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Die verfolgte Unschuld

Ex-Gedenkstättenleiter Knabe inszeniert sich im Abgeordnetenhaus als Opfer des Kultursenators

Der ehemalige Leiter der Gedenkstätte im einstigen Stasi-Untersuchungsgefängnis Berlin-Hohenschönhausen bekam am Dienstag zum zweiten Mal Gelegenheit, im Untersuchungsausschuss des Abgeordnetenhauses, der die Hintergründe seiner Entlassung vor gut zwei Jahren beleuchten soll, seine Sicht der Dinge darzulegen. Und die Gelegenheit nutzte Hubertus Knabe diesmal weidlich.

»Unverschämtheit«, »Lüge«, »dreiste Verkehrung der Tatsachen«, »Frechheit«, »Willkür«: Schnell war bei der Aussage des Zeugen Knabe vor dem Gremium klar, wohin die Reise gehen würde. Schon in seiner halbstündigen Eingangserklärung bemühte er sich nach Kräften, sich als komplett zu Unrecht entlassen zu inszenieren - und als Opfer eines angeblich von langer Hand vorbereiteten Komplotts von Berlins Kultursenator Klaus Lederer (Linke).

Das Narrativ des 61-Jährigen: Erst habe man sich in der Senatskulturverwaltung immer wieder beraten, »wie man den Knabe fertigmachen kann«, dann habe man ihn »wie einen Hund vom Hof gejagt«. Erst kürzlich, so Knabe, habe er noch einmal eine Richtlinie des DDR-Ministeriums für Staatssicherheit gelesen, wie man den öffentlichen Ruf einer Person diskreditieren könne. Dieses Papier, behauptete Knabe, lese sich glatt »wie ein Drehbuch« zu den Vorgängen rund um seine Entlassung im Jahr 2018.

Der auch in fachlicher Sicht umstrittene Historiker sprach theatralisch von seiner »Vernichtung«, dass man ihn mit »schmuddeligen« Themen in Verbindung gebracht habe - womit er die sexuelle Belästigung mehrerer Mitarbeiterinnen durch seinen damaligen Stellvertreter meint. Kein Wort davon, dass Knabe seinen Posten räumen musste, weil er gegen ebendiese Zustände in seinem Haus nicht entschieden genug interveniert haben soll. Er habe doch »nur die laufenden Geschäfte« geführt und keine Personalverantwortung gehabt, meint Knabe.

»Tatsächlich war er sehr wohl für Personalangelegenheiten zuständig«, stellte SPD-Obmann Christian Hochgrebe im Anschluss fest. Aber das passe ins Bild: »Schuld sind bei Knabe immer die anderen.« Bekanntlich war es bereits der zweite Versuch, Knabe vor dem Ausschuss als Zeugen zu befragen. Beim ersten Anlauf Ende September hatte er aufgrund eines angeblichen »Maulkorbs« des Kultursenators gar nichts gesagt und in der Folge wegen »unberechtigter Auskunftsverweigerung« 1000 Euro Ordnungsgeld kassiert. Nun setzte der Ex-Direktor auf die gegenteilige Strategie und zog seinen Auftritt künstlich in die Länge. Fast jede Frage an ihn - und sei sie noch so simpel - zog minutenlange Beratungen mit seinen zwei Anwälten nach sich. Als Konsequenz muss Knabe bald ein drittes Mal vor dem Untersuchungsausschuss aussagen.

Nach fast vier Stunden fing Knabe schließlich an über Erschöpfung zu klagen. Spätestens da bekam das Bild des freundlichen Frühstücksdirektors, das er bis dahin von sich gezeichnet hatte, Risse: »Jetzt versuchen Sie, mir was unterzujubeln«, patzte er Linke-Obmann Philipp Bertram an. »Jetzt bewegen wir uns auf Grundschulniveau«, bekam June Tomiak von den Grünen zu hören. »Wir sind hier nicht beim Staatssicherheitsdienst«, holte er gegen Christian Hochgrebe von der SPD aus.

»Dazu fällt mir auch nichts mehr ein«, zeigte sich Hochgrebe angesichts Knabes »Show« vor dem Ausschuss irritiert. »Das ist schlicht ein anderer Film, in dem der Mann lebt«, so Hochgrebe zu »nd«. »Was heute sehr deutlich geworden ist, dass es Knabe nicht darum ging, irgendetwas zur Aufklärung beizutragen«, ergänzte Ausschusskollege Bertram. Auch das Urteil von June Tomiak zu dem Auftritt fiel eindeutig aus: »Unterirdisch.«

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