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Immer steckt jemand in der Klemme

Wie wenig genügt, um aus der Fassung zu geraten: Erzählungen von Claudia Piñeiro

  • Von Irmtraud Gutschke
  • Lesedauer: 3 Min.

Da hat die Mutter ausnahmsweise mal erlaubt, dass die Kinder beim Vater übernachten, weil der Junge Geburtstag hat. Was sie nicht weiß: dass ihr Mann keine feste Bleibe hat, weil er immer noch hofft, zu ihr zurückzukehren. In einem Immobilienbüro tätig, besorgt er sich Schlüssel und breitet mal hier, mal dort seinen Schlafsack aus.

Für den Abend mit den Kindern wählt er eine schon lange leer stehende möblierte Wohnung. Kerzen werden angezündet, eine Geburtstagstorte steht auf dem Tisch. Doch da dreht sich ein Schlüssel im Schloss, die Tür geht auf. Man hat es kommen sehen, weil schon vorher ein zweiter Mann aufgetaucht war, der in seine zum Verkauf stehende Wohnung wollte. Dennoch ist es ein erschreckender Moment. Was wird geschehen? Eine naheliegende Möglichkeit gäbe es, doch kann man es wissen?

In diesen 16 Geschichten der argentinischen Erfolgsautorin Claudia Piñeiro geht es immer wieder darum, dass jemand in der Klemme steckt - konkret (»Mit gefesselten Händen«) bei einem Raubüberfall oder Ähnlichem, so, dass überhaupt niemand anderes davon weiß und wir es erahnen und erraten müssen.

Das kann zur Besinnung herausfordern wie in »Blaue Augen hinter der Gardine«, schaurig sein wie in »Abfall für die Hühner«, gruselig wie in »Großvater Martín« oder in »Kurzzeitvermietung« - einer Short Story, die man sich als Horrorfilm vorstellen könnte. Oder auch realistisch ernst, wenn in »Unaufhaltsam« die Schulleitung verlangt, ein hyperaktives Kind mit Medikamenten ruhigzustellen, und - nachdem der Junge seine Lebendigkeit eingebüßt hat - der Direktor den Eltern dennoch den Wechsel zu einer anderen Lehranstalt nahelegt. Hatte die Mutter es geahnt, als sie einen Revolver einsteckte? Sie öffnet die Handtasche. Und ...?

Es kann witzig sein, wenn ein Schüler in »Mariano Osornos Mutter« eine Riesenaufregung verursacht, weil er einen anderen beim Fußballspiel »Hurensohn« nannte. Und es kann bis zum Schluss rätselhaft bleiben, wenn eine Frau im Erdgeschoss mit äußerster Hingabe den Christbaum schmückt und man sich die ganze Zeit fragt, was wohl die Geräusche in den oberen Räumen des Hauses bedeuten (»Morgen«).

Das sind alles Dramen im Verborgenen, wie das Leben so spielt. Alles Mögliche kann geschehen, wenn Menschen aus ihrem normalen Alltag geschleudert werden - durch eigenes Verschulden oder fremdes, oft nur durch einen dummen Zufall, der Kettenreaktionen in Gang setzt. Erlittene Gewalt hinterlässt Spuren (»Ein Schuh und drei Federn«). Aus Eifersucht wird kalter Zorn (»Carinasauce«). In einem Knäuel von Verstrickungen begreifen manche sich selbst nicht mehr (»Die köstliche Luft von Buenos Aires«). Und manch eine, manch einer balanciert schon lange an einem psychischen Abgrund vorbei.

Wie wenig genügt, um aus der Fassung zu geraten - Claudia Piñeiro, die auch eine Frauenrechtlerin ist, erzählt davon ebenso einfühlsam wie hintergründig. Durch winzige Bemerkungen weckt sie Ahnungen, Vorstellungen, wie sich ein Konflikt lösen könnte, weicht aber dem Erwartbaren immer wieder geschickt aus - bis zur überraschenden Pointe.

Piñeiro bevorzugtes Genre war bislang der Roman, wird es wohl auch bleiben. Dabei hätten die 16 kurzen Geschichten dieses Bandes auch zu Romanen werden können. Man möchte sie hintereinanderweg in einem Zug lesen, weil sie so spannend sind. Besser aber wäre es, ihnen Zeit zu geben zum Genuss an ihrer Vielschichtigkeit.

Claudia Piñeiro: Wer nicht? Erzählungen. A. d. Span. v. Peter Kulzen. Unionsverlag, 192 S., br., 19 €.

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