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Feministische Neukartierung

Für Frauen ist die Welt noch immer ungerecht - das gilt es aufzuzeigen

  • Von Birthe Berghöfer
  • Lesedauer: 7 Min.

Wer heute noch glaubt, dass Frauen und Männer gleichberechtigt auf dieser Erde leben würden, lebt wohl auf einer anderen. Selbst wenn sich Geschlechterungleichheit nicht immer offensichtlich zeigt, so wurden Machtverhältnisse und Missstände in den vergangenen Jahrzehnten unter anderem durch Erkenntnisse der Gender Studies zunehmend ins öffentliche Bewusstsein gerückt. Gleichzeitig haben Bewegungen und Debatten wie MeToo erheblich zur Wahrnehmung von Sexismus und sexualisierter Gewalt beigetragen. Dabei wurde vor allem eines deutlich: Nur wenn Sexismus sichtbar gemacht und über Gleichberechtigung gesprochen wird, können Dominanzverhältnisse zwischen den Geschlechtern geändert werden. Während sich Geschlechterungleichheit und sexualisierte Gewalt im Kleinen noch als Einzelfälle ausgeben, verdeutlicht deren Sichtbarmachung das strukturelle Problem und die Systemimmanenz ungleicher Chancen, Rechte und Realitäten von Männern und Frauen.

Wie steht es also um die Rechte und Chancen der Frauen in dieser Welt? Dieser Frage geht der »Frauenatlas« von Joni Seager nach - in 164 umfassenden Infografiken und Karten. Dabei hat die Geografin und Professorin für Global Studies sich nicht weniger vorgenommen, als eine »feministische Neukartierung der Welt, bei der die Erfahrungen von Frauen näher betrachtet und ernst genommen werden.« Von Gender Gaps, Zugang zu Bildung und wirtschaftlicher Teilhabe bis zu Gesundheit, Abtreibung und Prostitution bildet Seager in der Tat eine Fülle an Informationen ab. Anschaulich gestaltet, mit Diagrammen, Karten und Zitaten. Auf rund 200 Seiten sammelt sie Inhalte, die über einen reinen »Frauenatlas« hinaus gehen. So geht es neben der Diskriminierung von Frauen und den Rechten von Homosexuellen auch um die Situation inter- und transgeschlechtlicher Menschen. »Im größten Teil der Welt berücksichtigen die rechtlichen Schutzsysteme bisher nicht, dass es nicht nur zwei Geschlechter, sondern auch Gender- oder Geschlechtsidentitäten wie transgender, transsexuell und intersexuell gibt.«

Und auch Diskriminierung entlang der Linien Race, Religion, Alter und Gesellschaftsschicht bleiben nicht unbelichtet. Denn »die Welt der Frauen wird sowohl von Gemeinsamkeiten als auch von Unterschieden bestimmt. Überall auf der Welt tragen Frauen die Hauptverantwortung für das Aufziehen von Kindern, die Aufrechterhaltung von Familien und die Empfängnisverhütung. Reiche wie arme Frauen werden vergewaltigt, leiden unter den Folgeschäden illegaler Abtreibungen sowie der Herabwürdigung durch Pornografie. Doch wenn wir etwas aus der modernen feministischen Bewegung gelernt haben, dann dass tatsächlich bestehende Unterschiede zwischen Frauen nicht durch pauschale Verallgemeinerungen verschleiert werden dürfen.«

So war etwa die Müttersterblichkeit in den USA zwischen 2005 und 2007 pro 100 000 Lebendgeburten bei Schwarzen Frauen gut dreimal höher, als bei weißen. Überall auf der Welt gehe die Müttersterblichkeit zurück, schreibt Seager, nicht jedoch in den USA. Dort habe sich die Zahl seit den 1980er Jahren mehr als verdoppelt und verschlechtere sich, besonders für Schwarze Frauen, weiterhin. Während 2016 alleinstehende Schwarze Frauen im Alter von 16 bis 64 Jahren in den USA ein Durchschnittsvermögen von 200 US-Dollar hatten, lag dieses bei weißen bei 15 640 US-Dollar. Diese Grafiken sind der Versuch, dem Eindruck, alle Frauen seien auf gleiche Weise benachteiligt, wenigsten ein wenig entgegenzuwirken. Selbstreflektiert weist Seager auf die Problematik hin und schreibt: »Ein globaler Ansatz bringt zwangsläufigen Verallgemeinerungen mit sich, die problematisch sind und, wenn sie nicht überprüft werden, die feministische Analyse untergraben können.«

Nur wenig Erfolge

Es sind vor allem der Blick auf Entwicklungen und der Vergleich von Ländern, die der Atlas besonders anschaulich umsetzt. In diesen Punkten ist die Kartierung in der Tat, wie Seager es formuliert, »ein hervorragendes Hilfsmittel, um Muster, Kontinuitäten und Gegensätze aufzuzeigen«. Nicht zuletzt, weil die erste Ausgabe des Frauenatlas bereits 1987 erschienen ist. Seitdem habe sich die Situation von Frauen teils deutlich verbessert, bilanziert Seager heute. So ist beispielsweise die Zahl der Analphabetinnen in den vergangenen Jahrzehnten stetig zurückgegangen. Konnten 1991 rund 68 Prozent der erwachsenen Frauen in China lesen und schreiben, so waren es 2015 bereits 95 Prozent. Dennoch: »520 Millionen Frauen können dies nicht lesen« betitelt Seader eine der Grafiken zu globalen Analphabetismusraten.

»Die Bedeutung dieser Fortschritte sollte nicht unterschätzt werden, doch die Liste solcher Erfolgsgeschichten ist leider entmutigend kurz.« Besonders der Blick auf weltweite Abtreibungsgesetze und zunehmende Tendenzen, den Zugang zu sicheren Schwangerschaftsabbrüchen zu erschweren, erschreckt: In den meisten Ländern Afrikas und Südamerikas sind Abtreibungen nur dann erlaubt, wenn das Leben der Schwangeren in Gefahr ist oder der Fötus eine Fehlbildung aufweist. Aber auch mitten in Europa, in Polen, sind die Selbstbestimmungsrechte von Frauen äußerst eingeschränkt. Die dortige nationalkonservative Regierungspartei PiS versucht seit geraumer Zeit, das ohnehin schon restriktive Abtreibungsgesetz weiter zu verschärfen. Als das polnische Verfassungsgericht im Oktober entschied, Abtreibungen aufgrund von Fehlbildungen des Fötus zu verbieten, gingen jedoch Zehntausende Menschen auf die Straßen. Nach tagelangen Protesten hatte die Regierung schließlich erklärt, einen Kompromiss finden zu wollen. Die Demonstrierenden hingegen fordern eine Liberalisierung des Abtreibungsrechts. Ihr Kampf um reproduktive Rechte kann nur schwer in Zahlen ausgedrückt und abgebildet werden.

Aber selbst Zahlen, die Fortschritte und zunehmende Gleichberechtigung versprechen, sind mit Vorsicht zu genießen. So ist ein Anstieg von Frauen in Lohnarbeit nur bedingt ein Zeichen von Fortschritt. »Einerseits kann das eine beträchtliche Stärkung und mehr Autonomie bedeuten. Für Frauen ist die Kontrolle über die eigene wirtschaftliche Situation eine Grundvoraussetzung für alle anderen Rechte.« Andererseits basiert die globalisierte Weltwirtschaft in großen Teilen auf Systemen der Ausbeutung und die Bedingungen, unter denen Frauen bezahlte Arbeit leisten, unterscheiden sich zu denen von Männern. »Millionen von Frauen rund um den Globus fristen ein Leben, in dem sie kaum mehr als Leibeigene sind«, so Seager.

In der Tat sind Zahlen rund um das Thema Gender unbedingt kritisch zu betrachten und zumindest in ihren größeren Kontext zu setzen. »Ein Großteil der Arbeitsleistung von Frauen und Männern geht gar nicht in offizielle Statistiken und Berechnungen ein. Informelle, unbezahlte und ›freiwillige‹ Arbeit, Kinderbetreuung und Hausarbeit werden nicht erfasst.« Auch beim Thema häusliche Gewalt sind Statistiken in der Regel unzuverlässig. »Teilweise deswegen, weil Gewalt gegen Frauen vom Staat oft ignoriert oder sogar stillschweigend gebilligt wird - mit der Begründung, sie sei ›Privatsache‹.« Ein Anstieg von verurteilten Vergewaltigungen etwa bedeutet nicht zwangsläufig, dass diese Form der sexualisierten Gewalt zugenommen hat. Vielmehr kann es bedeuten, dass die schon immer und tagtäglich stattfindende Gewalt gegenüber Frauen als solche erkannt und bestraft wird - und die Dunkelziffer sinkt. Laut Seager führen in Europa nur 14 Prozent der Anzeigen wegen Vergewaltigung zu einer Verurteilung. In Ländern wie Palästina, Syrien und Irak können Vergewaltiger einer Bestrafung ganz offiziell entgehen, wenn sie das Opfer anschließend heiraten. Dabei spielt es oft keine Rolle, ob die Frau oder das Mädchen der Heirat zustimmt.

Keine »Frauenthemen«

Um die Chancen und Rechte von Frauen in dieser Welt steht es also miserabel. Diesen Eindruck hinterlässt der Frauenatlas, der eine bittere Bilanz zieht: »Auf der Weltkarte der Frauen gibt es nur wenige ›entwickelte‹ Länder.« Beim derzeitigen Tempo der Fortschritte werde der Gender-Gap, die wirtschaftliche Teilhabe und Chancengleichheit von Frauen, noch 217 Jahre bestehen bleiben - so die Statistik. Doch wie das Beispiel der Abtreibungsgesetze zeigt, kämpfen Frauen um ihre Rechte. Es gibt also Bewegungen, die in der zwangsläufig starren Kartierung von Ungleichheit auf der Welt schwer sichtbar werden. So kann der Frauenatlas, auch wenn er Kontinuitäten darstellt, dennoch nur eine Momentaufnahme sein. Er ist vor allem ein Atlas für alle jene, die den Luxus haben, sagen zu können, die Ungleichheit der Geschlechter betreffe sie nicht. Doch Feminismus und Geschlechtergerechtigkeit sind keine »Frauenthemen«. Es sind gesamtgesellschaftliche Probleme und Herausforderungen, die sich auf alle Bereiche des Lebens auswirken. Gleiche Rechte und Chancen von Frauen sicherzustellen heißt, nicht nur eine bessere, sondern eine zukunftsfähigere Welt zu schaffen. Der Frauenatlas lässt dies erahnen.

Joni Seager: Der Frauenatlas - Ungleichheit verstehen: 164 Infografiken und Karten. Übersetzt aus dem Englischen von Renate Weitbrecht, Gabriele Würdinger. München: Carl Hanser Verlag, 208 S., 22 €

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