»Gegenwartsbewältigung«

Eine Stadt, gebaut auf Dönerspießen

Max Czollek fordert in »Gegenwartsbewältigung« die Abkehr von deutscher Dominanzkultur. Die von ihm kuratierten »Tage der Jüdisch-Muslimischen Leitkultur« diskutieren Strategien

Von Inga Dreyer

Dass die Gegenwart bewältigt werden muss, scheint in diesen Tagen selbstverständlich. Max Czollek aber geht es im Buch »Gegenwartsbewältigung« nicht um den Alltag in der Pandemie - zumindest nicht vorrangig. Auf den Begriff stieß er in einen Essay des New Klezmer-Sängers und Dichters Daniel Kahn. Dieser beschrieb damit eine künstlerische Perspektive, »die die vielen verlorenen Zukünfte jüdischen Lebens in Europa erkundet« - um daraus Perspektiven für die Gegenwart zu eröffnen. Max Czollek versteht den Begriff als Verbindung künstlerischer Praxis und politischem Bewusstsein. Und davon handelt sein Buch - auf verschiedenen Ebenen.

Es geht um die Geschichte der Verknüpfung von Kultur und Volksgedanken im völkischen Denken. Und es geht um Konstruktionen deutscher Leitkultur. Bereits in seinem Essay »Desintegriert euch!« von 2018 analysierte er die Funktion von Jüdinnen und Juden für die Konstruktion des deutschen Selbstbildes im Zuge der »Vergangenheitsbewältigung«. Denn für das neue deutsche Selbst sind der Umgang mit der Geschichte des NS-Faschismus und die Rolle von Juden und Jüdinnen in diesem »Gedächtnistheater« essenziell, stellte Czollek fest.

In »Gegenwartsbewältigung« seziert er deutsche Phantasma wie das der Leitkultur und propagiert den Kampf für eine vielfältige Gesellschaft. Besonders dringlich wird diese Forderung vor dem Hintergrund aufstrebender rechter politischer Strömungen, der Gewalt und des Terrors von rechts.

Max Czollek schreibt klug, rasant, ironisch. Er zerlegt herrschende Diskurse auf gleichzeitig unterhaltsame und argumentativ überzeugende Art. Wer häufiger in Debatten um deutsche Leitkultur, den Sinn von politisch korrekter Sprache oder muslimischen Antisemitismus verwickelt wird, sollte sich ein paar Czollek-Zitate aufs Handgelenk tätowieren lassen, um sie bei Gelegenheit als Spickzettel hervorzuholen.

Der Bezug zur aktuellen Corona-Situation wirkt teilweise wie nachträglich drangestrickt. Trotzdem sind Czolleks Überlegungen zur Pandemie - etwa die Frage, wer in die viel beschworene gesellschaftliche Solidarität eingeschlossen wird und wer nicht - bedenkenswert.

Der 1987 in Berlin geborene Lyriker und Mitherausgeber der Zeitschrift »Jalta - Positionen zur jüdischen Gegenwart« entlarvt Konstrukte, die immer wieder unhinterfragt wiederholt werden - wie die Mär vom christlich-jüdischen Abendland. Er zeigt, wie vom deutschen Antisemitismus abgelenkt wird, indem »muslimischer Antisemitismus« in den Mittelpunkt gerückt wird. Natürlich gebe es auch unter Muslim*innen Antisemitismus, schreibt Czollek, aber sie sind - wie Statistiken zeigten - nicht Hauptversursacher*innen antisemitischer Gewalt in Deutschland.

Das klingt im öffentlichen Diskurs manchmal anders. Beispielsweise, wenn der CDU-Bundestagsabgeordnete Philipp Amthor in einem Interview zum Jahrestag der Befreiung Auschwitz’ sagt, dass Antisemitismus besonders in muslimischen Kulturkreisen stark vertreten sei. Von Migrant*innen müsse man erwarten, dass sie sich an »unsere Kultur« halten, in der Antisemitismus keinen Platz habe. Die deutsche Leitkultur schützt Jüdinnen und Juden vor Antisemitismus? Ausgerechnet. Durch die Verkündung der Aufarbeitung werden die Jahre des Nationalsozialismus, »die ja sonst eher ein Problem sind, zur Grundlage, wieder richtig stolz auf Deutschland zu sein - und allen anderen ihre Vorurteile vorzuwerfen«, schreibt Czollek.

Absurden Konstruktionen deutscher Leitkultur setzt Czollek das Konzept einer jüdisch-muslimischen Leitkultur entgegen, das er als »künstlerische Brechstange« bezeichnet. Denn mit »sanfter Intervention und freundlicher Ansprache« lasse sich nichts erreichen. Mit dem Mittel der Satire nimmt diese Brechstange deutsche Dominanzkultur aufs Korn. In Anlehnung an »Russia Today« verbreitet der Kanal »JewsNewsToday« Informationen zur jüdisch-muslimischen Tradition in Deutschland. So habe man herausgefunden, dass die Museumsinsel in Berlin auf Döner-Spießen in den Berliner Sumpf gebaut wurde, heißt es in einem Video. Der Berliner S-Bahn-Ring hat die Form eines Sesamrings. Die Fakten sind erdrückend.

Noch bis zum 9. November laufen die von Czollek kuratierten »Tage der Jüdisch-Muslimischen Leitkultur« - mit Veranstaltungen in verschiedenen deutschen Städten und Streaming-Angeboten im Netz. Diskutiert wird unter anderem postmigrantischer Antifaschismus und die Rolle, die eine künstlerische Praxis spielen kann. Laut Czollek basiert die plurale Gesellschaft nicht nur auf Vielfalt, sondern schöpft aus ihr auch Widerstandspotenzial. Ein wichtiges Thema des Kongresses ist auch die Erzählung der deutschen Wiedervereinigung, in der die Erfahrungen nicht-weißer Menschen, Muslim*innen oder Juden und Jüdinnen kaum eine Rolle spielen.

Max Czollek schreibt ausdrücklich nicht für »irgendwelche Rechten«, sondern für Kolleg*innen, Freund*innen, Familie. Manschen, die seine Thesen vermutlich teilen. Er schreibt aus einem postmigrantischen, kulturellen Milieu heraus, das unter anderem rund ums Berliner Gorki-Theater aktiv ist. Man könnte kritisch einwenden, dass das eine sehr besondere Blase ist. Interessanter wäre allerdings, sich von den Botschaften aus dieser Blase inspirieren zu lassen - für die Bewältigung von Gegenwart und Zukunft.

»Tage der Jüdisch-Muslimischen Leitkultur«, bis 9. November, www.tdjml.org
Max Czollek: »Gegenwartsbewältigung«, Carl Hanser Verlag, 208 Seiten, geb., 20 €

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