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»Der Judenstern wird nisch jetrajen«

Die Überlebenslüge - Wie Kurt Hillmann dem mörderischen Antisemitismus der Nazis entkam

  • Von Karlen Vesper
  • Lesedauer: 7 Min.
Erst wurden jüdische Geschäfte boykottiert, dann brannten die Synagogen und schließlich rollten die Deportationszüge in die Todeslager – Judenhass mündete in millionenfachen Mord.
Erst wurden jüdische Geschäfte boykottiert, dann brannten die Synagogen und schließlich rollten die Deportationszüge in die Todeslager – Judenhass mündete in millionenfachen Mord.

Er ist höchst beunruhigt, in großer Sorge. »Seit 2019 wurden in der Bundesrepublik 2032 antisemitische Straftaten registriert, davon 62 Gewaltdelikte. 93 Pozent werden der rechten politisch motivierten Kriminalität zugeordnet. « Kurt Hillmann weiß, wovon er spricht. Er hat Antisemitismus am eigenen Leibe erlitten, die Schmähungen und Verfolgungsängste nicht vergessen. Deshalb wird er auch in diesem Jahr am Tag der Pogromnacht von 1938 über seine Erinnerungen sprechen - als Warnung und Mahnung.

Geboren 1933 im Jüdischen Krankenhaus von Berlin, wurde er von seiner aus Polen stammenden jüdischen Mutter Machla, geborene Singer, in jüdischer Tradition und mit den jüdischen Riten erzogen. Er besucht den jüdischen Kindergarten in der Friedenstraße im Friedrichshain, wo es ein jüdisches Gemeindehaus mit einer kleinen Synagoge gab. »Daran erinnert heute eine Tafel«, erzählt Kurt Hillmann. Im Jahr, als von deutschem Boden ein zweiter Weltkrieg entfesselt wird, kommt er in die Schule, in die jüdische am Alexanderplatz. Er darf allerdings nicht am Religionsunterricht teilnehmen, denn der Vater, Kommunist, ist überzeugt: »Jede Religion ist Opium fürs Volk.« Trotz väterlichen Verdikts besucht Kurt mit der Mutter ab und an den Gottesdienst in der Synagoge in der Oranienburgerstraße.

»Wir wohnten am Königstor«, erinnert sich Kurt Hillmann. »Der Weg zur Schule war nicht so lang.« Aber er konnte schmerzhaft lang sein - wenn andere Buben, Pimpfe und Hitlerjungen, meinten, die Judenkinder verprügeln zu müssen. Die Eltern bemühen sich, ihren Sohn in einer »normalen« Schule unterzubringen. Zwei Wochen drückt er dort die Schulbank. Dann wird er »rausgeschmissen«, weil die Lehrerschaft dahinter kam, dass Kurt eine jüdische Mutter hat.

Trotz alledem hatte er eine halbwegs glückliche, behütete Kindheit, berichtet Kurt Hillmann. Er hat zwei Freunde, jüdisch. Der eine Spross einer weit verzweigten, gut betuchten Familie. »Ich habe ihn gern zu Hause besucht. Und da war ich auch immer gern gesehen.« Der andere lebt allein mit seinem Vater: Die Mutter, eine »Arierin«, hat sich vom jüdischen Ehemann scheiden lassen. »Eines Tages, als ich ihn wieder besuchen wollte, war die Wohnung versiegelt.«

Seit 1942 rollen die Deportationszüge gen Osten. Bei Hillmanns taucht eine Bekannte auf, die am Ku’damm wohnte. »Eine große, stattliche, aus meiner Sicht hübsche Frau. Sie hatte die Aufforderung zum Transport erhalten. ›Ich geh nicht mehr nach Hause‹, sagte sie. Sie blieb zwei Nächte bei uns, dann schickte mich Mutter mit ihr und einer Adresse im Norden los.« Kurt Hillmann ist blond und blauäugig. Keiner wird ihn als »Juden« verdächtigen. Er ist ihr Schutzengel. Alles geht gut. Wenige Tage später steht die Frau jedoch wieder bei Hillmanns auf der Schwelle. Sie ist verhaftet und ins Sammellager in der Großen Hamburger gebracht worden, konnte von dort aber fliehen. Kurt begleitet sie zu einem neuen Versteck. »Meine Eltern gehörten einem Netzwerk an, das Verfolgten half.«

Ein anderes Mal beherbergen die Hillmanns eine junge Mutter mit Kind, »fünf oder sechs Jahre alt«, ein aufgewecktes, lebhaftes Bürschlein. »Ich musste mich um den Kleinen kümmern, ihn beschäftigen und vor allem aufpassen, dass er beim Spielen nicht so laut wurde, denn über uns wohnte ein strammer Nazi. Die Denunziation von Juden war damals in Deutschland alltäglich.«

Kurt gilt gemäß den Nürnberger Rassegesetzen der Nazis von 1935 als »Geltungsjude«, als ein »Mischling ersten Grades«. Der Vater ist als »Volksdeutscher« registriert. Paul Hillmann ist in großer Sorge um seine beiden Liebsten. Er verbietet Frau und Sohn das Tragen des Judensterns: »Det wird nisch jetrajen!« Kurt Hillmann erinnert sich, dass er aber stets eine Kennkarte mit sich führen musste, auf der als zweiter Vorname »Israel« eingetragen war. Auf der Kennkarte der Mutter fehlt der Jüdinnen vorgeschriebene Zweitname »Sara«. Entweder ist dem Amt ein Fehler unterlaufen, oder es gab dort eine barmherzige Seele, vermutet Kurt Hillmann. Vielleicht verdankte sich dieses »Versäumnis« auch der Intervention des Vaters. »Er war selbstständiger Tischler, arbeitete für Mittelständler, Bäcker, Fleischer oder andere Ladenbesitzer, aber auch für Behörden und hat dort viele nützliche Kontakte geknüpft.« Dennoch wird Paul Hillmann gedrängt, sich von Frau und Kind zu trennen. Er weigert sich. Man droht ihm. »Er hat es trotzdem nicht getan«, ist Kurt Hillmann noch heute dem Erzeuger dankbar. »Wenn ich mich von euch trenne, seid ihr beide verloren«, habe der Vater dem Sohn seinerzeit erklärt.

Im Oktober 1944 erreicht die Hillmanns eine amtliche Karte mit der Aufforderung, Kurt soll sich zu einem Kindertransport in das sechs Jahre zuvor »angeschlossene« Österreich einfinden. Der Vater ahnt Schlimmstes. Dank seiner Beziehungen gelingt eine List, besser gesagt: eine Listenfälschung. Kurt wird von der »Transportliste« nach Österreich gestrichen und auf eine Liste für die Lungenheilstätte in Wangen im Allgäu gesetzt. Die Erkrankung der Mutter lässt die Überlebenslüge für den Sohn glaubhaft erscheinen. Seit Jahren leidet sie an Tuberkulose. Als Jüdin gebührt ihr keine ärztliche Behandlung. Jüdische Arztpraxen sind schon vor dem Krieg geschlossen worden, und »deutsche« Ärzte dürfen Juden nicht behandeln. Kurt muss hilflos mit ansehen, wie es der Mutter von Tag zu Tag schlechter geht. Der Abschied fällt ihm schwer. Auch wenn er nicht weiß, dass es ein endgültiger sein wird. Wenige Tage, nachdem Kurt in Wangen angelangt ist, stirbt die Mutter. »Das war Mord«, empört sich der Veteran noch heute. »Man hat kranke und alte jüdische Menschen wissentlich sterben lassen.«

Es geht Kurt gut im Heim: idyllische Lage, Liegekuren, sparsamer Schulunterricht, ausgiebige Spaziergänge in die Natur. Kurt hat viele Freunde, die natürlich nicht wissen, dass er Jude ist. Als er eines Tages an Masern erkrankt, wird er aus dem gemeinschaftlichen Schlafsaal in ein separates Zimmer verlegt, das er sich mit zwei weiteren Jungs teilt. »Der eine war der Sohn eines beratenden Ingenieurs von Hitlers Rüstungsminister Albert Speer, der andere Sohn eines höheren SS-Offiziers.« Wenn deren Eltern geahnt hätten ... Der Chefarzt der katholischen Klinik indes wusste wohl Bescheid. Kurt ist nach jüdischem Brauch beschnitten. »Er hat nichts gesagt. Und auch die Nonnen schwiegen.«

Eines Tages dann bricht der Krieg mit aller Wucht ein in die kleine heile Welt auf dem Hügel am Rande der Stadt. »Der Horizont färbte sich blutrot vom Geschützdonner der Alliierten.« In Wangen wimmelt es von Wehrmachtsoldaten. »Dann folgte ein geballter Tieffliegerangriff. Der dauerte drei, vier Stunden. Anschließend gab es nur noch ganz wenige Soldaten. Einige kamen zu uns raufgekrochen, um ihre Wunden verbinden zu lassen. Verteidigt wurde nix mehr.«

Kurt jubelt innerlich, als die ersten französischen Panzer anrollen. Alle Angst, alle Beklemmung weicht von ihm. Und doch kann er nicht richtig froh sein, fühlt sich nicht frei. Er vermisst die Mutter. Und den Vater. Bis Oktober 1945 muss er im Heim ausharren. Schließlich fahren Busse vor und übernehmen alle Kinder aus Berlin. Endlich kann der Junge seinen Vater wieder umarmen.

Kurt Hillmann macht das Abitur, studiert Ökonomie und wird Außenhändler für die DDR. Nach der Vereinigung trifft er den Ingenieurssohn aus Wangen: »Ich erzähl dir jetzt mal eine Geschichte ...« Der Stuttgarter Rentner, der bei Mercedes gearbeitet hatte, glaubte seinen Ohren nicht: »Kann nicht sein! Du, ein Jude? Wir haben nichts bemerkt.«

Jahrzehnte nach dem Krieg erfährt Kurt Hillmann, dass elf Familienangehörige seiner Mutter von den Nazis ermordet worden sind. Und der jüngere Bruder des Vaters im KZ Sachsenhausen starb. »Wir müssen achtsam sein, dürfen Antisemitismus und Fremdenhass nie mehr dulden«, wird Kurt Hillmann heute am Denkmal für die in Todesfabriken deportierten Juden mahnen. Und er wird einen Spruch zitieren, den er in der Friedensbibliothek der St.-Bartholomäus-Kirche am Friedrichshain las: »Fürchte dich nicht vor deinen Feinden, im schlimmsten Fall können sie dich töten. Fürchte dich nicht vor deinen Freunden, im schlimmsten Fall können sie dich verraten. Fürchte dich vor den Gleichgültigen. Weder töten und verraten sie, aber nur mit ihrer stillschweigenden Zustimmung gibt es auf der Welt Mord und Verrat.«

Kurt Hillmann spricht heute, 18.30 Uhr, auf der Kundgebung für die Opfer der Pogromnacht 1938 am Mahnmal Levetzowstraße in Berlin-Moabit.

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