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Einigkeit und Recht und Pressefreiheit

SONNTAGSSCHUSS: Über einen Tweet, bei dem das Gesicht Emmanuel Macrons mit dem Abdruck eines Stiefels versehen war

  • Von Christoph Ruf
  • Lesedauer: 4 Min.
Antonio Rüdiger beim Spiel gegen die Türkei
Antonio Rüdiger beim Spiel gegen die Türkei

Antonio Rüdiger, deutscher Nationalspieler in Diensten des FC Chelsea, hat einen Tweet des russischen Kampfsportstars Khabib Nurmagomedov gelikt, bei dem das Gesicht des französischen Präsidenten Emmanuel Macron mit dem Abdruck eines Stiefels versehen war. Nachdem der Deutsche Fußball-Bund darauf aufmerksam wurde, nahm Rüdiger den Tweet zurück und gab eine Erklärung ab, von der man annehmen darf, dass sie mit seinem Management und dem des DFB feinsäuberlich justiert wurde. Darin betont Rüdiger, er habe den dem Stiefel-Motiv beigestellten Text in kyrillischer und arabischer Schrift nicht lesen können und werde versuchen, demnächst zu verstehen, was er likt.

Selbst wenn man ihm das glaubt, bleibt allerdings das Motiv, das Rüdiger mit seiner Sympathie versehen hat - und das nicht eben subtil, also fraglos gut zu verstehen ist. Nun muss man einen Stiefelabdruck im Gesicht eines Menschen nicht unbedingt als Mord- oder Gewaltaufruf verstehen. Eine absurde Fehlinterpretation wäre das allerdings auch nicht. Fraglos ist es aber eine deutliche Parteinahme in einem Konflikt, den man sich vielleicht noch einmal kurz vergegenwärtigen muss, um zu merken, wie empörend Rüdigers Stellungnahme ist.

Macron ist ins Visier religiöser Fanatiker geraten, weil er sich nach der Ermordung des Lehrers Samuel Paty an dessen Kolleginnen und Schüler wandte. Es würde schon sehr interessieren, was genau Rüdiger an Macrons nachstehend zitierten Worten stört: »Heute Abend werde ich nicht vom politischen Islam sprechen und nicht über diejenigen, die seinen Namen an die Barbaren ausgeliefert haben. Sie verdienen es nicht. Ich will über Samuel Paty sprechen, der einer dieser Lehrer war, die man nie vergisst. Er wurde umgebracht, weil er sich entschieden hat, seinen Schülern beizubringen, zu Bürgern zu werden. Wir werden diesen Kampf für die Freiheit und die Vernunft fortsetzen, deren Gesicht ihr seid. Wir werden nicht auf die Karikaturen und die Zeichnungen verzichten.«

Macron hat mit keiner Silbe den Islam beleidigt - er betonte eine Selbstverständlichkeit in demokratischen Gesellschaften: dass Meinungs- und Pressefreiheit unverhandelbar sind, dass religiöse Empfindungen egal welcher Konfession nie über staatlichen Gesetzen stehen können. Das kann man im Grunde nicht anders sehen, selbst wenn einem gläubigen Muslim - das wiederum ist sein demokratisches Recht - die Zeichnungen missfallen können. Es geht also um die Konfliktlinie zwischen einer pluralistischen Gesellschaft und religiösem Fundamentalismus.

Selbst wenn man Rüdiger abnimmt, dass er den Like nicht gesetzt hätte, wenn er gewusst hätte, was danebensteht (»Möge der Allmächtige Sie in diesem und im nächsten Leben demütigen«, »Glauben Sie mir, diese Provokationen werden zu Ihnen zurückkehren«) und dass er eigentlich Gewalt ablehnt, hat er in diesem Konflikt für die falsche Seite Position bezogen. Und die vermeintliche Distanzierung ist genauso verräterisch wie der Like also solcher, denn das Wesentliche spart er aus. »Wenn es ein übergeordnetes Thema in meinem Leben gibt, dann ist es der Kampf gegen Gewalt und Rassismus.« Er sei, »überzeugt gläubig, aber auch ein entschiedener Gegner von jeglicher Gewalt«.

Das ist schon mal erfreulich, ändert aber nichts daran, dass er wenige Stunden nach dem vierfachen Mord von Wien und wenige Tage, nachdem in Nizza betende Menschen erstochen wurden, seine Sympathie für die Seite erklärt hat, die sich gerade - ob gewalttätig oder nicht - für religiösen Fanatismus und gegen westliche Werte artikuliert. Rüdiger distanziert sich nicht von dem, was problematisch an seiner Parteinahme ist. Rassismus hat ihm niemand vorgeworfen. Sondern die Parteinahme für religiöse Fanatiker, die Demokratie und Menschenrechte verachten.

Die Empörung über Rüdiger ist bislang überschaubar. Dabei kann ich mich gerade nicht erinnern, was noch mal die Gründe sind, warum man mit zweierlei Maß messen sollte, wenn die offene Gesellschaft (und linke Werte) von fanatischen Ideologen bedroht sind. Man stelle sich vor, Manuel Neuer hätte nach einem rechtsmotivierten Terroranschlag in London, der von Boris Johnson verurteilt wurde, ein Bild gelikt, der einen Stiefelabdruck auf der Visage des britischen Premiers zeigt. Es wäre undenkbar, dass er noch ein einziges Länderspiel machen würde.

Christoph Ruf, Fußballfan und -experte, schreibt immer montags über Ballsport und Business.

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