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Verkürzte Arbeitszeit als Langzeitstrategie

IG Metall steht in den kommenden Monaten vor verschiedenen Tarifrunden - Nullrunde in der Metall- und Elektrobranche lehnt sie ab

  • Von Hans-Gerd Öfinger
  • Lesedauer: 4 Min.

Im anstehenden Winter laufen die Tarifverträge für gleich vier industrielle Stützpunkte der Industriegewerkschaft Metall aus: Ende des Jahres für die westdeutschen VW-Werke und die Metall- und Elektroindustrie, Ende Januar 2021 für die Textil- und Bekleidungsindustrie und Ende Februar dann für die Eisen- und Stahlindustrie.

Maßgeblich für die Tarifbewegung dürfte die Metall- und Elektroindustrie sein, kurz M + E. Hier stehen in den Stammbelegschaften bundesweit knapp vier Millionen Menschen in Lohn und Brot. Auf der Basis bisheriger Diskussionen will der Gewerkschaftsvorstand am kommenden Montag eine detaillierte Forderungsempfehlung aussprechen. Danach folgen die bezirklichen Tarifkommissionen und am 26. November will dann der Vorstand einen offiziellen Beschluss zu den Forderungen fassen. Erste Verhandlungen mit den regionalen M+E-Arbeitgebern stehen dann Mitte Dezember an. Aufgrund von Schieds- und Schlichtungsabkommen und den Laufzeiten der Tarifverträge zur Beschäftigungssicherung endet die Friedenspflicht in der Metall- und Elektroindustrie am 28. Februar. Damit wären bundesweite Warnstreiks ab Anfang März möglich, falls bis dahin keine Einigung erzielt wurde.

Die Ausgangsposition für die Tarifforderungen ist je nach Branche höchst unterschiedlich. Unterm Strich registrierte die M+E-Industrie im ersten Halbjahr 2020 gegenüber dem gleichen Vorjahreszeitraum einen Rückgang beim Umsatz um 16,6 Prozent und in der Produktion um 17,8 Prozent. Doch der Einbruch trifft nicht alle Betriebe gleich. So spüren etwa die Beschäftigten im IT-Bereich, in der Unterhaltungselektronik und der Herstellung medizinischer Geräte die Absatzflaute weitaus weniger als die Belegschaften im Automobilsektor.

Hier sind weite Teile der Branche und der von ihr abhängigen Zulieferer von starken Rückgängen erfasst. Die Kurzarbeit ist anhaltend hoch und die Insolvenzgefahr bei kleineren und mittleren Betrieben längst nicht gebannt. Während auf der einen Seite der Absatz von schweren Luxuskarossen wieder anzieht, ist ein Ende des Einbruchs bei Nutzfahrzeugen nicht abzusehen. So erwartet die Branche für 2020 auf dem deutschen Lkw-Markt einen Umsatzrückgang um rund ein Drittel. In 60 Prozent der Betriebe wird die Beschäftigung sinken und 70 Prozent haben für Teile der Belegschaft mindestens bis Jahresende Kurzarbeit angemeldet. Sorge bereitet dem Branchenverband VDA auch die Tatsache, dass die Liquidität von 20 Prozent der Zulieferer nur noch für zwei bis drei Monate gesichert ist.

Die Zahl der Beschäftigten in dieser Branche war bis Mitte 2018 stetig gestiegen, seit gut einem Jahr ist sie wieder rückläufig - inzwischen liegt sie unter vier Millionen. Nicht mitgezählt sind hier mehrere hunderttausend prekär Beschäftigte außerhalb der Stammbelegschaften: Leiharbeiter, Werkvertragsnehmer oder Menschen mit befristetem Arbeitsvertrag, die durch die Coronakrise auf der Straße stehen. Die Tarifrunde wird also überschattet von drohenden Massenentlassungen und Betriebsschließungen.

Während die IG Metall seit Jahren im Gegenzug für den Verzicht auf betriebsbedingte Kündigungen Zugeständnisse bei Einkommen und Arbeitszeiten gemacht hat, gehen einige Konzerne und Kapitalgruppen in der aktuellen Situation aufs Ganze und erklären die Sozialpartnerschaft faktisch für beendet. Autozulieferer Continental etwa will jetzt Schließungen größerer Werke in Aachen und im hessischen Karben durchdrücken. Dabei gab es die Pläne zur Verlagerung in osteuropäische Länder allerdings schon lange vor der Corona-Pandemie und der aktuellen Überproduktionskrise der Autobranche. Zum Verzicht auf Lohnerhöhungen - wie von den Arbeitgebern gefordert - ist die Gewerkschaft nicht bereit.

Die anhaltend hohe Kurzarbeit in der Industrie wirft die Frage nach einer längerfristigen Strategie in Richtung Arbeitszeitverkürzung auf. In den 1980er Jahren wurden in der westdeutschen Metall- und Druckindustrie harte Arbeitskämpfe für die 35-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich ausgefochten. In Ostdeutschland steht die »35« allerdings auch nach 30 Jahren deutscher Einheit noch immer nicht in den Tarifverträgen der Metall- und Elektroindustrie. Nun schlägt IG Metall-Chef Jörg Hofmann als ein Optionsmodell für kürzere Arbeitszeiten die 4-Tage-Woche mit einem teilweisen Lohnausgleich vor. Damit könnten Arbeitsplätze etwa in der krisengeschüttelten Autobranche gesichert und der von Digitalisierung, Energiewende und Klimawandel bestimmte Strukturwandel bewältigt werden, so seine Hoffnung. Gleichzeitig schwebt ihm vor, dass die Beschäftigten die gewonnene Freizeit zumindest teilweise für eine berufliche Fortbildung nutzen.

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