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Im Schutz von Adler und Schlange

Bücher und ein Film zum 120. Geburtstag von Anna Seghers

  • Von Mario Pschera
  • Lesedauer: 3 Min.

Für die Bücher einer Hundertzwanzigjährigen, deren Werk seit 40 Jahren abgeschlossen ist, ist es erstaunlich, wie viel davon noch in den Buchläden präsent ist, und wie viel an biografischer Literatur noch hinzugekommen ist. Nicht unverdient, war Anna Seghers doch eine der prägenden deutschen Schriftstellerinnen des 20. Jahrhunderts. Unmöglich, alle Titel hier vorzustellen. Wir beschränken uns deshalb auf eine Auswahl.

Rechtzeitig zum Jubiläum hat die emsige Anna-Seghers-Forscherin Monika Melchert den Band »Im Schutz von Adler und Schlange. Anna Seghers im mexikanischen Exil« vorgelegt. Darin beschreibt sie die Zeit der Flucht aus dem noch unbesetzten Marseille ins neutrale Mexiko. Das ursprünglich auserkorene Exil in den USA war Seghers verwehrt, da sie unter »Kommunismusverdacht« stand. Interessant ist vor allem die Schilderung des bürokratischen Irrsinns, dem die auf Einreisegenehmigung und Überfahrt wartenden Menschen ausgesetzt waren. Neben den politischen Flüchtlingen aus ganz Europa hatten allein eine halbe Million Spanier vorläufig in Frankreich Schutz gefunden. Aber es gab auch selbstlose Hilfe. Der mexikanische Konsul erteilte 40 000 Visa an Flüchtlinge, bevor das Konsulat von den Nazis geschlossen wurde. Emigranten in Übersee organisierten die materielle Unterstützung und halfen beim Fußfassen im Exil. Eine stringente Geschichte mit vielen erhellenden Querverweisen.

Anna Seghers im mexikanischen Exil

Seghers selbst hat die Marseiller Erfahrung in ihrem Roman »Transit« verarbeitet. Der im Arbeitslager internierte Deutsche Georg nimmt nach seiner Flucht die Identität eines anderen Flüchtlings an, der sich aus Verzweiflung umgebracht hat. Georg trifft aus Zufall dessen Frau Marie, die sich von ihrem Mann getrennt hat, für das rettende Visum allerdings seine Unterschrift braucht und ihn deshalb sucht. Georg ist gefangen in seiner falschen Identität, verliebt sich in Marie und kann das Geheimnis nicht lüften. Vielleicht könnten sie zueinander kommen, doch die Zeit ist nicht für die Liebe gemacht. Georg bleibt in Frankreich, während Maries Schiff sein Ziel nicht erreichen wird.

Nach den Verfilmungen von 1977 und 1991, beide auf ihre Art reizvoll, hatte sich 2018 der Regisseur Christian Petzold der Geschichte noch einmal angenommen, allerdings die in etwa gleiche Handlung von »Transit« in das gegenwärtige Frankreich verlegt. Ein genialer Ansatz, der das Überzeitliche dieser Exilantengeschichte heraushebt und den Frauenfiguren mehr Tiefe als das Segherssche Original verleiht. Ursprünglich wollte Petzold den Film gemeinsam mit Harun Farocki realisieren, dieser starb jedoch 2014.

Wie eine elegante Skizze kommt Monika Melcherts »Wilde und zarte Träume. Anna Seghers Jahre im Pariser Exil 1933 - 1940« daher, eine einigermaßen unbeschwerte Zeit für Seghers, zugleich ein Abgesang auf das Zeitalter der europäischen Bohémiens, als die antifaschistische Volksfront scheiterte. »Heimkehr in ein kaltes Land. Anna Seghers in Berlin 1947 - 1952«, von der gleichen Autorin, schildert die von Hoffnungen und Ängsten begleitete Rückkehr der Exilanten. Es stand die Austreibung des faschistischen Geistes und der Aufbau der Demokratie an, doch der Westemigration schlug heftiges Misstrauen der Moskautreuen entgegen. Gegenlesen lässt sich ihre Darstellung mit der von Christiane Zehl Romero »Anna Seghers. Eine Biographie. 1947 - 1983«, dem zweiten Band der Gesamtbiografie, die sich kritisch, aber empathisch mit der Rolle Anna Seghers’ in den heftigen ideologischen Auseinandersetzungen um die »Neue Deutsche Literatur« und den Anspruch auf eine gesamtdeutsche vs. separierte Literatur auseinandersetzt. Schön zu lesen sind hierzu die Gespräche mit Anna Seghers, die Achim Roscher, Redakteur der gleichnamigen Zeitschrift, mit ihr geführt und aufgezeichnet hat. »Mit einer Flügeltür ins Freie fliegen« nimmt auf charmante Weise der Unnahbaren den Nimbus, lässt sie ihren Mainzer Dialekt sprechen, auch ein wenig schrullig sein und verrät eine Menge über ein Land, in dem Literatur ernst genommen wurde. Wieder und wieder soll »Das siebte Kreuz« empfohlen sein: den Kindern, Enkeln, und insbesondere denen, die Faschismus wieder oder noch für eine Meinung halten.

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