Horrorfilm

Mehr Sympathie für die Untoten

Der Zombie-Klassiker »Dawn of the Dead« von 1978 ist wieder da

Von Benjamin Moldenhauer

George A. Romeros stilbildender Zombiefilm »Dawn of the Dead« von 1978 jetzt wieder in die Kinos zu bringen und im Dezember auf DVD wiederzuveröffentlichen, ist eine sehr gute Idee: Wir haben 2020, und da wirken Bilder einer Horde schwankender Zombies, die die Menschheit auffrisst, nicht zuletzt sehr entspannend. Schon weil der Plot so schön klar ist, da gibt es kein Vertun: Die Toten kommen zurück (weil »in der Hölle kein Platz mehr ist«, wie der Werbeslogan des deutschen Verleihs es damals launig verkündete) und fressen die Lebenden. Ein paar von ihnen verschanzen sich in einer Shopping Mall. Dieser Ort war 1978 noch relativ neu und doch schon als gängiges, recht simples Sinnbild für Kapitalismus und Konsumgesellschaft einsetzbar. Nach und nach geht in diesem Film alles den Bach runter, und am Ende wird es ganz grimmig, Körper brechen auf, Kannibalismus und so weiter.

Was kann man heute, gut 40 Jahre nach der Premiere, noch mit dieser enormen filmischen Sauerei anfangen? Zuerst einmal sticht die angenehme Trägheit des Geschehens ins Auge. Der britische Zombiefilm »28 Days Later« führte 2002 den Zombie im Sprintmodus ins Genre ein. Zack Snyders von einer traumschönen Eingangssequenz abgesehen doch sehr doofes »Dawn of the Dead«-Remake zementierte die Hochgeschwindigkeit als Standard. Sehr zum Verdruss von George A. Romero: »Zombies don’t run. They can’t! Their ankles would snap«, beschwerte sich der Erfinder des Subgenres über Snyder. »What did they do - wake from the dead and immediately join a health club? I don’t get it.«

Diese Langsamkeit, die man an diesem Film zumindest inzwischen wahrnehmen kann, hat was sehr Entspannendes. Eine Tür geht auf, ein Untoter schwankt hindurch, den Körper ungelenk hin und her wiegend, wenn er eine der Lebenden zu fassen kriegt, beißt er halt hinein... Überhaupt ist »Dawn of the Dead« einer der Zombiefilme, die spürbar mehr Sympathie für die Untoten als die Lebenden auf der Leinwand zeigen. Letztere verhalten sich neutral bis unsympathisch, in verschiedenen Ausprägungen, die Männer bei Romero immer dümmer als die Frauen. Die Untoten hingegen fahren lustig die Rolltreppen rauf und runter, fallen mal in ein Wasserbassin, rennen gegen eine Glasscheibe. Das wirkt eigentlich ganz anrührend.

Diese Gewichtung sollte Romero in den Folgefilmen »Day of the Dead« und »Land of the Dead« noch stärker machen. Die Menschen verhalten sich unterm Eindruck der Krise tendenziell deppert bis asozial, wenn das gesellschaftliche Gefüge zusammenbricht, zeigt sich, was an Dysfunktionalitäten, Narzissmus, Menschenverachtung und schlichter Dummheit bislang unerkannt vorlag und nun durchbricht. Auch in diesem Sinne sind die Zombiefilme Romeros 2020 nicht die schlechteste Wahl.

Wichtig auch der Hinweis, dass der Verleih den sogenannten Argento-Cut wieder in die Kinos bringt. Der italienische Horror-Regisseur Dario Argento hatte damals den Film mitfinanziert und Romero auf dem Set zwar weitgehend in Ruhe gelassen, sich aber das Recht auf eine von ihm selbst geschnittene Fassung für die europäischen Kinos vorbehalten. Beide Versionen von »Dawn of the Dead« habe ich als gelungen in Erinnerung. Die von Argento besticht unter anderem durch Musik der italienischen Rockband Goblin, die, für US-Horrorfilme sehr untypisch, einen symphonischen Soundtrack komponiert hat, der aber nicht von Bombast, sondern von dünnen Keyboardsounds bestimmt ist. Die Musik trägt zum burlesken Gesamteindruck des Films wesentlich bei.

Inzwischen eher historisch interessant ist der viel beschworene politische Subtext des Films. Der kannibalische Untote ist zu einer der geläufigsten politischen Kino-Metaphern geworden: als Sinnbild für das Kaputte und Zurückgelassene, das die Welt der Lebenden bedroht. Die Bilder der Toten, die die Lebenden fressen, sollten Ausdruck und Kommentar der Wirklichkeit außerhalb des Kinos sein. Romeros Debüt »Night of the Living Dead« war 1967/68 maßgeblich beteiligt an der Entstehung von politischen Lesarten des Horrorgenres, die zuerst von einer damals noch einflussreichen Filmkritik formuliert wurden und dann wieder Eingang in die Produktionen fanden. An »Night of the Living Dead« musste man noch sehr ruminterpretieren, um den Film als Kommentar zum Rassismus in den USA und zur Bürgerrechtsbewegung zu sehen. Bei »Dawn of the Dead« ist dann klar, dass die »Zombies im Kaufhaus« (so der deutsche Verleihtitel) was mit Kapitalismus- und Konsumkritik zu tun haben sollen. Alle hirnlos, Rolltreppe rauf, Rolltreppe runter.

Das ist ganz lustig, aber auch in drei Minuten klar und heute vor allem nicht mehr sonderlich aufschlussreich. Man muss sich da auch ehrlich machen: Kaum jemand, der die politischen Diskurse nicht eh schon von sich aus an das Kino herangetragen hat, hat sich damals Zombiefilme wegen irgendwelcher gesellschaftskritischer Subtexte angeschaut. Ausschlaggebend war meist die Lust am Krassen, Kaputten. Und der Wunsch vielleicht, so etwas wie einen Alptraum einmal kontrolliert auf der Leinwand zu erleben. Das Versprechen, das die drastischen Bilder in den 80er und 90er Jahren dem adoleszenten Publikum gemacht haben, hat Horror-Regisseur Wes Craven auf den Punkt gebracht: »Thank god it’s finally out in the open and slopping around the floor.«

Für was dieses »it« jeweils einsteht, wird von den Bildern nicht zwangsläufig eindeutig vorgegeben; die Innereien auf dem Boden sind sinnliches Zeichen für das Aufscheinen einer verbotenen Wahrheit, die im Zuge der - »Dawn of the Dead« insistiert darauf: nur vorgegaukelten - Befriedung der modernen Gesellschaften verschwunden ist. Viel spezifischer wird es, Gott sei Dank, nicht.

»Dawn of the Dead«: 1978, USA. Regie: George A. Romero. Mit: David Emge, Ken Foree, Scott H. Reiniger. 120 Minuten. Kinostart: 29.10. (Wiederaufführung), ab Mitte Dezember als DVD verfügbar (Koch Films).

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