und prekär Beschäftigten.

Die einmonatige Schließung von Hotels, Restaurants, Bars und Kinos wird viele Unternehmen hart treffen. Gleichzeitig dürften die Auswirkungen auf die Gesamtwirtschaft begrenzt bleiben. Laut Berenberg Bank machen die Branchen Gastgewerbe, Beherbergung, Unterhaltung und Luftfahrt lediglich 3,5 Prozent der deutschen Wirtschaftsleistung aus. In diesen Branchen liegt das Geschäft zum großen Teil ohnehin darnieder, weitere Einbußen dürften also die gesamte Wirtschaftsleistung kaum bremsen. Die Berenberg Bank hatte vor den neuen Anti-Corona-Maßnahmen ein Wirtschaftswachstum im vierten Quartal von 1,4 Prozent prognostiziert. Nun erwartet sie eher eine Stagnation.

Letztlich aber profitiere die deutsche Wirtschaft von den Maßnahmen, erklärt das Wirtschaftsforschungsinstitut DIW. Denn durch sie werde die Konjunktur vor einer noch härteren Infektionswelle geschützt. »Der größte ökonomische Schaden entsteht durch eine starke, lang anhaltende zweite Infektionswelle - nicht durch gezielte Beschränkungen des täglichen Lebens«, so das DIW. Auch der Internationale Währungsfonds hatte kürzlich festgestellt, dass ein zeitlich befristeter »Lockdown«, der Infektionsketten durchbricht, für eine Volkswirtschaft günstiger sein könne als ein lang anhaltendes Infektionsrisiko.

Wie einschneidend auch immer die Verluste sein werden, die Ärmeren werden im Durchschnitt wohl die größte Last tragen. Das zeigt eine Auswertung der Einkommenseinbußen der vergangenen Monaten durch das gewerkschaftsnahe Institut WSI, das im April und Juni 6000 Personen zu ihrer Situation befragt hat. Fazit des WSI: »Die Pandemie vergrößert die soziale Ungleichheit. Denn von den Einkommensverlusten sind überdurchschnittlich oft Menschen betroffen, die schon zuvor eine schwächere Position auf dem Arbeitsmarkt hatten.«

Wer schon vor der Corona-Krise ein niedriges Einkommen hatte, der verlor laut WSI überdurchschnittlich oft. So verzeichneten in der Gruppe mit einem Nettoeinkommen von weniger als 900 Euro knapp 48 Prozent der Beschäftigten Einbußen. In der Gruppe zwischen 1300 und 1500 Euro waren es dagegen »nur« 41,5 Prozent, in der Gruppe zwischen 1700 und 2000 Euro 30 Prozent und bei denen, die mehr als 3200 Euro verdienten, lediglich rund 26 Prozent.

Überdurchschnittlich häufig erlitten jene Verluste, die prekär arbeiten. So berichteten Befragte in Leiharbeit oder Minijobs jeweils um rund elf Prozent häufiger von Einkommensverlusten als der Rest. »Hingegen fiel das Risiko bei unbefristeter Beschäftigung oder in Unternehmen mit Tarifvertrag und Betriebsrat signifikant niedriger aus«, erklärt das WSI. »Bewährte Schutzmechanismen funktionieren auch in der Ausnahmesituation wie der Covid-Krise.« Es komme daher auf den Zugang zu solchen Schutzmechanismen an.

Stärker als andere waren auch Beschäftigte mit Migrationshintergrund betroffen. Laut WSI büßten sie um knapp sechs Prozent häufiger an Einkommen ein. »Menschen mit Migrationshintergrund leiden spürbar häufiger finanziell unter der Pandemie, unabhängig etwa von ihrem Schulabschluss oder Qualifikationsniveau«, betont das Institut. Ebenfalls problematisch sei, dass Eltern um sieben Prozent häufiger auf Einkommen verzichten mussten als Kinderlose. Insgesamt, so das WSI, zeigten sich jene, die Einbußen erlitten, deutlich kritischer gegenüber den gesellschaftlichen Zuständen in Deutschland.

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